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Alle reisen weniger, was macht das Virus?

Eine bundesweite Berechnung zeigt, wie der Lockdown die Mobilität verändert. Eine Erklärung für sächsische Hotspots?

Reisen sind ein Treiber der Pandemie - das legt eine Mobilitäts-Studie nahe.
Reisen sind ein Treiber der Pandemie - das legt eine Mobilitäts-Studie nahe. © Paul Zinken/dpa

Es war eine Nachricht, die am Mittwochabend für Entsetzen und Empörung, aber auch Verwunderung in Sachsen sorgte: Man denke über die „Abriegelung“ von Orten mit besonders hohen Corona-Zahlen nach. So meldete die „Freie Presse“ mit Berufung auf Regierungskreise. Doch Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) relativierte und dementierte gestresst am Donnerstag. Dies sei kein Thema, vorläufig habe man das nicht vor.

Dabei hatte er doch in seiner Landtagsrede einen Tag zuvor scharf kritisiert, dass die Sachsen noch immer viel zu viel unterwegs seien. Die Menschen in Sachsen reisten zu viel. Sie seien zu weit und zu oft unterwegs. In der eigenen Stadt und im Land. Das sei eine wesentliche Ursache für Hotspots, ein Treiber der Pandemie, wie sie in Sachsen derzeit stattfinde. Der Mobility Monitor des Robert-Koch-Instituts und der Humboldt Universität Berlin zeige dies, sagte der Ministerpräsident weiter. Thüringen und Sachsen wiesen die höchsten Bewegungsraten auf.

Doch was steht noch in dieser interaktiven Studie? Was haben die Informatiker, Statistiker und Epidemiologen außerdem herausgefunden? Ist der Hotspot Sachsen, wirklich eine Folge der hier besonders starken Mobilität der Menschen? Dazu eine Analyse der Sächsische.de.

Wo wird jetzt wie viel gereist?

Dies ist die entscheidende Frage für den Mobility Monitor. Mediziner wollen damit ein Werkzeug bekommen, mit dem sich gegebenenfalls das Infektionsgeschehen vorhersagen lässt. Denn die Welle folgt den Kontakten. Oder eben anders betrachtet; die Ebbe bei Neuerkrankungen folgt dem Verharren der Menschen am Ort. Um herauszufinden, wie oft, wie lange, wie weit die Menschen reisen, werden zig Millionen Mobilfunkdaten ausgewertet.

Wie funktioniert die Messung?

Immer wenn ein Handy mit jemandem an seiner Seite durch die Stadt, übers Land spaziert, fährt oder rast, dann wird der Telefonkontakt von einem Mobilfunkmast an den nächsten weitergereicht. Nur so ist die Verbindung stets möglich. Voraussetzung dafür, das Handy bleibt eingeschaltet. Es muss aber nicht benutzt werden. Die Server des Handynetzes finden es anhand von winzigen Datenpaketen, die stets ausgetauscht werden müssen, damit das mobile telefonieren letztlich ortsunabhängig funktioniert. Genau diese Wechsel eines Handys von Funkzelle zu Funkzelle haben die Mathematiker als anonymisierte Daten bekommen.

Aus diesen Bewegungsdaten entsteht ein dichtes Netz, bestehend aus Millionen und Abermillionen einzelnen Bewegungslinien. Seit März dieses Jahres gibt es die Datenanalyse für jeden einzelnen Tag, für jede einzelne Funkzelle in Deutschland. So wird nicht nur die Reise durchs Land sichtbar, sondern selbst die Bewegungen der Menschen in einer Stadt. Jeder Tag 2020 wird dabei mit dem Durchschnitt 2019 verglichen. Der Freitag dieser Woche an einem Ort wird mit dem Durchschnitt aller Freitage im Dezember 2019 an demselben Ort verglichen.

Was geschah im ersten Lockdown?

Mit dem ersten Lockdown im Frühjahr ging die gesamte Mobilität in Deutschland schlagartig um 39 Prozent zurück. Das betrifft die Bewegungen zu Fuß, mit dem Auto, Fahrrad oder eben auch mit Bus und Bahn. Noch in diesem ersten Lockdown nahm die Mobilität der Menschen aber bereits wieder um zehn Prozent zu. Als die strengen Beschränkungen letztlich ab 20. April gelockert wurden, kehrt bis Mai schrittweise die Normalität zurück.

Die Bürger reisen und bewegen sich durchs Land, wie vor dem Virus. Urlaub muss trotzdem weitgehend in Deutschland gemacht werden. Mit der Folge von fünf Prozent mehr Bewegung in ganz Deutschland von Juli bis September. Und Sachsen? Für den gesamten Zeitraum fällt Sachsens Mobilität gegenüber anderen Bundesländern nicht auf. Das Land bewegt sich im Mittelfeld, mal leicht darunter, mal leicht darüber.

Der Sommer ist, was die Mobilität in Sachsen betrifft, nicht anders als im Jahr 2019, vor dem Virus. Völlig anders in Mecklenburg-Vorpommern. Schon Ende Mai ist die Mobilität fast 40 Prozent größer als im Vorjahr. Im Juli August erreicht sie hier deutsche Spitzenwerte von 65 bis 75 Prozent zusätzlich. Brandenburg folgt mit einem Drittel mehr Mobilität. Sicher hat dies mit den Urlaubsreisen im Inland zu tun. Doch das Virus interessiert sich nicht dafür, wer reist und sich trifft. Es freut sich über jeden Kontaktpunkt. Das wird die zweite Welle zeigen, oder eben auch nicht.

Was passierte vor der zweiten Welle?

Fakt ist, Mecklenburg zählt bis heute zu den am wenigsten betroffenen Gebieten. Die Inzidenz liegt dort zwischen 25 und 50. In Sachsen ist sie zehnmal höher. Mecklenburg hätte die zweite Corona-Welle eigentlich schon Anfang September schwer erwischen müssen, ginge es nach den Mobilitätsdaten. Selbst wenn der Sommer die Virusausbreitung hemmt, so viel mehr an Begegnungen hätten theoretisch Folgen haben müssen. Doch die bleiben ähnlich niedrig wie in Sachsen, wo die Mobilität den Sommer über im Vergleich zum Vorjahr annähernd gleich oder geringer war.

Während Mecklenburg-Vorpommern bislang vergleichsweise wenig vom Virus betroffen ist, steigen in Sachsen die Inzidenzzahlen im November jedoch krass an. Die Wochen davor, im Oktober also, sind möglicherweise die entscheidenden. Sachsen erreicht da laut Mobility Monitor bedingt durch die Herbstferien 10 bis 18 Prozent mehr Mobilität, danach aber bleibt es bei einem Plus von nur fünf bis sieben. Ähnlich wie Niedersachsen zum Beispiel. Andere Bundesländer sind da weit voraus mit deutlich mehr Mobilität. Mecklenburg-Vorpommern hat im Oktober eine anderthalb mal so große wie im Vorjahr. Brandenburg hat ein Viertel mehr.

Wo gibt es die größte Mobilität?

Die Coronazahlen bleiben im Norden trotz alledem unten. Ein einfacher Zusammenhang, die simple Formel lässt sich so nicht herstellen: Viele Reisen im Land bringen also nicht automatisch hohe Fallzahlen. Es gibt andere Faktoren die schwerer wiegen, vielleicht oder wahrscheinlich in Kombination mit der Mobilität. Zum Beispiel: mit oder ohne Maske, volle oder leere Busse, Menschenmengen in Kaufcentern oder offene Märkte.

Der bundesweite „Lockdown Light“ seit Anfang November hat anders als im Frühjahr die Mobilität bundesweit nur um zehn Prozent sinken lassen und das sehr, sehr langsam. Sachsen liegt Mitte November im Mittelfeld. Und doch gibt es eine Ausnahme: Von allen Großstädten Deutschlands setzt sich Dresden zumindest kurzzeitig an die mobile Spitze. Jetzt, Mitte Dezember, ist Dresden inzwischen einer jener Orte, in dem die Mobilität mit am stärksten zurückgegangen ist. Sicher bedingt durch den harten Lockdown in Sachsen. Der wirkt aber sehr unterschiedlich im Land, was die Beweglichkeit betrifft. Die Menschen in Dresden sind um die 25 Prozent weniger unterwegs in der Stadt, egal wie. Doch selbst Dresden ist da zwiegespalten: Stets ist der linkselbische Teil der Stadt fünf bis zehn Prozent mobiler als die Neustadtseite.

Der Mobilitäts-Monitor bildet jeden Stadtteil ab.
Der Mobilitäts-Monitor bildet jeden Stadtteil ab. © Screenshot: SZ

Ganz generell für Sachsen gilt: Der letzte Sonntag war einer der wohl bewegungsärmsten Tage in Sachsen, ein Drittel bis zur Hälfte weniger als 2019. Selbst in Bautzen und Görlitz. An den Tagen davor und auch jetzt wieder gibt es in den Kreisen Bautzen und Görlitz täglich um die zehn Prozent mehr statt weniger Mobilität als 2019.

Bringt Mobilität Covid mit sich?

Sind die Menschen mehr unterwegs, treffen sie sich öfter, dann steigen die Infektionszahlen. Doch gleich so krass wie in Bautzen und Görlitz? Die Menschen dort sind in der Tat mobiler als die in den anderen Kreisen Sachsens. Aber dieses Unterwegssein erklärt nicht, zumindest nicht allein, die extrem hohen Corona-Zahlen dort.

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Im Kreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge beispielsweise liegt die Mobilität anders als in der Lausitz sogar unter der vom Vorjahr. Die Infektionszahlen dort zählen dennoch mit zu den höchsten bundesweit. Und die Bürger von Mecklenburg-Vorpommern reisen selbst jetzt im Dezember noch deutlich mehr als 2019 durchs Land, an vielen Tagen zwischen plus 20 und plus 60 Prozent. Dort fährt das Virus aber offenbar nicht mit.

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