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Wie geht es für Sachsens Tourismus weiter?

Sachsens Tourismusministerin Barbara Klepsch spricht im Interview über den Neustart nach Corona, Personalnot und die Aussicht auf Weihnachtsmärkte.

Barbara Klepsch ist seit 2019 als Ministerin für die Bereiche Kultur und Tourismus in Sachsen zuständig.
Barbara Klepsch ist seit 2019 als Ministerin für die Bereiche Kultur und Tourismus in Sachsen zuständig. © Ronald Bonß

Dresden. Nach etlichen Monaten des Stillstands gibt es nun eine Perspektive für die Tourismusbetriebe in Sachsen. Die ist auch dringend nötig, denn die Tourismusbranche hat massiv unter der Pandemie gelitten. Experten prognostizieren 2020 einen Umsatzrückgang in Höhe von 3,5 Milliarden Euro. Das wäre ein Minus von über 40 Prozent. Die Buchungszahlen für den Sommer versprechen Besserung.

Doch reicht das? Was passiert, wenn im Herbst die Infektionszahlen wieder steigen? Ist die Branche vorbereitet? Ein Interview mit Sachsens Tourismusministerin Barbara Klepsch (CDU).

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Frau Klepsch, Sie sind ja gerade in ganz Sachsen unterwegs, um Corona-Hilfen zu verteilen. Wie geht es der sächsischen Tourismusbranche?

Der Neustart des Tourismus ist bisher gut angelaufen in Sachsen und die Nachfrage von touristischen Angeboten erfreulich hoch. Noch ist es vor allem der Inlandstourismus, der sehr gut wieder gestartet ist. Darüber freue ich mich sehr, denn der Tourismus und die Kultur sind ja die Bereiche, die von der Pandemie am härtesten getroffen waren. Die Zahlen von 2020 zeigen deutlich, wie die Umsätze eingebrochen sind, wie die Übernachtungszahlen dramatisch zurückgegangen sind. Wir hatten im Freistaat rund 43 Prozent weniger Besucher als 2019. Am Ende des Jahres ist die Anzahl der Beschäftigten in der Branche um 12 Prozent zurückgegangen. Das zeigt, was das für den Bereich Tourismus mit Gastgewerbe und Veranstaltungsbranche bedeutet hat.

Und wie sieht es aktuell aus?

Wenn wir jetzt im Land unterwegs sind, sehe ich, dass der Tourismus und die Kultur wieder Fahrt aufnehmen. Gerade im ländlichen Raum sind die Buchungen, was Übernachtungen und Ferienwohnungen angeht, sehr gut. Es läuft sehr gut an, auch wenn manches Angebot aus dem Jahr 2019 wegen des Weggangs von Personal heute nicht mehr in der gleichen Form angeboten werden kann oder Öffnungszeiten reduziert werden müssen.

Der Freistaat hat viel Geld in die Tourismus- und Veranstaltungsbranche investiert, um sie über Wasser zu halten.

Es war richtig, dass sowohl das Land als auch der Bund Unterstützungsprogramme aufgelegt haben. So konnten die Einrichtungen überleben. Wir haben den Fokus auf die Infrastruktur gelegt, um der Kulturbranche Rückenwind zu geben. Wir wissen, die Pandemie ist nicht vorbei und durch die Hygienekonzepte haben wir teilweise weniger Besucher.

Haben Sie das geschafft?

Im Kulturbereich sind wir glücklich darüber, dass alle Einrichtungen überlebt haben. Beim Personal, den Künstlern, Beleuchtern oder Tontechnikern, fand zum Teil ein Wechsel statt. Manche haben sich andere Aufgaben gesucht, weil sie mit der Solo-Selbstständigkeit nicht überleben konnten. Im Tourismus ist es noch nicht ganz abzusehen, was sich im Bereich der Gastronomie und Hotellerie verändert. Das Personal ist das eine, was nicht mehr zur Verfügung steht. Wir wissen aber noch nicht, wie viele Insolvenzen es pandemiebedingt wirklich gibt. Die Signale aus der Branche zeigen aber, dass auch dort die Unterstützungsprogramme angekommen sind – auch wenn es etwas schleppend ging. Unsere Aufgabe ist es nun, dafür zu sorgen, dass wieder Touristen kommen.

Wie wollen Sie das erreichen?

Im letzten Jahr haben wir gezielt in Deutschland und Sachsen geworben. Die Kampagnen laufen auch in diesem Jahr. Wir werben auch außerhalb Deutschlands, der Fokus liegt aber klar auf dem europäischen Raum. Die Touristen aus China, den USA und Russland fehlen. Wir machen aktiv Werbung in Polen, in Tschechien und ganz gezielt in den Niederlanden. Das funktioniert, aber natürlich haben wir nicht die Anzahl an Touristen wie im Jahr 2019.

Nun ist die Pandemie nicht vorbei. Gibt es denn Vorbereitungen für den Herbst und Winter?

Kulturorte, und da schließe ich touristische Angebote ein, sind sichere Orte, auch unter pandemischen oder epidemischen Bedingungen, das haben sie bewiesen. Wir erleben an ganz vielen Orten, dass die Sehnsucht nach Kultur zu ausverkauften Veranstaltungen führt, gerade wenn sie draußen stattfinden. Für den Herbst und Winter setze ich für Kultur und Tourismus weiterhin auf unsere bewährten Hygienekonzepte und auf die 3-G-Regel: getestet, geimpft oder genesen.

Die Winter- und Weihnachtssaison fiel im vergangenen Jahr komplett aus. Was sind die Pläne für dieses Jahr?

Der Dezember ist für Dresden, Leipzig und auch das Erzgebirge einer der wichtigsten Monate. Diese drei Ziele generieren 70 Prozent der Übernachtungen in ganz Sachsen zu dieser Zeit. Derzeit sitzen wir mit den Partnern zusammen, um zu überlegen, wie wir uns vorbereiten und was die Kommunen oder die privaten Weihnachtsmarkt-Betreiber brauchen. Die Ergebnisse sollen dann in die Corona-Schutzverordnung einfließen.

Der Dresdner Striezelmarkt wurde 2020 wegen der Corona-Pandemie abgesagt.
Der Dresdner Striezelmarkt wurde 2020 wegen der Corona-Pandemie abgesagt. © Christian Juppe

Im Sommer 2020 waren die Infektionszahlen auch gering, dann kam die dritte Welle. Wie wollen Sie erneute Reise- und Beherbergungsverbote verhindern?

Ich glaube, es kann heute keiner in die Glaskugel schauen. Das konnten wir letztes Jahr auch nicht. Wir haben 2020 auch fest vor Augen gehabt, dass es Weihnachtsmärkte geben soll. Genauso sage ich heute, wir brauchen Weihnachtsmärkte, wir brauchen den Wintertourismus, wir brauchen das Weihnachtsland. Der Unterschied ist, dass wir heute Impfungen haben, dass wir beim Thema Testen viel weiter sind, dass viele Menschen die Krankheit bereits durchgemacht haben. Wir haben gelernt, mit der Pandemie umzugehen. Wir müssen aber auch weiter dazu beitragen und ich hoffe, dass sich möglichst viele Menschen noch impfen lassen, um sich und die Gemeinschaft zu schützen.

Gibt es Ideen aus der Branche, Impfangebote in die touristische Struktur zu integrieren?

Wir sind dazu im Gespräch. Wir haben alle Partner aufgefordert, sich Gedanken zu machen. Es gibt vom DRK das Angebot mit den 30 mobilen Teams, die Impfungen vor Ort anzubieten. Ich habe mit Veranstaltern gesprochen, die überlegen, Impfungen bei einer Veranstaltung anzubieten. Die Branche ist jetzt aktiv und genauso daran interessiert, so niedrigschwellig wie möglich Impfangebote bereitzustellen. Nur so kann es funktionieren.

Es gab die Kritik, dass nichts ausprobiert wird, um sich auf Tourismus bei hohen Inzidenzen vorzubereiten. Es gab ja verschiedene Modellprojekte, die nun nicht mehr laufen. Haben Sie da noch etwas in der Schublade?

Der Kommission liegen bis zum heutigen Tag 27 Anträge vor, ein Teil davon wurde bereits genehmigt, andere Projekte wurden zurückgezogen, andere stoppte die Bundesnotbremse. Bei einigen Anträgen ist man so verblieben, dass es wenig Sinn macht, wenn die Inzidenz gen null geht. Sobald die Zahlen wieder steigen, werden die Modellprojekte geprüft und bei positivem Votum der Kommission hoffentlich auch durchgeführt. Das ist wichtig für die Antragsteller, die sich viel Mühe damit machen, aber auch für uns, da wir daraus wichtige Erkenntnisse für Öffnungsszenarien im weiteren Verlauf der Pandemie ableiten wollen.

Was sind das für Projekte?

Mehrere Städte haben Projekte eingereicht, zum Beispiel für eine Bergparade oder für ein Stadtfest im Herbst. Es sind auch Projekte für Hotelöffnungen dabei. Wir achten darauf, dass wir verschiedene Bereiche abbilden, für die wir dann wichtige Ergebnisse ableiten können. In der Kulturministerkonferenz haben wir auch beschlossen, dass die Ergebnisse der unterschiedlichen Modellprojekte in den Bundesländern ausgetauscht werden. Damit sie berücksichtigt werden und in die nächsten Entscheidungen einfließen können.

Vor welchen Herausforderungen steht Sachsens Tourismus noch?

Der Tourismus wird sich verändern. Die Themen Mobilität und Nachhaltigkeit werden eine Rolle spielen. Ganzjahrestourismus ist für uns ein großes Thema, das wir auch finanziell unterstützen. Wir motivieren die Regionen dazu, sich damit zu beschäftigen, wie sie witterungsunabhängige Angebote machen können, damit Tourismus auch funktioniert, wenn zum Beispiel in den Skigebieten kein Schnee liegt. Wir brauchen in den Regionen außerdem ganz unterschiedliche Übernachtungsmöglichkeiten – von einem Hotel mit Bioprodukten bis hin zu einem gut ausgebauten Campingplatz. Hier haben wir weiteren Bedarf.

Wie schafft die Branche das? Jetzt, wo sie noch weniger Mitarbeiter hat?

Es wird Bereiche geben, die ihr Angebot nicht mehr in dem Umfang wie vorher anbieten können. Umso wichtiger ist es, dass man sich nach alternativen Konzepten umsieht. Saisonabhängige Fachkräfte, die ich nur im Winter einstelle und die sich im Sommer wieder eine andere Arbeit suchen müssen, werden künftig schwieriger zu finden sein. Um den Bereich attraktiver zu machen, ist es wichtig, sich so aufzustellen, dass ich Ganzjahresbeschäftigte habe, die eben nicht die Branche wechseln müssen. Wir wissen, dass das größte Problem in der Branche der Fachkräftemangel sein wird. Dort starten wir gemeinsam mit dem Landestourismusverband, der Dehoga, den IHKs und der Arbeitsagentur ab Herbst eine Kampagne, mit der wir gezielt junge Leute ansprechen wollen. Wir gehen auf die Schulen zu, es soll Azubis-Dinner geben, bei denen gezielt junge Menschen für die Branche begeistert werden sollen.

Passend zum Thema: CoronaCast mit Barbara Klepsch

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