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Piwarz: „Bis Ostern halten die Familien das nicht aus“

Sachsens Kultusminister Christian Piwarz über Präsenzunterricht für die Abschlussklassen, gute Abschlüsse und Perspektiven für die Eltern.

Sachsens Kultusminister spricht im CoronaCast über die Lage an Schulen und Kitas.
Sachsens Kultusminister spricht im CoronaCast über die Lage an Schulen und Kitas. © [M] Matthias Rietschel/Sächsische.de

Dresden. Die Schulen sind seit Mitte Dezember geschlossen. Erst in dieser Woche haben Bund und Länder über das weitere Vorgehen in der Corona-Krise beraten. Das Ergebnis: Der Lockdown wird bis 14. Februar verlängert. Sächsische.de hat im CoronaCast - dem Podcast zur Pandemie - mit Sachsens Kultusminister über die Konsequenzen für Schulen und Kitas gesprochen. Ein Gespräch über Präsenzunterricht, LernSax, Corona-Tests und Schulabschlüsse.

Das Interview lesen Sie auf dieser Seite oder hören Sie in voller Länge in diesem Player.

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Herr Piwarz, am Dienstag haben Bund und Länder über neue Corona-Maßnahmen gesprochen. Am Mittwoch kam das sächsische Kabinett zusammen. Was ändert sich für Schulen und Kitas?

Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir die eigentlich für den 8. Februar geplante Öffnung der Schulen auf den 15. Februar verschieben müssen, also noch einmal eine Woche dranhängen. Wir haben uns ja bei der Verlegung der Winterferien schon dafür entschieden, eine Woche zu verlängern. Anders als andere Bundesländer, deswegen ist der Unterschied nicht ganz so groß. Trotzdem: Eine Woche bedeutet für die Familien eine ganz Menge. Was mir wichtig gewesen ist – und das hat sich ja bei den Beratungen widergespiegelt –, dass die Abschlussklassen weiterhin in die Schulen gehen können. Damit haben wir eine Möglichkeit die Abiturienten, die Oberschüler und die Förderschüler bestmöglich auf ihre Abschlüsse vorzubereiten.

Der Kurs ist klar: Abschlüsse sollen ordentlich gemacht werden. Reicht die Zeit denn, um bis dahin den Schulstoff zu vermitteln?

Der größte Teil des Schulstoffes, gerade bei den Abiturienten, ist schon vermittelt worden. Es geht jetzt wirklich um eine gezielte Prüfungsvorbereitung. Auch um genaues Hinschauen, wo vielleicht noch Defizite sind, die man noch aufholen kann. Ich glaube, dass wir mit der Konzentration auf die Prüfungsfächer, die wir jetzt beschlossen haben, ein gutes Abitur möglich machen können. Es ist mehr Zeit für die Prüfungsvorbereitung als in „normalen“ Schuljahren. Dazu kommen die weiteren Erleichterungen, etwa, dass die Bearbeitungszeit verlängert wird. Das gilt genauso für die Oberschüler. Die sind ein bisschen später dran, erst Ende Mai. Da haben wir noch Luft. Aber klar, es steht und fällt damit, ob die Schüler weiterhin im Präsenzunterricht an der Schule bleiben können. Nur so können wir eine gute und ausreichende Prüfungsvorbereitung sicherstellen.

Die Rückkehr der Abschlussklassen in die Schulen ist umstritten. Warum bleibt Sachsen bei diesem Weg?

Im Dezember ist klar vereinbart worden, Abschlussklassen sollen an die Schulen zurückkehren, wenn das vor Ort für möglich und nötig gehalten wird. Die Mehrzahl der Bundesländer setzt das so um. Es gibt sogar Länder, die überlegen, schon Anfang Februar ihre Grundschulen in den Präsenzunterricht zurückzuholen. Wir haben uns dem mit Verweis auf die hohe Inzidenzlage noch nicht angeschlossen, sondern hatten den 8., jetzt wahrscheinlich den 15. Februar, ins Auge gefasst. Sachsen ist da also kein Bundesland, das irgendwie ausschert. Wir haben als Kultusminister immer deutlich gemacht, dass es des Präsenzunterrichts bedarf, wenn wir gute und faire Abschlüsse anbieten wollen.

Die Abschlussklassen in Sachsen haben wieder Präsenzunterricht. Um die Abstände einzuhalten, werden die Klassen geteilt.
Die Abschlussklassen in Sachsen haben wieder Präsenzunterricht. Um die Abstände einzuhalten, werden die Klassen geteilt. © dpa/ Hauke-Christian Dittrich

Unternehmen sollen ihren Mitarbeitern das Arbeiten von zu Hause möglich machen, um Ansteckungsgefahren zu minimieren, Mobilität einzuschränken, Kontakte zu reduzieren. Es wirkt unverständlich, 50.000 Mädchen und Jungen in die Schulen zu schicken. Wie passt das zusammen?

Bei den Schulen geht es um einen anderen Punkt. Wir reden über junge Menschen, über deren Zukunft und ihre Perspektive, für die wir verantwortlich sind. Ich tue mich schwer damit, dass das so abgetan wird: Wir müssen die Kontakte minimieren, deswegen können die Schüler selbstverständlich nicht in die Schule gehen. Wir wissen, selbst wenn wir noch so guten digitalen Unterricht anbieten könnten – was wir aus verschiedenen Gründen nicht können –, wäre es weniger als das, was an Schulen stattfindet. Deswegen muss es doch eigentlich das Ziel von uns allen sein, dass wir die Schulen öffnen können. Schulen sind durch die Regeln, die wir aufgestellt haben, vergleichsweise sichere Orte – das hat auch die Zeit vor dem zweiten Lockdown gezeigt. Wir sind nun im Wechselunterricht, dass heißt, geteilte Klassen: Wir können Abstände einhalten, uns im Schulgebäude verteilen. Es besteht die Möglichkeit, die Hygieneregeln konsequent einzuhalten.

Die Schüler sollen kein Not-Abitur oder einen Durchschnittsabschluss machen müssen. Es gibt Vorschläge, auf die Abschlüsse zu verzichten und den Schülern stattdessen ein Maximum an Bildung bis zum Schuljahresende mitzugeben. Was halten Sie davon?

Ich halte das für hoch problematisch. Wichtig ist mir, dass es ein Abitur oder einen Abschluss gibt, der allseits anerkannt wird. Und dass wir nicht in die Situation kommen, dass es heißt, Moment, das war doch das Corona-Jahr, was habt ihr da in Sachsen überhaupt gemacht? Mir ist es lieber, es gibt ein Abiturzeugnis oder ein Zeugnis mittlerer Reife, wo klar ist, es gab Prüfungen, und die haben die und die Noten ergeben. Da sind wir uns auch als Kultusminister einig: Wir brauchen im Sinne der Schülerinnen und Schüler diese Abschlüsse, weil wir ansonsten Sorge haben, dass die weiteren Diskussionen zum Nachteil der Schüler ausgehen und der Stempel, den man nun mit so einer Argumentation versucht zu vermeiden, erst recht draufkommt.

Mit Beginn des Unterrichts am Montag gab es ein Testangebot. Das ist eher verhalten angenommen worden. Wieso?

Ich kann da nur mutmaßen. Klar ist, es ist zu wenig gewesen. Etwa ein Drittel der Schüler haben sich testen lassen. Es gab verschiedene Rückmeldungen, etwa dass man erst zu den Testschulen fahren muss, wurde als zu umständlich oder zu gefährlich gesehen. Oder dass Schüler, wenn sie sich testen lassen und positiv sind, erst einmal raus sind und sie nicht schon wieder zu Hause sitzen wollen. Bis hin zu der Meldung, dass der Test zeitig ist und die Schüler lieber ausschlafen. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Nichtsdestotrotz ist es die größte Massentestung, die wir in Deutschland organisiert haben. Es haben sich 17.000 Schüler und gut 5.000 Lehrer innerhalb kürzester Zeit testen lassen, so dass wir ein gutes Bild bekommen. Was mich positiv stimmt, ist, dass nur 0,2 Prozent positiv getestet wurden. Bei den Lehrern waren es mit 0,4 Prozent ein bisschen mehr. Für mich ist das ein klares Signal, dass der Lockdown an dieser Stelle wirkt, dass im familiären Umfeld keine Infektionen stattgefunden haben. Das gibt Mut und Zuversicht, die Abschlussklassen an die Schulen zu lassen. Aber auch, dass wir es uns erlauben können, die Schulen wieder zu öffnen, wenn die Zahlen weiter runtergehen.

Eine Schülerin wird von einer Mitarbeitern des Deutschen Roten Kreuzes in der Mensa des Schulcampus Gehestraße in Dresden auf Corona getestet.
Eine Schülerin wird von einer Mitarbeitern des Deutschen Roten Kreuzes in der Mensa des Schulcampus Gehestraße in Dresden auf Corona getestet. ©  dpa/Sebastian Kahnert

Einmalige Tests sind nur eine Momentaufnahme und nicht wirklich aussagekräftig. Planen Sie eine nachhaltige Teststrategie?

Ja, es ist eine Momentaufnahme. Es wird eine zweite Testreihe geben, wenn die Schulen wieder geöffnet werden. Wir planen, die Abschlussklassen dann erneut zu testen. Dort werden wir nicht nur auf das DRK zurückgreifen können, sondern hoffentlich auch auf die Hausärzte und Apotheker. Wir sind gerade in guten Gesprächen, damit sichergestellt wird, dass die Tests dann an der Schule direkt stattfinden. Aber ich hab ein zentrales Problem: Ich brauche auch für die Schnelltests medizinisch geschultes Personal. Das ist die Achillesferse aller Testüberlegungen. Wir arbeiten gerade an Testmöglichkeiten, bei denen ich das Personal nicht brauche: Also Tests, die Schüler ab Klasse 7 und Lehrer selbst durchführen können. Gurgeltests, zum Beispiel, womit in Österreich gute Erfahrungen gemacht wurden. Sollte das Erfolg versprechend sein, müssen wir überlegen, ob wir flächendeckend und wiederholt testen. Dann hätten wir eine gute Überwachung dessen, was an Schulen stattfindet.

Wäre nicht eine langfristige Perspektive zu den Schulöffnungen die bessere Lösung, anstatt im Rhythmus der neuen Corona-Verordnungen immer neue Daten nennen zu müssen? Etwa die Schulöffnungen an Inzidenzzahlen knüpfen?

Ich tue mich damit sehr schwer, weil ich mich damit sklavisch an eine Zahl binde, die ich nur begrenzt in ihrer Relevanz einschätzen kann. Wichtig ist doch, dass die Gesundheitsämter in die Lage versetzt werden, Kontaktnachverfolgung sicherzustellen, dass die Krankenhäuser in eine Situation kommen, in der sie den Andrang an Erkrankten bewältigen können und dass wir insgesamt in der Gesellschaft ein niedriges Ausbreitungsgeschehen haben. Dafür steht sinnbildlich der Wert von 50, obwohl ich den sehr ungern in Stein gemeißelt sehe. Wir müssen mit den Zahlen runter. Die 50 ist eine Zielzahl, da müssen wir möglichst nah ran. Dann müssen wir in der Gesamtbetrachtung entscheiden, ob wir den Schritt der Schul- und Kita-Öffnung gehen können. Ich sage ganz ehrlich, ich ärgere mich auch immer wieder, wenn neue Daten genannt werden. Wir hatten mal vom 11. Januar gesprochen.

Genau das ist ja das Problem: Erst war es der 11. Januar, dann der 8. Februar, nun der 15. Wie kann man das verhindern?

Ich weiß es nicht. Mit der Erfahrung aus dem Frühjahr haben wir erwartet, dass die Zahlen schnell runtergehen. Das hat sich leider nicht bestätigt. Die Zahlen sinken erst seit ungefähr einer Woche so, dass man sagen kann, es ist spürbar. Ich kann diese Verärgerung und Frustration verstehen. Es ist nichts, was mir im Moment Spaß macht. Ich würde auch gern sagen, wir machen das jetzt und wir ziehen das durch. Nehmen wir das Beispiel Abschlussklassen: Wir haben klar den 18. Januar genannt und ihn durchgehalten. Wir haben massive Kritik dafür bekommen, wie verantwortungslos das wäre. Egal, wie man es macht, man macht es immer falsch. Aber klar ist, wir können das nicht unendlich fortsetzen. Und eine Perspektive bis Ostern halten die Familien nicht aus und wir können auch den Kindern nicht zumuten, so lange ohne ihre sozialen Kontakte, ohne ihre Lehrer zu sein. Deswegen müssen wir es schaffen, im Februar die Schulen zu öffnen.

Das Gespräch führten Andrea Schawe und Fabian Deicke.

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