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Infektiologe: "Wir müssen mit dem Virus leben"

Sachsens Regierung diskutierte mit Experten und Bürgern über einen Weg aus der Krise. Fest steht: Schnelle Normalität wird es nicht geben.

Die Händler in der Chemnitzer Innenstadt müssen ihre Läden wohl noch eine Weile geschlossen halten.
Die Händler in der Chemnitzer Innenstadt müssen ihre Läden wohl noch eine Weile geschlossen halten. © kairospress

Dresden. Bei einem sind sich alle einig: Wir müssen vorsichtig sein. Gerade der Blick in die Nachbarländer sollte mahnende Wirkung haben. Tschechien und Österreich kämpfen nach dem zweiten Lockdown erneut mit stark steigenden Corona-Zahlen. „Das darf uns hier nicht passieren“, sagte Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Jede Öffnung müsste mit großer Vorsicht geschehen, der Freistaat dürfe nicht zu schnell zu viel öffnen.

Doch wie dann weiter? Am Montagnachmittag diskutierte Sachsens Regierung bei einem Online-Forum zum Thema „Leben mit dem Virus– Welche Optionen haben wir?“ drei Stunden lang mit Bürgerinnen und Bürgern sowie Vertretern aus den Bereichen Kultur, Tourismus, Pflege, Schule, Sport, Wirtschaft und Wissenschaft.

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Derzeit seien die Zahlen in Sachsen noch zu hoch. Am Montag hatte der Freistaat eine Inzidenz von 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in einer Woche. „Es ist ein dünnes Eis, auf dem uns bewegen. Deshalb müssen wir vorsichtig sein, dass wir nicht einbrechen“, sagte Kretschmer. Im Gespräch sind neben der Öffnung von Kitas und Schulen erste Erleichterungen im Einzelhandel und auch die Öffnung der Friseure. Entscheidungen sollen am Mittwoch in der Runde der Ministerpräsidentinnen und -präsidenten mit der Bundeskanzlerin fallen. Sachsens Kabinett will die neue Corona-Verordnung am Freitag beschließen.

Kontakte vermeiden bleibt oberstes Ziel

„Das A und O ist, dass sich die Menschen nicht begegnen“, sagte Kretschmer. Infektionen zu verhindern, heiße leider, die Mobilität einzuschränken und Kontakte zu vermeiden – das sei „die bittere Wahrheit“. Der Berliner Physiker Dirk Brockmann stimmte zu: „Ohne Kontakte kann das Virus nicht überleben.“ Derzeit seien die Menschen in Sachsen etwa 34 Prozent weniger unterwegs als normalerweise.

Das Problem ist: Etwa 50 Prozent der Menschen, die an Corona erkranken und andere anstecken, haben keinerlei Symptome. In der zweiten Welle wüssten nur zwei oder drei von zehn Patienten, wo sie sich angesteckt haben. „Menschen ohne Symptome sind der Hauptüberträger der Epidemie“, sagte Infektiologe Christoph Lübbert am Leipzig St.-Georg-Klinikum. „Der kurze persönliche Kontakt ist der Fehler, den das Virus nicht verzeiht.“ Gerade wenn sich die Menschen nahestehen, werden sie nachlässig.

Man habe in Sachsen erlebt was passiert, wenn das Virus sich zu stark in der Bevölkerung ausbreitet. Im Dezember habe die Sieben-Tage-Inzidenz in Sachsen bei 460 gelegen. „Das Gesundheitssystem war überlastet“, so Lübbert. Patienten mussten in andere Bundesländer verlegt werden.

Mehr Tests und Masken in Schulen

Schulen und Kitas müssten an erster Stelle stehen, sagte der Dresdner Wirtschaftswissenschaftler Marcel Thum. Studien haben ergeben, dass Kinder, deren Schulen ein Viertel des Schuljahres geschlossen sind, später etwa drei Prozent ihres Lebenseinkommens einbüßen – plus Abstriche bei Gesundheit, Lebenszufriedenheit und Chancen.

Für jede Lockerung müssten Übertragungswege an anderer Stelle eingeschränkt werden – etwa durch verschärfte Maskenpflicht ab der Grundschule, sagte die Virologin Corinna Pietsch vom Uniklinikum Leipzig. Sie plädierte auch für eine erweiterte Teststrategie. Sie sollten möglichst niederschwellig vor Ort angeboten werden. „Wir erkennen damit acht von zehn Infektionen“, sagte sie. In diesen Fällen können dann die Infektionskette unterbrochen und Kontakte nachverfolgt werden. In Sachsen werden Schüler, Lehrer und Erzieher vor den Öffnungen nur einmalig getestet.

Die Vermeidung von Kontakten sei auch für den Einzelhandel die Herausforderung. Öffnungen müssten in den nächsten Monaten so organisiert sein, dass sich die Menschen nicht begegnen, sagte der Ministerpräsident. Click und Collect, also die Abholung von online bestellter Ware, kann eine Variante sein. „Da behält man die Kontakte im Griff“, sagte Lübbert.

Schnell zurück in die Normalität wird es auch für die Gastronomie nicht gehen. „Man kann nicht versprechen, dass hier in vier Wochen Normalität herrscht. Das muss man ehrlich sagen“, so Kretschmer. Wenig Hoffnung auf schnelle Lockerungen machte er auch der Hotel- und Veranstaltungsbranche. „Wir werden zu Ostern keine Öffnungen haben.“

Exakter Plan für steigende Infektionszahlen

Klar ist: Eine Perspektive brauche es auch dann, wenn die Zahlen wieder hochgehen. Die Regierung müsse „schneller, früher, gezielter und automatisierter“ agieren. Dafür seien exakte Stufenpläne nötig, die genau festschreiben, welche Einschränkungen bei welchen Zahlen greifen. „Wir müssen schneller werden als das Virus“, sagte Physiker Brockmann. Das sei einfacher machbar, wenn die Inzidenzzahlen niedrig sind.

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Kretschmer plädierte dafür, sich nach jeder Lockerung Zeit zu nehmen, um die Zahl der Neuinfektionen zu beobachten. „Dann können wir nach drei Wochen den nächsten Schritt gehen“, sagte er.

Lübbert hielt eine Langfrist-Strategie für den Umgang mit der Pandemie für unerlässlich: „Die Menschen brauchen eine Perspektive“, sagte er. Denn: „Wir müssen mit dem Virus leben.“

Die Veranstaltung zum Nachsehen im Stream:

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