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Das Kunststück, zu überleben

Der Circus Magic wollte eigentlich nur für ein paar Aufführungen in Dresden-Hellerau bleiben. Durch Corona ist er dort gestrandet.

Wegen Corona gestrandet in Dresden-Hellerau: (v. l.) Circus-Magic-Direktor Samuel Endres, Schwiegertochter Vivien (Akrobatin), Tochter Angeli (Clown) und Sohn Jeffrey mit Kamel Ali.
Wegen Corona gestrandet in Dresden-Hellerau: (v. l.) Circus-Magic-Direktor Samuel Endres, Schwiegertochter Vivien (Akrobatin), Tochter Angeli (Clown) und Sohn Jeffrey mit Kamel Ali. © kairospress

Es klingt, als würde Ali Steine kauen. Sein Kiefer malmt, es kracht und klirrt. Dann rieseln Eiswürfel aus seinem Mund. Ali arbeitet nicht in einer Cocktailbar. Sondern im Zirkus, er ist ein arbeitsloser Star. „Das machen die Kamele ständig“, sagt Samuel Endres. Der Direktor des Circus Magic wendet seinen Blick dem Wachhund Bruno zu. Ali spreizt die Lippen, schiebt seinen haarigen Schädel unter der Kante des Zelts durch und grapscht sich eine neue Scholle aus der Außenwelt.

Am 1. November stand Ali zuletzt in der Manege. Dann kam der Lockdown, die Corona-Zahlen waren in Deutschland und besonders in Sachsen explodiert. Bis heute verharrt der Zirkus auf einer Wiese unweit des Wasserturms in Dresden-Hellerau, wo er gespielt hat. Zelt und Manege sind verschwunden, Schnee hat sich über das Lager gelegt. Die Familie von Samuel Endres – 25 haarige und sieben weitgehend enthaarte Mitglieder – ist gestrandet. Sie sind Artisten und Clowns, spucken Feuer und tanzen auf Seilen. „Wir vermissen das Auf- und Abbauen, das Auftreten, die Kostüme anzuziehen, den Applaus“, sagt Endres.

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Der bärtige Direktor, der statt schmuckvollen Jacketts nun Winterjacke trägt, ist in fünfter Generation Zirkuskind, seine Frau in achter. Vor 25 Jahren haben die beiden einander kennengelernt. Sie schwebte durch die Luft, er war Artist zu Boden.

Viele Erzählungen des 51-Jährigen drehen sich um Familie und Tradition, beginnen mit Zitaten seiner Mutter: „Sie hat immer gesagt: Die Show muss weitergehen. Solange kein Knochen raussteht, kein Blut läuft: auftreten.“ Inzwischen ist seine Mutter, die Trapezkünstlerin und später Kassiererin und „gute Seele“ des Zirkus war, 80 Jahre alt. Ihr Körper ist in Pension, Kopf und Herz bleiben im Zirkus. Zuletzt sagte sie am Telefon: „Ich habe noch gesehen, dass wir aus eigener Kraft nicht unseren Unterhalt verdienen können.“ Endres schüttelt den Kopf, raunt: „Das ist schlimm“ – und blickt zerknittert auf sein kleines Reich.

Direktor Samuel Endres wünscht sich nichts sehnlicher, als dass der Zirkusbetrieb bald wieder losgehen kann.
Direktor Samuel Endres wünscht sich nichts sehnlicher, als dass der Zirkusbetrieb bald wieder losgehen kann. © kairospress

Verloren gruppieren sich das Zelt der Tiere, Transporter, Last- und Wohnwagen um das zerfallene Zentrum. Die rot-gelb gestreifte Kuppe des Zirkuszelts ragt aus einem knittrigen Haufen, die Stahlpfähle der Außenwand lugen wie Periskope aus dem Schnee. Einsam erinnern die Masten daran, wie hoch die Familie früher durch die Luft gewirbelt ist.

Etwa 250 Aufführungen gibt der Zirkus in normalen Jahren. 2020 fiel ein Großteil weg. Vier Monate im Frühjahr und dreieinhalb weitere seit November keine Shows. Dazwischen statt 300 Zuschauern höchstens 100, mit Masken und Desinfektionsmittel. „Uns fehlt der Lebensinhalt“, sagt Endres. „Wir arbeiten gerne. Gerade wir als reisendes Volk sind das überhaupt nicht gewöhnt. Es wurde uns von heute auf morgen unsere ganze Lebensart, unsere Existenz geraubt.“

Auf die Wohnwagen verteilen sich Endres und seine Frau, vier Kinder und eine Schwiegertochter – Trapezkünstlerin aus einem anderen Zirkus. Allen gerecht zu werden, gehörte schon ohne Corona zu seinen großen Herausforderungen, „als Familienoberhaupt dafür zu sorgen, dass die Familie zusammenbleibt, keiner sich benachteiligt fühlt, genug Geld reinkommt, damit jeder gut genug leben kann“.

Der Geruch von gebratenen Zwiebeln drängt aus dem Hauptwagen, der von innen wie ein schmuckes Wohnzimmer aussieht: Kerzenhalter aus Kristall, Tapeten mit Schnörkeln, Kachelofen, Fernseher. Hier feiert, isst und sitzt man zusammen. Gerade mehr, als allen lieb ist. Früher stand man auf, versorgte Tiere, probte, nach dem Mittag zog man sich um und schminkte sich, warf im Zelt Heizung und Licht an, öffnete die Kasse. Um 16 Uhr die Show, danach Ponyreiten, Feierabend gegen 20 Uhr.

„Gerade ist es monoton geworden“, sagt Endres. Nur die Arbeit mit den Tieren ist fast gleich geblieben. Ansonsten isst man und „hofft, dass was Gutes in der Glotze kommt“. Endres seufzt. „So ist jeder Tag wie der andere.“

Nie standen die Wohnwagen so lange still. Jedes Familienmitglied hat einen anderen Geburtstsort im Personalausweis, weil man ständig reist. Leonburg, Altötting, Berlin. „Es gibt keine ortsbezogene Heimat. Zuhause ist da, wo mein Wohnwagen mit meiner Familie steht.“ Einige Jahre war der Zirkus in Berlin und Brandenburg unterwegs, nun ist es Sachsen. Im Dezember zog er bis zur Pandemie als fester Weihnachtszirkus nach Radebeul, im Januar machte er Pause, für diesen Februar waren Auftritte in Großröhrsdorf und Kamenz geplant.

Seit der Zirkus gestrandet ist, kommen manchmal Einheimische und bringen Futter oder Geld. „Wir sind kein Bettelzirkus, sind unverschuldet in Not gekommen“, sagt Endres. „Aber ohne fremde Hilfen und Gutherzigkeit können wir nicht überleben.“ Die Pacht für die Wiese erlässt der Eigentümer. Die Spenden helfen bei laufenden Kosten wie Tierarztrechnungen, Versicherungen, Wasser. „Einige Leute sagen: Verkauft Tiere oder Material. Aber das wäre undenkbar, dann könnten wir nicht mehr auftreten.“

Keine Aufführungen, keine Zuschauer, doch die Tiere wollen versorgt sein.
Keine Aufführungen, keine Zuschauer, doch die Tiere wollen versorgt sein. © kairospress

Der Zirkus gehört zu den großen Verlierern des Lockdowns. Sachsens Wirtschaftsministerium gibt an, das Problem zu kennen. Aber nicht in Zahlen. Es lägen „keine Daten zur wirtschaftlichen Lage der sächsischen Zirkusbetriebe im Einzelnen vor“, heißt es. Auch, wie viele in Sachsen überhaupt gemeldet sind, sei unbekannt. Nur so viel: „Die Zirkuswelt teilt leider das Schicksal der gesamten Veranstaltungsbranche, die durch die Pandemie mit am stärksten betroffen ist.“ Dem Statistischen Landesamt zufolge seien im Corona-Jahr 2020 keine Insolvenzverfahren angemeldet worden. Neben branchenübergreifenden Corona-Hilfen, so das Ministerium, habe es im zweiten Halbjahr spezielle Fördergelder für den Zirkus gegeben, bundesweit fünf Millionen Euro. Gefördert wurden aber nur „pandemiebedingte Investitionen“.

Der Circus Magic hat für seine laufenden Kosten keine Hilfen beantragt. „Diejenigen, die es gab, müsste ich zurückzahlen“, sagt Endres. „Wir wären wahrscheinlich in die Schuldenfalle gerutscht.“ Knapp wurde das Geld auch 2018, als der Sommer die Temperaturen wochenlang auf 30, 35 Grad getrieben hat. „Mehr als für Tanken, Essen und Trinken war nicht da. Keine Gage für die Kinder, kein Sparen. Aber wir sind zum Glück genügsam.“ So schlimm wie jetzt sei es bei Weitem nicht gewesen.

Ali häckselt weiter Eis. Endres’ Frau hat ihn mit der Flasche aufgezogen, er stammt aus der Mongolei. Eine Kuh mit Dalmatinermuster quetscht sich in fremde Gehege, ein Ziege hüpft in eine Schubkarre. „Die Ziegen bauen nur Scheiße“, sagt Endres. „Wenn die Kamele auf dem Boden liegen, hüpfen sie sogar auf die Tiere drauf.“ Gegenüber mampfen Bullen und Ponys Heu, ein Hängebauchschwein schnüffelt den Boden ab.

Als Endres ein Kind war, hatten seine Eltern noch Affen und Löwen. „Wenn die Besucherzahlen noch so wären, würde ich das auch machen. Aber wir sind zu klein, um uns Wildtiere zu leisten.“

Auch die Kritik an mangelhaften Lebensbedingungen hat dazu beigetragen, dass weniger Menschen in den Zirkus gehen. Dabei habe sich vieles geändert, versichert Endres. Tierschutzorganisationen kritisieren, dass die Vorgaben noch immer zu lasch seien, vor allem für Zirkusse mit Tieren wie Tigern, Elefanten, Nilpferden. „Das Mitführen von Wildtieren in einem reisenden Betrieb ist immer mit gravierenden Tierschutzproblemen verbunden“, sagt Lea Schmitz vom Deutschen Tierschutzbund. „Eine verantwortbare Haltung dort ist grundsätzlich nicht möglich.“ Zirkusse wie der von Samuel Endres mit Haus- und domestizierten Tieren seien „weniger problematisch“, die Krise verschärfe nun aber auch dort die Situation: „Das betrifft insbesondere kleinere Unternehmen, die ohnehin auch sonst von der Hand in den Mund leben“, sagt Schmitz. Ein Dompteur-Ehepaar habe deswegen kürzlich zwei Tiger an eine Auffangstation abgegeben.

Die Allgemeinkritik vieler Tierrechtler am Zirkus empfindet Samuel Endres als ungerecht. Immer wieder müsse man beweisen, dass man kein Tierquäler sei, dabei gebe es ständig Kontrollen. „Ich könnte mir gar nicht erlauben, Blödsinn zu bauen. Bei der dritten Abmahnung wird mir die Erlaubnis entzogen. Wir haben die Tiere nicht, um damit Geld zu verdienen, wir leben damit, weil es unsere Kultur, unsere Tradition ist. Wir lieben unsere Tiere.“

Seit Monaten ohne Beschäftigung sind auch die Kamele des Zirkus.
Seit Monaten ohne Beschäftigung sind auch die Kamele des Zirkus. © kairospress

Doch die Sorge um die Zukunft treibt auch ihn um. Samuel Endres gibt dazu die Worte seiner Mutter wieder: „Solange es Kinder gibt, die mit Fantasie in die Welt schauen, wird es auch den Zirkus geben.“ Der Zirkus sei wandelbar genug, um zu überleben. „Als ich Kind war, habe ich mich als Clown geschminkt, Purzelbäume gemacht, und die Leute waren zufrieden. Heute müssen Kinder zehn Meter hoch aufs Trapez, Saltos über drei Kamele schaffen. Die Leute wollen mehr Reize. Man muss sich anpassen, weiterentwickeln.“

Früher seien auch 16-Jährige gekommen. „Jetzt sind die Kinder höchstens zehn. Es muss alles höher, weiter schneller sein, die Leute sind hungrig nach Attraktion. Meine Jungs haben mehr Lichteffekte, Techniken reingebracht.“ Schon er habe vieles anders gemacht. Seine Kinder würden den Wandel fortsetzen. „Die Zeiten mit brennenden Reifen und so ’nem Blödsinn sind längst vorbei. Heutzutage macht man Laufdressur, die der natürlichen Bewegung angepasst ist.“ Früher gab es die Clowns Beppo und Banane. Inzwischen spielt Sohn Jeffrey den Mister Magic, einen Zauberer aus Amerika, „der eine tolle Show macht, aber seine Tricks durch Tollpatschigkeit verrät“. Mister Magic und die Tiere, das seien die Highlights der Show.

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Jeffrey kennt nichts anderes als den Zirkus. „Wenn andere Kinder auf dem Spielplatz waren, haben wir mit unseren Tieren gespielt“, sagt der 24-Jährige. Er wolle sein Leben im Zirkus verbringen. Als Artist, Marketingexperte, Tierpfleger, Auf- und Abbauer. Das Schöne am Beruf sei das Freisein. Das Schlimme sei, dass man nicht wisse, wann das alles wieder funktionieren wird. „Es gibt keinen Punkt. Keine Perspektive, mit der wir planen können.“ Jeffrey sagt, dass es hoffentlich bald so weit sei. „Mir fehlt der Elan. Wenn es nicht bald wieder losgeht, kann man mich in die Manege rollen.“ Auch Kamel Ali braucht eine neue Beschäftigung, wenn Schnee und Eis geschmolzen sind.

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