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Corona: Sachsens Ärzte arbeiten schon am Notfallplan

Präsident Bodendieck spricht über die aktuelle Lage in Sachsens Kliniken, Corona-Leugner unter Ärzten und die Verantwortung der Patienten.

Mehr Tests könnten mehr Sicherheit bieten. Bei den PCR-Tests habe man aber die Kapazitätsgrenze erreicht, sagte Sachsens Ärztepräsident Erik Bodendieck. Bei den Schnelltests verhindern dagegen Lieferprobleme eine Ausweitung.
Mehr Tests könnten mehr Sicherheit bieten. Bei den PCR-Tests habe man aber die Kapazitätsgrenze erreicht, sagte Sachsens Ärztepräsident Erik Bodendieck. Bei den Schnelltests verhindern dagegen Lieferprobleme eine Ausweitung. © Symbolfoto: dpa/Soeren Stache

Schnupfen, Kopfschmerzen, Riech- und Geschmacksstörungen: Erik Bodendieck, Hausarzt und Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, wusste, was diese Symptome bei ihm bedeuten können. Ein Test bestätigte dann den Verdacht auf Covid-19. Seitdem sind reichlich zwei Wochen vergangen, doch noch immer könne er nichts riechen, berichtete er am Mittwoch bei einer Online-Pressekonferenz. Dabei ging es aber nur am Rande um seine Person und vor allem um die aktuelle Situation in Sachsen. Sein Fazit: „Die Situation ist kritisch, aber nicht hoffnungslos.“

Die Krankenhäuser

In Sachsens Krankenhäusern werden derzeit 1.771 Patienten mit einer Corona-Infektion behandelt – davon 324 auf einer Intensivstation (ITS). Die für diese Patienten geplanten Kapazitäten auf den Normalstationen seien damit zu 80 Prozent ausgelastet, auf den ITS zu 75 Prozent. In den Regionen ist die Situation allerdings sehr verschieden. Ostsachsen sei mittlerweile an der Grenze zur Belastbarkeit, sagte Bodendieck. In Görlitz gebe es gar keine freien Intensivbetten mehr, sodass Patienten ans Dresdner Uniklinikum verlegt würden. Im Intensivbereich erwarte man einen weiteren Anstieg. Weil Beatmungspatienten länger als gewöhnlich ITS-Plätze beanspruchen, könnte dies zunehmend zu Engpässen führen, warnte der Präsident.

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Das Personal

Das Problem seien nicht die technischen Kapazitäten, sondern das Personal. Viele Mitarbeiter in den Kliniken seien durchaus bereit, über das Stundensoll hinaus zu arbeiten. Dem stehe aber das Arbeitszeitgesetz entgegen. Bodendieck forderte, dieses Gesetz und die Vorschriften für Personaluntergrenzen vorübergehend außer Kraft zu setzen. „Ich will die Kollegen nicht knechten, sondern ihnen den Rücken freihalten, damit sie später nicht dafür bestraft werden“, sagte er mit Verweis auf Kritik aus der Ärzteschaft. Der Sächsische Hausärzteverband hatte in einem offenen Brief an die Landesärztekammer und die Kassenärztliche Vereinigung geäußert, dass die aktuelle Situation „nicht durch eine Aushebelung des Arbeitszeitgesetzes und die Unterschreitung von Personaluntergrenzen“ bewältigt werden könne.

Ein Streitpunkt unter Medizinern ist auch die Frage, ob bereits mit Corona infizierte, aber nicht erkrankte Mitarbeiter auf Corona-Stationen eingesetzt werden sollen. „Wenn es die Situation verlangt, muss man das diskutieren“, sagte Bodendieck.

Der Notfallplan

Damit Sachsen auch im Falle einer Zuspitzung alle Patienten behandeln kann, arbeitet die Landesärztekammer bereits an einem Notfallplan. Details wollte der Präsident nur andeuten: Bettenkapazitäten für Corona-Patienten sollen erhöht werden, während Rehakliniken, kleinere Krankenhäuser und gegebenenfalls auch Hotels andere Patienten aufnehmen. Auch ein Notkrankenhaus für den Freistaat ist im Gespräch. Dafür brauche die Bundeswehr aber 14 Tage Vorlauf.

Die ambulanten Ärzte

Der Mehrzahl der niedergelassenen Mediziner bescheinigte der Kammerchef ein vorbildliches Verhalten. Anhand der Abrechnungszahlen werde jedoch deutlich, dass sich 20 bis 30 Prozent der Ärzte nicht an die Vorgaben halten. Auf den Normalstationen der Krankenhäuser lägen viele Patienten aus Pflegeheimen, die von den Hausärzten zu schnell und gegen den Willen der Senioren ins Krankenhaus überwiesen würden – und dann von den Heimen erst dann wieder aufgenommen werden, wenn ein Negativtest vorliegt. „Wir brauchen jetzt eine andere Versorgung als in normalen Zeiten“, appellierte Bodendieck an seine Kollegen. Außerdem sollte genau hingeschaut werden, welche Behandlungen verschoben werden könnten.

Darüber hinaus gebe es Hinweise von Ärzten über Ärzte, die Patienten mit Symptomen ohne Untersuchung wegschicken – meist aus Angst vor einer Infektion und Bürokratie. Bodendieck forderte die Kollegen auf, sich auf den einschlägigen Seiten im Internet, etwa bei der Landesärztekammer und dem Robert-Koch-Institut, über den Umgang mit Verdachtsfällen zu informieren.

Die Patienten

Viele Patienten scheuen sich offenbar, bei gesundheitlichen Problemen ihren Arzt zu konsultieren. Stattdessen würden sie warten, bis sich der Arzt bei ihnen melde, sagte Bodendieck, der selbst eine Praxis führt. „Die Eigenverantwortung ist in unserem Land leider abhandengekommen“, kritisierte er. Patienten und Angehörige müssten aktiv werden und sich bei Beschwerden selbst beim Arzt melden.

Die Corona-Leugner

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Die Pandemie sei Teil der Natur, deshalb müsse man immer damit rechnen, sagte Bodendieck. Das sehen offenbar nicht alle Mediziner so. Der Landesärztekammer lägen Hinweise vor, dass es auch unter den sächsischen Ärzten Corona-Leugner und Verschwörungsanhänger gebe. Dies sei eine geringe Anzahl, die aber sehr laut agiere und damit in bestimmten Regionen für Probleme sorge. Ob Zufall oder nicht: „Görlitz ist ein riesiges Problem.“ Bodendieck betonte, dass die Meinungsfreiheit auch für Ärzte gelte. Bei Corona gebe es indes eindeutige Fakten: „Das Virus ist zehnmal tödlicher als eine saisonale Virusgrippe, die Übertragung erfolgt von Mensch zu Mensch durch Tröpfcheninfektion.“ Wer das negiere, negiere die Wissenschaft. Bodendieck sprach Corona-Leugnern indirekt wissenschaftliche Kompetenz ab. „Wir prüfen jeden Fall genau, ob wir dagegen einschreiten können.“

Covid-19 in den Regionen

  • Dresden/Ostsachsen: 642 Patienten auf Normalstation (132 Betten frei); 158 Patienten auf ITS (34 Betten frei).

  • Leipzig/Nordsachsen: 180 Patienten auf Normalstation (61 Betten frei); 36 Patienten auf ITS (24 Betten frei)

  • Chemnitz/Westsachsen: 625 Patienten auf Normalstation (177 Betten frei); 130 Patienten auf ITS (31 Betten frei).

Quelle: Sächsische Landesärztekammer

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