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Arbeit und Bildung

Corona-Schutz klappt nur im Team

Der Arbeitsschutz steht derzeit besonders im Fokus. Eine Fachtagung zum Thema zeigte jetzt: Maßgeschneiderte Lösungen wird es auch in Zukunft nicht geben.

Corona stellt den Arbeitsschutz vor Herausforderungen.
Corona stellt den Arbeitsschutz vor Herausforderungen. © AdobeStock

Vor einem Jahr hätte man sich direkt getroffen. Vorträge gehört, mitdiskutiert und in der Pause mit den Kollegen beim Kaffee weiter geredet. Dass sich Sachsens Arbeitsschutz-Experten in diesem Herbst nicht in Dresden oder Leipzig, sondern im virtuellen Raum begegneten, ist exemplarisch für das Thema der Fachtagung. Es ging - natürlich - um Corona. „Vor dem Virus sind wir alle gleich?!“ - nicht von ungefähr konnte sich das Motto nicht recht zwischen Frage und Aussage entscheiden. Die Unsicherheit beim Thema Corona begleitet die Verantwortlichen in Unternehmen, Behörden und Institutionen seit Monaten.

Welche Mitarbeiter gehen ins Homeoffice und unter welchen Bedingungen ist das überhaupt möglich? Darf die Kantine weiterhin öffnen? Wie schafft man Abläufe, die verhindern, dass sich zu viele Mitarbeiter begegnen? Und ganz praktisch: Wo bekommt man Schutzhandschuhe, Desinfektionsmittel, Warnschilder in ausreichender Menge her? Das waren nur einige der Fragen, mit denen man sich in Sachsens Betrieben im Frühjahr konfrontiert sah. Der Arbeitsschutz – bisher manchmal ein eher wenig beachteter Part innerhalb der Unternehmensstruktur – hatte plötzlich höchste Priorität. Das sei eine ziemlich beispiellose Herausforderung gewesen, sagt Hiltraut Paridon. Die Professorin an der SRH-Hochschule Gera war eine der Referentinnen der Fachtagung, die das Sächsische Wirtschaftsministerium gemeinsam mit der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin und Vertretern von Berufsgenossenschaften und der Unfallkasse organisiert hatte.

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Die Akzeptanz sinkt weiter

„Wir haben schnell gemerkt, dass es keine Lösungen von der Stange gibt - und dass wir das aushalten müssen“, so Hiltraut Paridon. Was für eine Einrichtung und ihre Mitarbeiter funktioniert, könne für andere der falsche Weg sein. Und: In einer Ausnahme-Situation wie dieser könne der Arbeitsschutz nicht jedem Bedürfnis gerecht werden. Im Spannungsfeld zwischen Regulierung und Deregulierung sei es umso wichtiger, mit Kollegen, Mitarbeitern oder Studierenden zu kommunzieren und dabei zur Abwechslung auch mal die Perspektive des Gegenübers einzunehmen. Eine Erfahrung, die viele Teilnehmer der virtuellen Konferenz teilten.

Und hier liegt auch das größte Problem beim Thema Arbeitsschutz in Pandemiezeiten: die Akzeptanz. Schon jetzt merken die Fachleute, dass weniger Menschen bereit sind, sich an Hygieneregeln zu halten. Dabei sei klar, dass Pandemieschutz nur im Team funktioniere. Gleichzeitig warten viele Mitarbeiter in Betrieben noch immer auf praktikable technische oder bauliche Lösungen. Angesprochen wurde unter anderem die Frage der ausreichenden Belüftung in Einkaufszentren oder Freizeiteinrichtungen und der Einbau von CO²-Warngeräten in stark frequentierten Räumen. Die Unsicherheit in vielen Unternehmen hat den Beratungsbedarf bei den Berufsgenossenschaften explodieren lassen. Regionale Unterschiede bei der Handhabung der Regelungen zum Infektionsschutz sorgten für noch mehr Ratlosigkeit.

Patentlösungen konnten auch die Experten bei der Fachtagung nicht vorlegen. Im Fokus stand der Austausch. Immerhin in einem waren man sich schnell einig: Vor dem Virus sind eben nicht alle gleich. Allein schon, weil die Wechsel ins Homeoffice oft nur den privilegierten Arbeitnehmern vorbehalten ist. Darauf verwies unter anderem Elias Naumann. Der Wissenschaftler an der Universität Mannheim stellte Fakten aus der Mannheimer Corona-Studie vor. Die zentrale Frage „Was macht die Pandemie mit der Gesellschaft“ lässt sich zwar noch längst nicht abschließend beantworten, deutlich ist aber: strukturelle Ungleichheiten treten durch Corona noch deutlicher hervor.

Neue Kommunikationsstrukturen


Die Pandemie wird uns noch länger begleiten. Für Sachsens Arbeitsschutz-Experten bedeutet das auch, dass der Beratungsbedarf weiter steigen wird. Einig war man sich darin, dass die Rolle der Betriebsärzte gestärkt und Führungskräfte in der ungewohnten Rolle als Krisenmanager noch besser unterstützt werden müssten. So sei soziale Nähe bei physischer Distanz ein guter Weg, Kommunikationsstrukturen auch in Pandemiezeiten zu verbessern. Das Homeoffice - auch das wurde deutlich - wird denen, die es nutzen können, auch in den kommenden Monaten erhalten bleiben. „Und damit werden Fragen nach Datenschutzregelungen, Vertrauenskultur und nicht zuletzt auch ergonomischen Lösungen wichtiger“, so Melanie Göllner von der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft Dresden.

 Immerhin – und auch das dürfte eine der wichtigeren Erkenntnisse aus dem Krisenmodus sein – hätten Untersuchungen schon jetzt gezeigt, dass die Produktivität vieler Mitarbeiter im Homeoffice sogar höher sei als im Büro.

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