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Corona-Schutz: Mehrweg statt billig

Zu Beginn der Pandemie sattelten Textilhersteller auf Wunsch der Politik auf Masken und Schutzanzüge um. Doch die Aufträge der Behörden bleiben aus.

Björn-Olaf Dröge, Geschäftsführer des Textilveredlers pro4tex, setzt sich eine funktionale Mehrweg-Maske auf, die hier entwickelt wurde.
Björn-Olaf Dröge, Geschäftsführer des Textilveredlers pro4tex, setzt sich eine funktionale Mehrweg-Maske auf, die hier entwickelt wurde. © dpa-Zentralbild

Thomas Lindner fehlt das Verständnis. Seit über zehn Monaten ist der Geschäftsführer der Strumpfwerke Lindner GmbH wie auch andere sächsische Textilhersteller im Gespräch mit der Landesregierung über Abnahmebedingungen von Mund-Nasen-Masken, Schutzanzügen und anderen Gesundheitsschutztextilien für den medizinischen Bereich. Für Ende des vergangenen Jahres war die lang versprochene Ausschreibung für die Ausstattung der Pandemie-Reservelager angekündigt. Jetzt soll sie Ende Januar oder Anfang Februar kommen. „Ich verstehe nicht, warum die Prozesse so langsam dauern“, sagte Lindner am Freitag auf der Jahresauftakt-Pressekonferenz des Verbandes der Nord-Ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie e. V. (VTI).

Noch mehr Ärger bereiten Lindner, der auch Vorstandsvorsitzender des VTI ist, die Modalitäten bei den Schutzmasken, die derzeit in den Apotheken an ältere Menschen verteilt werden. „Da soll es eine Erstattung von 6,50 Euro pro Maske geben und das sind chinesische Produkte. Zu diesem Abgabepreis hätten auch die sächsischen Hersteller produzieren können“, regt sich Lindner auf. Er und VTI-Hauptgeschäftsführer Jenz Otto fordern von den Entscheidern in Politik und Behörden sowie in Kliniken und Pflegeeinrichtungen auf, künftig weit mehr Gesundheitsschutz-Textilien bei heimischen Herstellern zu bestellen als bisher. „Das wäre ein folgerichtiger Schritt zu zukunftsorientiertem, nachhaltigem Wirtschaften – und dies zudem in einer außergewöhnlich harten Krisensituation“, betont Otto. Nach Schätzungen des VTI wird der Gesamtumsatz der Branche im Jahr 2020 um elf Prozent gesunken sein im Vergleich zum Vorjahr, wobei der Bekleidungssektor mit einem Rückgang um 35 Prozent weit stärker betroffen ist als die Textilsparte.

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Als zu Jahresbeginn 2020 weltweit Lieferketten zusammenbrachen, hatten sich sowohl Behörden als auch viele Pflege- und Gesundheitseinrichtungen mit der Bitte um Hilfe an Textilfirmen gewandt. Viele Hersteller brachten kurzfristig Alltagsmasken und medizinische Schutztextilien auf den Markt. Dazu gehören auch hoch wirksame bakterien- und virenabweisende Mehrweg-Erzeugnisse, die ein Anwachsen der Einweg-Müllberge im Gesundheitswesen vorbeugen könnten. „Als später die Billigimporte aus Asien wieder einsetzten, ließ das Interesse jedoch deutlich nach“ so Lindner. Dennoch hätten zahlreiche Unternehmen weiter in neue Technik investiert und ihre Produktion entsprechend ausgerichtet. Das Textilveredlungsunternehmens pro4tex GmbH mit 100 Beschäftigten in Niederfrohna entwickelte beispielsweise eine dreilagige medizinische Maske, die bis zu 20 mal gewaschen werden kann. Geschäftsführer Björn-Olaf Dröge beklagt die sehr langwierigen und teuren Prüfprozeduren zur Zertifizierung solch neuer Produkte. „Das stellt für uns Mittelständler eine große Herausforderung dar; außerdem gibt es in Deutschland nach wie vor zu wenige akkreditierte Test- und Zertifizierungsstellen“, so Dröge.

Dass sich die Unternehmen dennoch so schnell auf die neuen Anforderungen einstellen konnten, sei vor allem möglich gewesen, weil rund 30 heimische Firmen und Forschungsinstitute schon seit mehreren Jahren in dem vom Freistaat Sachsen unterstützten Gesundheitstextilien-Netzwerk „health.textil“ zusammenarbeiten. Dieser Verbund kooperiere eng mit Praxispartnern wie dem Universitätsklinikum Dresden und den Elblandkliniken Meißen. Mittlerweile habe er seine vielfältigen Aktivitäten auf Industrie-, Forschungs- und Anwendungspartner im benachbarten Tschechien ausgedehnt, hieß es.

„Wir verstehen die Kaufzurückhaltung bei Gesundheitstextilien nicht, obwohl der Bedarf riesig ist“, appellierte Otto. Die Bundesregierung hatte mit ihrem Konjunkturpaket im Frühjahr angekündigt, eine Milliarde Euro für eine nationale Epidemie-Reserve für persönliche Schutzausrüstungen zur Verfügung zu stellen. Auch die Länder sollten diesbezüglich aktiv werden und sich bevorraten. Doch bislang habe es keine nennenswerten Aufträge von Behörden gegeben. Stattdessen warten die Textilhersteller noch immer auf die Ausschreibungen für die Ausstattung der Pandemie-Reservelager für medizinische Schutzausrüstung. In Sachsen umfassen diese insgesamt 1.750 Europaletten. „Wichtig ist, dass nicht allein der Einkaufspreis zum Maß der Dinge erhoben wird“, so Otto. Entscheidend sollten vielmehr Kriterien wie normgerechte Qualität, Liefertreue und Nachhaltigkeit durch die Mehrfachnutzung von Textilien sein, fordert der Branchenverband.

Der Grund für die aufgeschobene Ausschreibung ist fehlende Notwendigkeit. „Im ersten Halbjahr 2020 wurden in großem Umfang Warenbestände an medizinischer Schutzausrüstung beschafft. Diese großen Bestände machten eine weitere Ausschreibung bislang nicht notwendig“, teilt ein Sprecher des Sächsischen Innenministerium mit. Es sei geplant, „erst im Verlauf des Jahres 2021 größere Volumen an medizinischer Schutzausrüstung und FFP-Masken im Wege von Rahmenverträgen zu beschaffen“, heißt es weiter.

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