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Das sind die Corona-Hotspots im Kreis Görlitz

Kreis-Sozialplaner Matthias Reuter sagt, welche Alten-/Behinderten-Heime betroffen sind, wie die Situation ist und was Betreiber von Angehörigen fordern.

Sozialplaner Matthias Reuter ist nicht nur zu Corona-Zeiten mit den Pflegeeinrichtungen im Kreis in Kontakt.
Sozialplaner Matthias Reuter ist nicht nur zu Corona-Zeiten mit den Pflegeeinrichtungen im Kreis in Kontakt. © Archiv: Rafael Sampedro

Allein acht Altenpflege-Heime im Landkreis Görlitz kämpfen derzeit mit Corona-Fällen. Matthias Reuter kennt sich bei Pflegeeinrichtungen für Senioren und Menschen mit Behinderung im Landkreis bestens aus. Der Sozialplaner im Landratsamt schildert, wie die Corona-Lage bei den Heimen mit rund 3.800 vollstationären Plätzen insgesamt derzeit ist, was sich im Vergleich zum Frühjahr verändert hat und wie man die Freiheiten der Heimbewohner bewahren will.

Herr Reuter, wie viele Heime im Kreis sind von Corona betroffen?

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Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Reuter: Nach unseren Informationen gibt es in acht Altenpflege-Einrichtungen Infektionsfälle: je ein Heim in Oppach, Neusalza-Spremberg und Rothenburg, zwei Heime in Zittau und drei in Görlitz. Positive Tests gab es auch bei Einrichtungen für Menschen mit Behinderung in Zittau bei der Lebenshilfe und in Großschweidnitz beim Träger W&N Lebensträume. Darüber hinaus gibt es Verdachtsfälle, wo wir noch keine abschließende Gewissheit haben in Altenpflege-Einrichtungen in Hörnitz, Ebersbach-Neugersdorf und Bernstadt. Ähnlich verhält es auch in Oderwitz bei einer Einrichtung für Behinderte der Lebenshilfe. Außerdem ist ein ambulanter Pflegedienst betroffen. Das ist der Stand von diesem Mittwoch, 12 Uhr, das ändert sich derzeit sehr schnell.

Im Vergleich zum Frühjahr - was ist jetzt anders?

Reuter: Viel besser steht es bei der Versorgung mit Schutzausrüstung. Wir haben die Rückmeldung, dass die Heime für den Fall des Falles mit den nötigen FFP2-Masken für etwa vier Wochen bevorratet sind. Auch die Ausstattung mit einfachem Mund-Nasen-Schutz ist vorhanden. Kittel sind immer wieder mal ein Problem, aber generell funktionieren die Lieferketten. Das Risiko, dass die Infektion von außen in die Einrichtungen getragen wird, ist grundsätzlich so groß wie im Frühjahr, aber man ist sensibler geworden. Während wir anfangs Diskussionen hatten, ob die Pflegekräfte den ganzen Tag über Mund-Nasen-Schutz tragen müssen, manches im Sommer auch gelockert wurde, ist inzwischen weniger das Thema.

Besteht wieder die Gefahr bei den derzeit hohen Infektionsraten, dass die Heime sich komplett abschotten?

Reuter: Wir legen unser Augenmerk mit den Heimbetreibern darauf, dass nicht sofort beim ersten Fall die gesamte Einrichtung dicht gemacht wird. Wenn es geht - wie beispielsweise beim Coronafall eines Demenzerkrankten in einem Heim im Oberland - wird nur der betroffene Bereich abgeriegelt, nicht das ganze Haus. Die endgültige Entscheidung liegt aber beim Heimbetreiber. Er muss abwägen, ob ein solches Schließen einzelner Bereiche machbar ist und er das mit seinem Personal leisten kann. Er trägt am Ende die Verantwortung.

Sollten nicht Schnelltests für Besucher mehr Sicherheit bringen? Gibt es die schon?

Reuter: Dass ein Heim diese Tests schon einsetzt, habe ich noch nicht gehört. Generell ist es so: Die Heime können auf eigene Kosten solche Tests kaufen und anwenden. Die Lieferfrist liegt derzeit im Schnitt bei drei Wochen. Wenn die Kosten für diese Tests aber von den Krankenkassen übernommen werden sollen, müssen die Heimbetreiber sich an die neue Testverordnung des Bundes halten. Das heißt, sie müssen ein Konzept erarbeiten und es beim Gesundheitsamt einreichen. Außerdem müssen die Tester in den Heimen von einem Arzt geschult werden. Aktuell liegen ersten Konzepte von Pflegeeinrichtungen dem Kreis zur Genehmigung vor.

Welche Ideen für mehr Sicherheit bei größtmöglicher Öffnung gibt es? Man hört ja von Sachen wie dem Umarmungs-Mantel aus Kunststoff...

Reuter: Dass hier im Kreis jemand einen solchen Mantel angeschafft hat, habe ich noch nicht gehört. Aber es gibt Ideen, wie ein Treffen mit Angehörigen möglichst sicher ablaufen kann. Ein Heim in Ebersbach hat beispielsweise einen Raum umgerüstet. Mobile Falttüren sind von den Wänden bis zu einem Tisch mit Plexiglasscheibe aufgestellt. Die Angehörigen kommen dann von einer, die Bewohner von der anderen Seite und können sich sehen. Auch Skypen ist nach wie vor ein Thema, mit dem sicher nicht jeder Bewohner gleichermaßen etwas anfangen kann, aber es funktioniert.

Werden die Anstrengungen von den Angehörigen anerkannt?

Reuter: Das ist ein wichtiger Punkt, denn die Heimbetreiber wünschen sich vor allem, dass die Angehörigen diszipliniert sind und Vernunft walten lassen. Das ist immer wieder noch ein Problem. Die Gesamtsituation belastet das Personal ohnehin, da ist es wichtig, dass sich die Besucher an die ausgearbeiteten Konzepte halten, die ja sicherstellen sollen, dass die Einrichtungen so weit wie möglich offen bleiben. Aber dafür müssen sich die Besucher eben an die Regeln halten.

Wie angespannt ist die Personallage? Ein Heimleiter im Zittauer Gebirge klagt, dass Mitarbeiter in Quarantäne müssen, weil sie privat Kontakt zu einem Infizierten hatten - das schwäche zusätzlich.

Reuter: Ja, das ist ein Phänomen, das es im Frühjahr so nicht gab. Die Mitarbeiter müssen dann laut der für sie geltenden Vorschrift wenigstens sieben Tage in Quarantäne. Die Träger haben für solche Fälle Notfallpläne, gerade die größeren behelfen sich dann mit Personal aus anderen eigenen Häusern. Parallel läuft die Suche des Landkreises nach Personal für solche Notfälle - Aufrufe wie schon im Frühjahr für die Einrichtungen in Niesky und Krauschwitz oder das Diakonie-Wohnheim in Kemnitz. Wenn die Situation kritischer wird, werden wir jedenfalls alles tun, um die Pflege aufrecht zu erhalten.

Es hieß, der Lockdown im Frühjahr hat die Heimbewohner enorm belastet, viele seien an Vereinsamung gestorben. Können Sie das bestätigen?

Reuter: Letzteres haben wir von den Heimleitern so nicht explizit gehört. Zum Teil eher das Gegenteil: Normalerweise gibt es im Frühjahr eine natürliche Häufung von Todesfällen. In diesem Jahr sei dies aber weitgehend ausgeblieben, es habe weniger Krankheits- und Todesfälle gegeben. Auch bei Demenzkranken habe der Lockdown zum Teil positive Auswirkungen gehabt, weil sie weniger Reize zu verarbeiten hatten und zur Ruhe gekommen sind. Pauschalisieren kann man das sicher nicht. Natürlich war die Situation insgesamt sehr belastend - gerade auch für die Angehörigen. Wie stark diese Belastung insgesamt wirklich war und ist, lässt sich bislang nicht wirklich sicher benennen.

Was denken Sie - was wird Weihnachten für die Heimbewohner möglich sein?

Reuter: Das lässt sich noch nicht abschätzen.

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