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Gibt's in Corona-Zeiten mehr Tote als sonst?

Kritiker leugnen das. Doch Bestatter und Sarghersteller in der Region Löbau-Zittau vermitteln ein anderes Bild. Und die haben zudem noch ein ganz anderes Problem.

Symbolbild
Symbolbild © Britta Pedersen / dpa

Die Bestatter im Altkreis Löbau-Zittau haben corona-bedingt viel zu tun. "Es sterben derzeit mehr Leute als sonst", stellt Andreas Jähne, Bestattungsberater bei Antea-Bestattungen Zittau, fest. Er bestätigt eine Übersterblichkeit. Wobei auch Folgeerkrankungen - ausgelöst durch das Virus - eine Rolle spielten. Genau in Zahlen lasse sich das nicht festmachen. Bestatter führen keine Listen, welcher Tote an oder mit Corona gestorben ist. Diese Statistik wird beim Gesundheitsamt des Landkreises geführt. Demnach starben – Stand Sonntag - an oder mit Corona kreisweit bisher 243 Menschen, ein Großteil davon Senioren.

Dabei wird immer wieder, vor allem in sozialen Netzwerken und bei Anhängern der Querdenker-Bewegung behauptet, Corona sei nichts weiter als eine "ganz normale Grippe", die Zahlen seien übertrieben, es gebe keine Übersterblichkeit. Dagegen stehen auch die am Freitag veröffentlichten Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Nach dessen Angaben sind nach vorläufigen Ergebnissen in der 46. Kalenderwoche in Deutschland mindestens 19.161 Menschen gestorben.

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Das war in der Woche vom 9. bis 15. November. Damit lagen die Sterbefallzahlen acht Prozent über dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019. Besonders auffällig sei die Entwicklung der Sterbefallzahlen derzeit in Sachsen, heißt es. Im Unterschied zu anderen Bundesländern nehme die Differenz zum Durchschnitt der Vorjahre dort derzeit deutlich von Woche zu Woche zu. In der 41. Kalenderwoche lag die Zahl der Sterbefälle noch unter dem Durchschnitt; in der 46. bereits deutlich darüber.

Höhere Sterberate im Winter

Werden Andreas Jähne und seine Berufskollegen wegen eines Corona-Todesfalls informiert, ist die Abholung nur im Vollschutz möglich. "Wir gehen auch in die Heime die Toten abholen", sagt er. Beim Bestattungsinstitut Fuchs, das in Zittau und Oderwitz Filialen betreibt, heißt es auf SZ-Nachfrage: "Die Sterberate ist überdurchschnittlich hoch." Aktuell eile man von einem Termin zum nächsten.

"Durch Corona haben wir definitiv mehr zu tun", stellt auch Steffi Wenk von der LK Bestattungs- und Friedhofsdienste GmbH Löbau fest: Die Situation sei sehr schwierig, da der Aufwand höher als sonst ist. Die mit Klebestreifen markierten Särge bleiben zu, die Corona-Toten können nicht mit eigener Kleidung angezogen werden. "Wir arbeiten mit Vollschutz, FFP3-Maske und Schutzbrille", so Steffi Wenk. Ein Abschied bei an oder mit Corona-Verstorbenen am offenen Sarg ist nicht möglich.

Aber nicht nur die Bestatter haben mehr Arbeit, auch die Hersteller von Särgen. "Wir spüren die Auswirkungen der Corona-Pandemie extrem“, sagt Kai Winter. Der Geschäftsführer der Lausitzer Sarg- und Pietätswaren GmbH & Co. KG aus Oderwitz stellt eine steigende Zahl an Sterbe-Fällen fest, zumindest was die Absatzzahlen angeht. Die Firma produziert Särge, vertreibt Sarg- und Bestatterzubehör. "Wir arbeiten mit Hochdruck", sagt Kai Winter. Auch wenn er aus Konkurrenzgründen keine genauen Zahlen nennen möchte, berichtet der Geschäftsführer: "Wir produzieren weit über das Doppelte, als sonst üblich."

Nicht systemrelevant

Eine Bestatterin aus Ebersbach-Neugersdorf, die nicht namentlich erwähnt werden möchte, sieht aktuell noch ein ganz anderes Problem. "Bestatter wurden im Freistaat Sachsen erneut nicht als systemrelevant eingestuft", sagt sie. Ausgerechnet in dieser Zeit, in der viel gestorben werde, sei das nicht nachvollziehbar. Unterstützung erhält sie von Tobias Wenzel. "Gerade in der Phase vieler Infektionen ist es wichtig, Verstorbene fachgerecht zu versorgen, um eine weitere Verbreitung wenigstens einzudämmen", erklärt der Innungsobermeister der Sächsischen Bestatterinnung. In der Branche arbeiten auch Eltern, deren Kinder eine Betreuung benötigen. Seit Wochen schon seien alle in der Branche physisch und psychisch an der Belastungsgrenze.

"Mögliche Bilder von Leichentransporten durch die Armee, wie wir sie leider aus dem Frühjahr aus Italien kennen oder Särge, die sich im Krematorium stapeln, hätten dem Image von Sachsen gerade noch gefehlt", so Tobias Wenzel. Im Namen seiner Branche hat sich der Innungsobermeister mit dieser Problemlage in einem offenen Brief an Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) gewandt, damit Bestattungsunternehmen, Friedhofsverwaltungen und Krematorien als systemrelevant eingestuft werden.

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