SZ + Görlitz
Merken

Winfried Stöcker stellt Corona-Impfaktionen ein

Winfried Stöcker ruft überraschend dazu auf, sich mit den zugelassenen Mitteln impfen zu lassen. Ob das ein endgültiger Rückzug ist, wird sich zeigen.

Von Sebastian Beutler & Susanne Sodan
 4 Min.
Teilen
Folgen
Ob Winfried Stöcker jetzt gut lachen hat? Plötzlich äußert er sich ganz anders als bislang.
Ob Winfried Stöcker jetzt gut lachen hat? Plötzlich äußert er sich ganz anders als bislang. © Marcus Brandt/dpa

Am Wochenende noch wollte er sein nicht zugelassenes Präparat gegen das Coronavirus Interessierten am Flughafen Lübeck verimpfen, jetzt legt der Unternehmer und promovierte Mediziner Winfried Stöcker eine spektakuläre Kehrtwende hin.

In einem Beitrag auf seinem Internet-Blog schreibt er am Mittwoch: "Wir befinden uns bildlich gesprochen in einem Kriegszustand mit dem Coronavirus. Da hat es keinen Sinn, einer noch nicht zugelassenen Wunderwaffe entgegenzusehen, egal weshalb sie noch nicht verfügbar ist."

Sein Beitrag endet mit der Aufforderung, sich impfen zu lassen. "Ich will niemanden dazu verleiten, die aktuell gebotene Schutzimpfung zu verschieben und werde aus diesen Gründen bis zum Ende dieses Notstandes in Deutschland meine Aktivitäten in dieser Richtung einstellen."

Staatsanwaltschaft: Erstes Verfahren kurz vor Abschluss

Der Sinneswandel von Stöcker kommt überraschend. Noch am Mittwochmorgen erschien in der Online-Ausgabe der Ostsee-Zeitung ein Interview mit ihm, in dem er die Zulassung seines Präparates fordert. Winfried Stöcker hatte im Selbstversuch ein Präparat gegen das Coronavirus entwickelt, dies zunächst Familienmitgliedern und Mitarbeitern verabreicht. Wie Medien übereinstimmend berichten, sollen inzwischen insgesamt rund 20.000 Menschen dieses Mittel erhalten haben.

Auch in der Oberlausitz gab es bereits Impfaktionen, fast wie Geheim-Missionen. Stöckers Präparat ist nicht zugelassen. Er selbst äußerte immer wieder, dass seine Impfung die beste sei. Groß angelegte, professionelle Studien, wie sie alle anderen Pharmaunternehmen durchlaufen müssen und haben - mitunter auch ohne Erfolg - gibt es aber bei Stöcker nicht. Was ihm im Februar Ermittlungen durch das Landeskriminalamt Schleswig-Holstein wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz einbrachte.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Lübeck gegenüber der SZ soll es "zeitnah abgeschlossen" werden. Doch seit Sonnabend, so bestätigt es Oberstaatsanwältin Ulla Hingst, die Pressesprecherin der Lübecker Staatsanwaltschaft ist, wurde gegen Stöcker und drei weitere Männer nach den Vorgängen am Wochenende ein neues Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Verheerendes Medienecho auf Impfaktion

Am Sonnabend stoppte die Polizei eine unzulässige Impfaktion im Flughafen Lübeck, der Winfried Stöcker gehört. Auf Videos von Bild-TV sind sowohl Stöcker als auch sein Flughafen-Geschäftsführer Jürgen Friedel darauf zu sehen. Gegenüber der Tageszeitung "Die Welt" erklärte Stöcker, er habe die Aktion mit organisiert, aber nicht selbst geimpft, "weil ich im Frühjahr eine Unterlassungserklärung dazu unterzeichnet habe“. Zwei befreundete Mediziner hätten geimpft. Die Ermittlungen der Sicherheitsbehörden richten sich nun gegen die vier Männer wegen des Verdachts, gegen das Arzneimittelgesetz verstoßen zu haben.

Bundesweit fiel das Medienecho auf die Impfaktion verheerend aus. Selbst in Medien, die der offiziellen Corona-Politik kritisch gegenüberstehen. So hieß es in der Bild-Zeitung: "Im Kampf gegen Corona ist Professor Winfried Stöcker jedes Mittel recht. Auch ein illegaler Impfstoff." "Die Welt" und das Magazin "Focus" ordnen die Stöcker-Impfung eher kritisch ein, vor allem mit Blick auf die fehlende Zulassung.

Andere wie das Hamburger Magazin "Der Spiegel" betonen, dass Stöcker Großspender der AfD sei. "Nicht zum ersten Mal sorgt Stöcker für Aufregung", schreibt das Magazin und zitiert aus einem SZ-Interview, in dem sich Stöcker rassistisch gegenüber Flüchtlingen geäußert hatte. Mit "AfD-Großspender spritzt nicht zugelassenen Impfstoff", ist der Beitrag überschrieben. Die "Welt": "2015 forderte er in seinem Blog angesichts der Migrationskrise den 'Sturz der Kanzlerin Merkel'. 2019 spendete er der AfD 20.000 Euro." Ein "bizarres Weltbild", fasst die TAZ zusammen.

AfD-Politiker unterstützt Stöcker

In Görlitz und Umgebung findet Stöcker viele Unterstützer, so auch in dem Görlitzer AfD-Politiker und Landtagsabgeordneten Sebastian Wippel. Er rief auf, Stöcker zu unterstützen, "stattdessen beginnen nun wieder Denunziationskampagnen gegen den deutschen Mediziner und Unternehmer Winfried Stöcker." Einem, dem es "im Gegensatz zu großen, internationalen Pharmaunternehmen" nie am Profit gelegen habe. Stöcker ist mit Euroimmun Gründer eines milliardenschweren Unternehmens, das er vor einigen Jahren an den US-Konzern Perkin-Elmer verkaufte.

Warum es jetzt zur Kehrtwende Stöckers kam, ist nicht klar. Auch nicht, ob sie wirklich bedeutet, dass er mit dem Spritzen seines Präparates aufhört.

Juristisch vertreten wird Stöcker von Wolfgang Kubicki, ein bekanntes Gesicht der FDP. Die auf Bundesebene ab nächster Woche Regierungspartei ist, zusammen mit SPD und Bündnisgrünen. Und auf die der Druck derzeit immer größer wird, in der Coronapolitik härtere Entscheidungen wie Impfpflicht oder Teil-Lockdown mitzutragen.

Im Juli 2021 berichtete SZ-Reporterin Anja Beutler im CoronaCast über eine heimliche Impfaktion: