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Corona: "Die Suizidgefahr steigt"

Katrin Engert leitet in Pirna eine Selbsthilfegruppe für bipolare Menschen. Dass sie sich jetzt nicht treffen können, bereitet ihr große Sorgen.

Selbsthilfegruppe-Leiterin Katrin Engert: Die Menschen sollen wissen, dass es in Pirna Hilfe gibt.
Selbsthilfegruppe-Leiterin Katrin Engert: Die Menschen sollen wissen, dass es in Pirna Hilfe gibt. © Daniel Schäfer

Es gibt Krankheiten, bei denen sich Betroffene auch heutzutage noch scheuen, öffentlich darüber zu sprechen. Dazu gehören vor allem Erkrankungen, die nach außen hin nicht sichtbar sind, unter denen die Menschen aber teilweise unsäglich leiden - und die durchaus fatale Folgen haben können.

Eines dieser Krankheitsbilder sind beispielsweise bipolare Störungen, früher auch geläufig unter dem Begriff "manisch-depressiv". Es ist eine heimtückische, belastende Krankheit mit einem häufig gefährlichen Verlauf.

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Betroffene gehen allerdings damit wenig öffentlich hausieren, vor allem aus Angst, dann als irre oder verrückt stigmatisiert zu werden. Katrin Engert aus Pirna beschloss daher vor geraumer Zeit, das zu ändern.

Betroffene brauchen ein Leben lang Hilfe

Die gelernte Krankenschwester ist selbst bipolar, schon ihre Eltern litten an diesen Symptomen. Doch zu DDR-Zeiten, sagt Katrin Engert, habe sich niemand wirklich für diese Krankheit interessiert, Betroffene seien da einfach als Verrückte abgestempelt worden.

Katrin Engert nimmt Tabletten, um die Krankheit in den Griff zu bekommen, ihren Beruf kann sie aber nicht mehr in vollem Umfang ausüben. Lange Zeit fand sie für sich keine klare Linie. "Es war auch unheimlich schwer, mir selbst diese Krankheit einzugestehen, sagt sie.

Doch seit ein paar Jahren geht sie ganz offen damit um, zugleich will sie auch andere Betroffene sensibilisieren, sich nicht mehr zu verstecken. Sie will, dass das Thema in der Öffentlichkeit verständnisvoller wahrgenommen wird. Sie will zeigen, dass es sich um eine ernsthafte Erkrankung handelt, und die Betroffenen dringend Hilfe brauchen - meist ein ganzes Leben lang.

So bunt und vielfältig wie Polarlichter

Katrin Engert ist seit 2008 Mitglied der Deutschen Gesellschaft für bipolare Störungen (DGBS), dort trifft sie sich regelmäßig mit anderen Betroffenen. Nach einem dieser Treffen reifte in ihr ein Entschluss: Solche Gesprächsangebote in größerer Runde sollte es auch in Pirna geben.

Sie gründete eine Selbsthilfegruppe für bipolare Menschen. Im Herbst 2017 traf man sich zunächst zu Viert, per Zeitungsaufruf suchte man weitere Mitglieder, inzwischen ist die Gruppe auf 13 angewachsen, die regelmäßig zusammenkommen.

Über den Namen stimmte die Gruppe gemeinsam ab, die Wahl fiel auf "Polarlichter", abgeleitet von bipolar. "Polarlichter sind etwas ganz besonderes, sie sind bunt, genauso bunt und vielfältig wie unsere Mitglieder", sagt Katrin Engert.

Nicht zuletzt über diese Gruppe findet die Krankheit verstärkt den Weg in die Öffentlichkeit. Laut Katrin Engert habe sich in der Gesellschaft diesbezüglich viel getan, sie entwickle zunehmend Verständnis für diese unsichtbare Erkrankung.

Die Selbsthilfegruppe fand einen Raum beim Verein "KISS" im Copitzer Mehrgenerationenhaus, bislang traf man sich aller 14 Tage freitags jeweils anderthalb Stunden. Sie bekommt den Raum kostenlos, er ist jedes Mal hübsch dekoriert, es gibt Kaffee und Kuchen. "Ein gemütliches Umfeld ist für die Treffen enorm wichtig", sagt Katrin Engert.

Dramatische Folgen für Betroffene

Die Gruppe ist inzwischen gut zusammengewachsen, die Menschen sind dankbar für das Angebot, sich zu treffen und auszutauschen. Doch dieses Gefüge für die ohnehin schon fragilen Menschen ist jetzt mächtig ins Wanken geraten.

Wegen der Corona-Pandemie sind Zusammenkünfte unmöglich, seit Oktober 2020 gab es kein einziges Treffen mehr. Das bereitet Katrin Engert große Sorgen, zumal sich die gesamte Situation nicht gerade förderlich auf die Erkrankten auswirkt.

Sie hat zwar eigens eine WhatsApp-Gruppe eingerichtet, doch die wenigsten schütten per Smartphone ihr Herz aus oder rufen an. Denn gerade bei psychischen Erkrankungen, sagt Katrin Engert, zählen Mimik, Gestik und das ganze Drumherum noch mehr als bei gesunden Menschen. "Manche ziehen sich jetzt ganz zurück und sind kaum zu erreichen", sagt sie.

Dabei mache die soziale Isolation, die gerade verordnet sei, viele Beschwerden noch schlimmer. Angst, Einsamkeit und fehlende Interaktion verstärkten vor allem die depressiven Symptome. "Die Angst vor der Zukunft mit Corona und die dauerhaften Einschränkungen führt in die Sackgasse des Suizids", sagt Katrin Engert. Für Menschen, die bisher keine Hilfe annehmen wollten, könne das dramatische Folgen haben.

Die Suizidrate bei bipolaren Menschen ist hoch

Dabei ist gerade die Selbsthilfe eine der tragenden Säulen für die Stabilität der Betroffenen. Bipolare Störungen lassen sich zum Teil medikamentös behandeln, darüber hinaus auch mit Psychotherapie, es helfen aber auch die Selbsthilfegruppen. "Dieser Austausch, diese Gespräche, sagt Katrin Engert, seien elementar wichtig.

In der Gruppe können die Menschen miteinander besprechen, worüber sie mit anderen nicht reden, weil sie es nicht verstehen. Aus der Gruppe heraus entwickeln die Betroffenen auch ein Verständnis dafür, die Krankheit für sich selbst anzunehmen - und dass sie ein Leben lang behandelt werden muss.

Für die Treffen bereitet Katrin Engert jedes Mal ein bestimmtes Thema vor, dabei spart sie auch das Thema Suizid nicht aus. "Das ist ein heißes Thema, wir sind aber auch dafür da, um darüber zu sprechen", sagt sie. Schließlich sei die Suizidrate bei bipolaren Menschen viel höher als bei jenen, die "nur" an Depressionen leiden.

Absturz von der manischen in die depressive Phase

Schätzungsweise 1,5 bis drei Prozent der Menschen bundesweit sind bipolar, eine psychische Erkrankung, die für Außenstehende oft nicht erkennbar ist. Die Symptome sind sehr vielschichtig.

In der manischen Phase sind die Betroffenen oft übermäßig leistungsfähig und kreativ, hyperaktiv, gereizt bei Widerspruch, innerlich unruhig, brauchen wenig Schlaf, sind sozial, sexuell und materiell enthemmt und neigen zu einer überhöhten Selbsteinschätzung.

In der depressiven Phase sind die Betroffenen hingegen traurig und antriebslos, haben kaum Appetit, grübeln ständig, schlafen schlecht, sind unfähig, eigene Entscheidungen zu treffen, fühlen sich wertlos, haben Suizidgedanken, manche Symptome verursachen auch körperliche Schmerzen.

Gefährlich, sagt Katrin Engert, ist die Mischform, bei der sich manische und depressive Phasen abwechseln. Wegen der Kombination aus gesteigerter Aktivität und Depressionen sei bei dieser Form das Selbsttötungsrisiko besonders hoch.

"Manische Menschen fühlen sich oft gut", sagt Katrin Engert. Der schlimmste Wechsel sei dann jener zurück in die Depression, für viele komme das einem regelrechten Absturz gleich. Vor allem jene, die das zum ersten Mal erleben, haben dann die große Sorge, dass die Depressionen lange andauern und fortan regelmäßig wiederkehren.

Für Angehörige, sagt Katrin Engert, seien die depressiven Phasen leichter auszuhalten, weil manische Menschen oft viel Schaden anrichten. Aus der übersteigerten Selbsteinschätzung heraus nehmen dann Betroffene beispielsweise enthemmt Drogen, steigern sich in einen Kaufrausch oder gehen fremd.

Niemand ist mit seinen Sorgen allein

Gerade Angehörige von bipolaren Menschen tragen eine große Last. Katrin Engert will daher die Selbsthilfegruppe auch für Angehörige öffnen, um den Austausch zu fördern, aber auch, um sie für ihre oft übermenschlichen Leistungen bei der Betreuung zu wertschätzen. Und gemeinsam soll es gelingen, dass Betroffene so gut wie möglich den Weg zurück ins Leben finden und weitgehend mit ihrer Krankheit klarkommen.

Zunächst aber, sagt Katrin Engert, sollen Betroffene und Angehörige angesichts der derzeitigen Situation wissen, dass sie mit ihren Sogen nicht alleine sind und dass es in Pirna Hilfe gibt.

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Zu erreichen ist die Selbsthilfegruppe per Mail unter [email protected] oder per Telefon über die Rufnummer des Vereins "KISS" unter 03501 582713.

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