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Wie der Tintenbann die Tätowierer nervt

In der Tattoo-Farbe stimmt die Chemie nicht mehr, sagt die EU. Auch Körperkünstler Kai Schneider in Pirna muss viele Farben wegwerfen.

Von Jörg Stock
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"Ich will meine Kunden glücklich machen." Tätowierer Kai Schneider (55) darf sein Pirnaer Studio wieder öffnen. Allerdings ohne bunte Farben.
"Ich will meine Kunden glücklich machen." Tätowierer Kai Schneider (55) darf sein Pirnaer Studio wieder öffnen. Allerdings ohne bunte Farben. © Daniel Schäfer

Die Musik spielt wieder im "Bulldogs". Das ist ein gutes Zeichen. Denn wenn etwas aus den Boxen kommt, sei es Klassik, Heavy Metal oder, wie jetzt gerade, Ethno-Rock von Mike Oldfield, ist Kai Schneider in Macherlaune. Die Musik hilft ihm, seine Umgebung auszublenden. Dann ist er ganz bei seiner Arbeit, und ganz beim Kunden, dessen Gefühle und, vor allem, Regungen, er einkalkulieren muss. "Es darf nichts schief gehen."

Kai Schneider ist professioneller Tätowierer. Sein Laden mit der mopsigen Bulldogge im Fenster liegt in Pirna, seit zwanzig Jahren an derselben Straßenecke. Man könnte ihn eine Institution nennen. Das Einzugsgebiet ist weit. Es gibt Kunden, die leben in den Bergen der Schweiz, andere auf einer Friesen-Insel. Über die Hälfte kommt mehr als einmal. Eine Bestätigung für Schneiders Anspruch: "Ich will, dass die Leute auf lange Zeit zufrieden sind."

Freuen ja, aber lieber nicht zu sehr

Dafür tun konnte er in letzter Zeit wenig. Seit Corona da ist, musste das "Bulldogs" viermal schließen. Im März 2021 hat Schneider sogar innerhalb eines Monats auf- und wieder dichtgemacht. Nun, nach neuerlichen zwei Monaten Zwangspause, erlaubt die Sächsische Corona-Notfallverordnung das Tätowieren wieder. Kai Schneider freut sich. Aber nicht zu sehr. Umso weniger ist man enttäuscht, sagt er, sollte der nächste Lockdown kommen.

Kai Schneider kann viel darüber erzählen, was er vom Sinn oder Unsinn der Corona-Regeln hält. Wie unlogisch er es zum Beispiel fand, dass Frisöre ihre Geschäfte offenhalten durften, Tätowierer aber, bei denen Hygiene seit eh und je dazu gehöre, nicht. Vieles, was die Politik entschied, hat er nicht verstanden. Sein Glaube an die Kompetenz der Verantwortlichen ist stark geschrumpft.

Institution in der Szene: Kai Schneiders "Bulldogs" in der Pirnaer Altstadt. Etwa ein Dutzend Tattoo-Studios gibt es insgesamt im Landkreis.
Institution in der Szene: Kai Schneiders "Bulldogs" in der Pirnaer Altstadt. Etwa ein Dutzend Tattoo-Studios gibt es insgesamt im Landkreis. © Daniel Schäfer

Doch Kai Schneider ist kein Jammerlappen. Aufregen bringt eh nichts, sagt er. "Das schadet nur dem Gemüt." So macht er die Musik an und telefoniert, um die vertagten Termine neu einzuplanen. Bislang habe noch niemand einen Rückzieher gemacht. "Die Kunden sind ja auch froh, dass es wieder losgeht."

Es geht los, aber nur in Schwarz und Grau. Die drei Dutzend Farbflaschen auf dem Arbeitstisch sind quasi über Nacht unbrauchbar geworden. Egal ob Schneeweiß, Zitronengelb, Rosenpink oder Drachengrün - sie alle kann Kai Schneider in die Tonne werfen. Ein Warenwert von etwa tausend Euro, schätzt er. "Als ob einem der Boden unter den Füßen weggerissen wird."

In 25 Jahren keine Probleme mit der Tinte

Grund dafür ist eine EU-Verordnung, die Verbraucher vor gefährlichen Chemikalien schützen soll. Solche Stoffe, mehr als 4.000 verschiedene, stecken laut Europäischer Chemikalienagentur auch in der Tattoo-Tinte. Für diese Substanzen hat die neue Verordnung Grenzwerte festgelegt. Seit Inkrafttreten am 4. Januar sind faktisch alle Farben, die europäische Tätowierer bisher benutzten, verboten.

Auch wenn er sich nicht aufregen will: Der Tintenbann ist für Kai Schneider ein wirkliches Rotes Tuch. In den 25 Jahren, die er insgesamt als Tätowierer arbeite, habe er kein einziges Mal erlebt, dass es wegen der Farbe zu gesundheitlichen Problemen gekommen wäre. Der Staat verbiete jahrzehntelang erprobte Produkte, wolle aber brandneue, wie die Impfstoffe gegen Corona, zwangsweise verordnen. "Das ist für mich der größte Widerspruch."

Alles für die Tonne: Diese Farben darf Tätowierer Schneider seit Jahresbeginn nicht mehr verwenden. Ersatz ist aber kaum zu kriegen.
Alles für die Tonne: Diese Farben darf Tätowierer Schneider seit Jahresbeginn nicht mehr verwenden. Ersatz ist aber kaum zu kriegen. © Daniel Schäfer

Das Thema Tattoo betrifft in Deutschland eine nicht unerhebliche Zahl Menschen. Verschiedene Studien kommen zu dem Schluss, dass etwa jeder Fünfte ein Tattoo trägt. Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge arbeiten laut Landratsamt aktuell zwölf Tattoo-Studios. Die Industrie- und Handelskammer Dresden, zu dem der Landkreis gehört, zählt in ihrem Bezirk, einschließlich Landeshauptstadt, Meißen und Lausitz, insgesamt 179 Tattoo-Läden.

Lars Fiehler ist der Sprecher der Kammer. Ihm fällt es schwer, sich beim Farbverbot auf eine Ansicht festzulegen. Es sei zu begrüßen, dass die EU die Fahne des Verbraucherschutzes hochhalte, sagt er. "Auch gibt es breite Zustimmung aus der Ärzteschaft, die schon lange vor Langzeitfolgen, häufig im Zusammenhang mit einer erhöhten Krebsgefahr, warnt."

Mangel an Forschungen zur Tattoo-Farbe

Fiehler, der selbst mehrere Tattoos hat, sagt aber auch, dass ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Tattoo-Farben und Erkrankungen nur schwer herzustellen sei. Genauso schwerlich könne man aber ausschließen, dass die bislang eingesetzten Farben doch Schäden verursachten. Laut Chemikalienagentur der EU geht es neben dem Verdacht, Krebs zu fördern, auch um Allergien, Erbgutveränderungen und um Störungen der Fortpflanzungsfähigkeit.

Dass bei den Gefahren vieles im Konjunktiv steht, liegt für Lars Fiehler daran, dass die Wirkung von Tätowierfarben nicht so umfassend untersucht ist, wie etwa die von Arzneimitteln. Allerdings werde man in jedem Tattoo-Studio über mögliche Risiken aufgeklärt und müsse dafür unterschreiben. Letztlich gehe es darum abzuwägen, zwischen der Fürsorge des Staates und der freien Entscheidung aufgeklärter Bürger.

Der Tattoo-Artist in Aktion: Seit 1996 zeichnet der gelernte Werkzeugmacher Kai Schneider Bilder aller Art auf Menschen.
Der Tattoo-Artist in Aktion: Seit 1996 zeichnet der gelernte Werkzeugmacher Kai Schneider Bilder aller Art auf Menschen. © privat

Das Problem wäre keins, hätten die Produzenten seit Beschluss der neuen Verordnung vor über einem Jahr neue, regelkonforme Farben an den Start gebracht. Bis kürzlich sah der Bundesverband Tattoo in Düsseldorf dafür aber keine Anzeichen. Die etablierten Hersteller hätten kaum etwas anzubieten. Man hoffe, dass irgendeiner der Marktteilnehmer doch noch die offene Flanke "für den Sprint auf's Tor" nutzen werde.

Doch der Sprint lässt auf sich warten. An zugelassenen Farben gibt es bislang nur graue und schwarze Töne. Kai Schneider in Pirna hat sich diese Woche fünf Flaschen schicken lassen. Die sind nun sein ganzes flüssiges Kapital. Zwar hat er in mehreren Online-Shops jetzt neue Farben entdeckt. Nur bestellen lassen sie sich noch nicht. "Wann die verfügbar sind, ist unklar."

Kai Schneider bleibt bei seinem Rezept: positiv denken. Die meisten Tattoos sticht er sowieso in Schwarz und Grau, sagt er. Und selbst bunte Bilder beginnen in aller Regel mit schwarzen Linien und Schattierungen. Die Farbe kann später kommen. Und sie wird kommen, da ist er sicher. "Irgendwie geht es immer weiter."