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Auf Test-Tour im Corona-Risikogebiet

Seit die Zahlen in der Sächsischen Schweiz extrem steigen, hilft das Rote Kreuz dem überlasteten Amt mit Corona-Tests. Vom Hausbesuch bei infizierten Rentnerinnen.

Christopher Neidhardt (l.) und Kay Hoffmann testen in der Sächsischen Schweiz Menschen auf Corona. Der Landkreis hat Ehrenamtliche wie sie zur Hilfe gerufen, weil das Gesundheitsamt überlastet ist.
Christopher Neidhardt (l.) und Kay Hoffmann testen in der Sächsischen Schweiz Menschen auf Corona. Der Landkreis hat Ehrenamtliche wie sie zur Hilfe gerufen, weil das Gesundheitsamt überlastet ist. © Ronald Bonß

Hühner zetern durcheinander, Kürbisköpfe wachen über Tür und Garten, welkes Laub weht über leere Beete. Plötzlich platzen Männer in die ländliche Idylle, die aussehen, als wenn sie aus dem Weltraum kämen. Weiße Anzüge umhüllen ihre Körper, Brillen und Masken die Gesichter. Dass in einer Woche Halloween, das Fest der Verkleidungen gefeiert wird, ist nicht der Grund für ihren Auftritt. Die beiden Männer klingeln nicht, um Süßigkeiten zu erbetteln. Sie sind gekommen, um Speichel abzuholen. Ihre Mission sind Corona-Tests, ihr Auftraggeber das Rote Kreuz.

Seit vergangener Woche hilft die Organisation im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge dem Gesundheitsamt. Das kommt kaum hinterher, obwohl Mitarbeiter aus anderen Referaten es schon unterstützen. Die Corona-Kurve steigt immer steiler, seit dieser Woche gilt der Landkreis als Risikogebiet. Für das Einsammeln von Proben hat er die Hilfsorganiation berufen, beim Roten Kreuz sind das die Dienststellen in Pirna, Sebnitz, Freital und Dippoldiswalde. 

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Sie testen Personen, die Zuhause wohnen und nicht selbst zum Testen kommen können, weil sie gebrechlich oder in Quarantäne sind. An diesem Vormittag soll die Tour zu zwei Frauen führen, die seit vier Wochen als positiv gelten. Wöchentlich werden sie seither getestet. Beide Frauen befinden sich in einem Alter zwischen 65 und 80 Jahren.

Vom Heidenauer Heimleiter zum Corona-Tester

In wechselnden Teams fährt das Rote Kreuz von Pirna und Sebnitz aus drei Mal pro Woche mit dem Testmobil raus. Christopher Neidhardt und Kay Hoffmann übernehmen an diesem Vormittag zum ersten Mal. Auf andere Krankheiten wie das Norovirus habe Neidhardt schon häufig getestet, auf Corona bisher noch nicht. Abgesehen von der Infektionsstufe sei es dasselbe - vergleichsweise "stupide Arbeit." Das sei bewusst so angelegt worden, damit die Testkapazitäten erhöht werden konnten. Bis vor Kurzem durften nur Ärzte Abstriche nehmen. 

In dem blau-weißen Kasten transportiert Christopher Neidhardt die abgeholten Speichelproben.
In dem blau-weißen Kasten transportiert Christopher Neidhardt die abgeholten Speichelproben. © Franziska Klemenz

Auch wenn das Ehrenamt Grenzen habe: "Wenn wir jetzt eine Zeit lang ein paar Mal die Woche testen gehen, ist das in Ordnung", sagt Neidhardt. Der 36-Jährige spricht mit sanfter Stimme und lacht häufig dabei. Zum Roten Kreuz kam der gebürtige Dresdner 2011. Hauptamtlich arbeitet er als Notfallsanitäter im Rettungswagen und als stellvertretender Dienstleiter des Büros. Ehrenamtlich hilft er überall da, wo es akut wird. Als Rechtsextreme, Familienväter und Rentner 2015 auf das Geflüchtetenheim in Heidenau losgingen, war Neidhardt ehrenamtlicher Heimleiter. "Das war das einzige Mal in meinem Leben, das ich Angst hatte", sagt er. Jetzt verursacht Corona die Not-Situation, die ohne das Ehrenamt nicht zu bewältigen wäre. Auch Hoffmann ist ehrenamtlich beim Katastrophenschutz, arbeitet eigentlich als Elektroniker. 

Der Katastrophenschutz-Sprinter rollt beim Landratsamt ein. Massenhaft Kartons mit Masken, Anzügen, Brillen für die Test-Teams stapeln sich in einem Gewölbe des historischen Baus. „Jede Nase einen solchen Zettel“, weist eine Mitarbeiterin ein und wuselt geschäftig durch den Raum. „Wir pfeifen hier 200 Leute durch. Das ist der Wahnsinn und das ist erst der Anfang.“ 

"Manche werden einfach nicht negativ"

Wenn Corona wieder großflächig in die Heime einziehe, drohe die Katastrophe. Schon jetzt gibt es dort die meisten Ausbrüche des Landkreises. „Das ist die große Angst.“ Ein Pirnaer Altenheim, ein Gebäuderiegel aus siebenstöckigen Blöcken, würde es dem Virus besonders leicht machen, sich zu verbreiten, meint Neidhardt, der selbst gelernter Krankenpfleger ist. "Eine Wohnbatterie - das würde man heute so gar nicht mehr bauen, wegen des Wohlfühlfaktors und wegen des Infektionsschutzes."

Zwei Kästen laden er und Hoffmann ein. Eine graue Plastikbox mit Schutzanzügen, Masken, Handschuhen, Brillen und Fuß-Überziehern und eine blau-weiße mit Beprobungsröhrchen und Zetteln. „Das mit den Tests ist kein einfaches Procedere", sagt die Mitarbeiterin. "Manche werden einfach nicht negativ.“ Im Frühjahr sei mal einer sechs Wochen lang positiv getestet worden. „Und der war lieb. Es ist ja letztlich Freiheitsentzug, was wir mit denen machen.“

Von Außen lässt der Sprinter sich nicht anmerken, dass er auf Corona-Mission Richtung Stolpen rollt. "Katastrophenschutz" steht auf dem weiß-rot gestreiften Lack, ein Blaulicht-Riegel thront auf dem Dach. Er rollt über die Landstraße, vorbei an geschmückten und verwilderten Gärten, bunten Bushaltestellen und Kürbis-Pflückfeldern. 

Anzüge, Handschuhe und Masken müssen nach einmaliger Benutzung in den Müll. Nur die Brillen werden desinfiziert und wiederverwendet.
Anzüge, Handschuhe und Masken müssen nach einmaliger Benutzung in den Müll. Nur die Brillen werden desinfiziert und wiederverwendet. © Franziska Klemenz

Sorgen, sich anzustecken, habe Neidhardt eher im Rettungswagen als auf Test-Tour, sagt er. Mit dem Rettungsdienst hat er Leute Zuhause abgeholt, bei denen sich später eine Corona-Infektion herausgestellte. Einen Anzug tragen die Sanitäter dabei nicht, nur Masken. "Bei der Beprobung treffen wir alle Vorsichtsmaßnahmen, weil wir davon ausgehen müssen, dass die Leute positiv sind." Ehrenamtliche sind als Reserven da. Dass sie zu Beginn der zweiten Welle krank werden und ausfallen, kann sich niemand leisten. "Ich habe eine Familie, vier Kinder", sagt Neidhard. "Wenn ich zu große Angst hätte, würde ich es nicht machen.“ 

Der Sprinter hält zwischen zwei Gartengrundstücken in Stolpen. Der größte Aufwand am Corona-Test ist nicht der Test. Die Probe zu entnehmen, dauert nicht länger als ein Atemzug. Bis die Testperson würgt, steckt das Röhrchen längst nicht mehr im Rachen. Der größte Aufwand ist der Schutz vor dem, was sich im Rachen tummeln könnte. Neidhardt beschriftet die Röhrchen.

"Man stellt sich am besten vor, dass das Virus Farbe ist"

Die beiden Männer setzen sich in den Kofferraum stülpen sich die Anzüge über. „Also wer sich die ausgedacht hat“, frotzelt Hoffmann und zerrt den Beinabschluss über seine Schuhe. Sie stülpen Kapuzen über ihre Köpfe, ihre Augen schirmen sie mit Ski-Brillen ab, Mund und Nase mit weißen Masken.

Ein Junge fährt mit dem Roller vorbei. Seine Augen weiten sich beim Anblick der vermeintlichen Marsmänner, er holt einen Kumpel aus dem Nachbarhaus. „Kriegt se morgen Bescheid?“, fragt eine Nachbarin im Vorbeilaufen, die offensichtlich von der Infektion weiß. „Sitzt jetzt ja schon so lange drinnen.“ 

Die positiv Getestete lächelt die Männer an, denen sie öffnet. Sie sind ihre Chance auf Freiheit. „Jetzt mal Zunge nach unten, bitte“, sagt Neidhardt und steckt ihr das Röhrchen in den Hals. Sie würgt und hustet. „Da kommen mir gleich die Tränen.“ Neidhardt lächelt verständnisvoll. Er kennt die Prozedur, wurde selbst vier Mal getestet.

 „Es ist unangenehm. Es macht aber wenig Sinn, den Abstrich aus dem vorderen Mundraum zu entnehmen, wo sich Essensreste in den Speichel mischen und die Virenlast geringer ist.“ Die Infizierte kennt die Prozedur inzwischen auch: „Hauptsache, es ist nicht wieder positiv. Es reicht jetzt zu mit der Quarantäne. Ich weiß gar nicht, wo ich es herhaben soll. Hatte auch keine Symptome, nüscht.“ Sie hatte sich bei einer Busreise angesteckt.

In der grauen Box hat das Landratsamt das Material an die Testenden übergeben.
In der grauen Box hat das Landratsamt das Material an die Testenden übergeben. © Franziska Klemenz

"Hast gut aufgepasst, ist noch alles drinnen", lobt Neidhardt den Jungen, als er die blau-weiße Box über die Straße trägt. Besonders attraktiv ist der Inhalt des Wagens auch nicht für Diebe. Einmal-Anzüge und Corona-Tests, die Hälfte davon gebraucht. „Wir lassen die Anzüge nicht an, damit wir nicht am Ende das Virus von der einen zur anderen Testperson tragen. Das wäre schrecklich“, sagt Neidhardt. „Ist eine ganz schöne Materialschlacht. Hier geht es aber nicht anders. Viel mehr stört mich das beim Einkaufen.“

Er übergießt sich mit Desinfektionsmittel, reibt seine Arme damit ein. „Man stellt sich am besten vor, dass das potenzielle Virus Farbe ist, die man an den Händen hat und von der man nichts mit ins Auto nehmen will.“

Noch eine Runde Alkohol

Das zweite Ziel des getarnten Mars-Mobils liegt mitten in einem Wohnblock. Ein etwa 30-jähriger Mann mit bleichem Gesicht, Pulli, Käppi und Handymusik wird noch bleicher, als er die Männer mit Anzügen sieht. "Muss man sich jetzt hier Sorgen um Corona machen?“, fragt er. "Warum habt ihr sowas an?" Die Rotkreuzler winken ab, der Irritierte wackelt davon.

"Hier ist das Beprobungsteam vom Roten Kreuz. Schönen guten Tag", melden sie sich per Gegensprechanlage. Auch diese Rentnerin hat sich auf einer Busreise angesteckt. „Es wird jetzt nochmal kurz unangenehm“, warnt Neidhardt vor dem Röhrchen. Sie hustet. „Wenn Sie es mir nicht gesagt hätten, hätte gar nicht gewusst, dass ich Corona habe.“ Auch sie ist seit vier Wochen in Quarantäne. „Kann man das Virus wirklich so lange in sich haben?“, fragt sie. „Leider ja. Ich drück Ihnen die Daumen, dass Sie jetzt wieder in die Freiheit dürfen." Die Dame nickt. "Ja, ich werde hier drin verrückt."

Nach den Testungen ordnen die Männer den Proben Etiketten zu, damit am Ende auch die richtige Person das richtige Laborergebnis erhält.
Nach den Testungen ordnen die Männer den Proben Etiketten zu, damit am Ende auch die richtige Person das richtige Laborergebnis erhält. © Franziska Klemenz

"Wären die Damen nicht auf einer Busreise gewesen", sagt Neidhardt hinterher, "hätten sie sich nie testen lassen - warum auch, ohne Symptome? Sie hätten dann mit einer anderen Krankheit ins Krankenhaus kommen können, ohne dass jemand von der Infektion gewusst hätte. Das ist die klassische, gefährliche Dunkelziffer."

Ein älterer Herr tappt über die Straße, quittiert die Anzugträger mit einem grimmigen Nicken. Die Oberkörper der Rotkreuzler stecken gebückt im Kofferraum. Der Wind zerrt an der Liste. Einer der beiden hält dagegen, der andere klebt die Etiketten für die Namen drauf. Neidhardt und Hoffmann schälen sich aus ihren Anzügen. Mit Panzertape kleben sie die Mülltüten zu, in denen das Getragene steckt. „Eigentlich müsste uns ein extra Müllwagen begleiten, bei dem ganzen Material“, scherzt Hoffmann. „Ich gebe noch eine Runde Alkohol aus“, kontert Neidhardt mit dem nächsten Schwall Desinfektionsmittel.

Ein bis zwei Tage wird es dauern, bis die beiden Damen die Ergebnisse haben. „Die Labore sind gerade natürlich ziemlich belastet“, sagt Neidhardt. „Ich denke, wir werden nochmal eine deutliche Verschärfung erleben. Ein halbes Jahr werden wir schon noch durchhalten müssen. Das erfordert von uns allen Disziplin. Es kommt auf jeden Einzelnen an." Er selbst gehe nicht mehr reisen, trage überall Maske, achte darauf, dass seine Kinder ständig Hände waschen. 

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"Davon, dass wir heute zwei Fälle mit milden Verläufen besucht haben, darf man sich nicht täuschen lassen." Um die Gefährlichkeit des Virus einzuschätzen, solle man sich auch nicht allein auf die Todeszahlen konzentrieren. "Ich habe schon Patienten gesehen, denen es sehr schlimm ging. Zwei oder drei Wochen unter extremer Atemnot zu leiden, wünsche ich niemandem.“

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