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Vom einsamen Tod in Corona-Zeiten

Nicole G. aus dem Löbauer Oberland verliert ihren Vater in der Hochzeit der Krise. Die Ärzte lassen sie erst zu ihm, als er tot ist.

So wie auf diesem Symbolbild kam sich Nicole G. vor, wenn sie ihren Vater in der Klinik besuchen wollte. Die Ärzte ließen sie nicht zu ihm.
So wie auf diesem Symbolbild kam sich Nicole G. vor, wenn sie ihren Vater in der Klinik besuchen wollte. Die Ärzte ließen sie nicht zu ihm. © dpa

Die Worte von Angela Merkel jetzt vor dem Bundestag waren emotional wie man es selten von der Kanzlerin gehört hat. Alle sehnten sich wieder nach Nähe, Berührungen und Gemeinsamkeit, sagte sie da, und: "Das spüre ich selbst. Da geht es mir nicht anders als anderen." Nicole G. (Name von der Redaktion geändert) empfindet bei diesen Worten der Kanzlerin erneut Wut und Trauer. "Ich habe in der heißen Phase von Corona meinen Papa verloren" sagt sie. Nähe, Berührungen, Gemeinsamkeiten - all das waren Vater und Tochter in seinen letzten Stunden nicht vergönnt. "Man hat mich erst zu ihm gelassen, als er tot war", sagt Nicole G. verbittert.

Ihr Vater starb am 29. April - doch die Corona-Krise hatte ihn schon Wochen vorher von seiner Familie und seinen verbliebenen Freunden isoliert. "Es geht um einen einsamen, alten Mann, der die letzten Jahre nach dem Tod seiner Frau allein in seinem Häuschen gelebt hat", sagt die Tochter. Es war im März, dass sie ihren Vater zum letzten Mal von nahem lebend sah. Denn mit Einleitung des Lockdowns hätte auch sie den Kontakt zum Vater auf Telefongespräche reduziert. "Es hieß ja, wir müssen die besonders gefährdeten Menschen schützen. Da haben wir uns dran gehalten", sagt Nicole G. - nicht wissend, was kurz später passieren würde.

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Auch ihr Vater schränkte Kontakte ein. "Er sollte halt nicht einkaufen gehen", sagt die Tochter. Dabei war sein wöchentlicher Einkauf sein wichtigster Kontakt zur Außenwelt - und auch eine Art Ritual. "Er hat sich immer darauf gefreut und auch immer Blumen als Grabschmuck für meine Mutter gekauft. Immer wenn ich zu ihm kam, standen irgendwo Blumen", erzählt Nicole G. Und bei diesen Einkäufen habe er sich auch immer mit ein paar Rentnern in seinem Heimatdorf im Oberland auf einen Ratsch getroffen. "Das waren die Highlights, die er so hatte", erzählt die Tochter. Doch das war von jetzt auf gleich vorbei. Den Einkauf besorgte der Pflegedienst, der regelmäßig nach ihm sah. Und auch zu einem lange geplanten Familienfest kam es nicht. "Im April wollte mein Sohn, sein erstgeborener Enkel, 20. Geburtstag feiern, da hat er sich sehr drauf gefreut", sagt Nicole G., aber: "Wir haben lange diskutiert, ob wir feiern sollen und haben dann abgesagt - zur Sicherheit." Beklagt hat sich der alte Mann nicht. "Mein Papa war nicht der Typ, der sich beklagt", sagt sie.

In die Klinik wegen eines Beinleidens

"Ich habe meinen Vater auch an Ostern nicht besucht, das bereue ich heute", sagt Nicole G.. Denn nur wenige Tage später begann die Tragödie ihren Lauf zu nehmen. Seit 20 Jahren habe ihr Vater eine Beinprothese getragen. "Am 16. April wurde ich in der Arbeit angerufen", dass die Hausärztin ihren Vater in die Klinik eingewiesen habe. Der Beinstumpf war offen und entzündet. Als Nicole G. in die Klinik kam, sei er bereits auf die Intensivstation verlegt worden. "Ich habe mit dem Oberarzt gesprochen und ihm gesagt, dass ich gerne zu meinem Papa möchte, ihn sehen, ihm Mut zusprechen", erzählt sie.

Man habe sie aber nicht zu ihm gelassen und ihr erklärt, dass ihr Vater am Bein operiert werden müsse - ein Routineeingriff. "Ich hatte Gedanken, was passiert, wenn er da nicht mehr aufwacht", sagt Nicole G. Doch die Operation am Tag nach der Einlieferung war zunächst scheinbar erfolgreich verlaufen. Doch auch danach habe man sie nicht zu ihrem Vater gelassen - aus Coronaschutzgründen. Und die Worte, die der Oberarzt benutzt haben soll, wird Nicole G. nie vergessen. "Er hat gesagt, das gehe nur ,im äußersten Notfall'", erzählt sie. Was denn ein solcher "äußerster Notfall" sein solle, habe sie gefragt. Die Antwort: "Wenn man Abschied nehmen muss."

"Ethisch nicht vertretbar"

Immer wieder fuhr Nicole G. nach der Arbeit zu ihrem Vater in die Klinik. "Ich habe die Schwester angefleht: Bitte darf ich meinen Vater kurz sehen?" - keine Chance. Sie kann diese Maßnahme bis heute nicht begreifen. Natürlich hätte sie Schutzkleidung angezogen und eine virenfeste Maske, aber es gab keine Möglichkeit. "Ich fand das ethisch unter der Grasnarbe", sagt Nicole G. und fügt nachdenklich an: "Vielleicht war ich an der Stelle nicht energisch genug. Ich habe das einfach akzeptiert."

In den Tagen nach der OP habe sie wenigstens mit ihrem Vater telefoniert. Und als der auf die Normalstation verlegt wurde, habe sie auch die Prothese in die Klinik gebracht. "Eine menschenleere Station, gespenstisch", erzählt Nicole G., "da stand ich da im Gang mit seinem halben Bein und dachte, was ist denn hier los?" Am 25. April habe ihr Vater dann am Telefon gesagt, dass er nur stilles Wasser zum Trinken bekomme. "Ich bin dann mit meinem Mann in die Klinik und wollte ihm Saft, Kekse und ein bisschen Schokolade bringen", erzählt sie. Doch wieder sei sie nicht zu ihm gelassen worden.

Am 28. April schließlich sei ihr Vater erneut auf die Intensivstation verlegt worden - wegen undefinierbarer Schmerzen. Und einen Tag später kam der Anruf aus der Klinik, sie solle kommen. "Dort hat man mir mitgeteilt, dass mein Vater um 8.39 Uhr verstorben war. Es hat mir regelrecht die Beine weggehauen", und: "Jetzt, wo er die Augen zugemacht hatte, durfte ich kommen." Und es macht sie zornig, wie ihr Vater so allein sterben musste. "Man hat einen alten Mann, der gehandicapt war, von der Außenwelt abgeschnitten. Das ist ethisch nicht vertretbar", sagt sie.

Ihr blieb eine würdige Abschiedsfeier

Was Nicole G. als letzte Pflicht blieb, war, ihrem Vater eine würdige Trauerfeier und Beisetzung zu sichern. "Ich hätte ihn nicht mit Maske beerdigt", sagt sie. Deshalb habe sie in der Todesanzeige inseriert, dass die Feier im engsten Familienkreis stattfindet. "Aber die Menschen, denen er wichtig war und die ihm wichtig waren, haben mich angesprochen", erzählt sie. Und diesen Menschen habe sie auch ermöglicht, Abschied von ihrem Vater zu nehmen.

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