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Warum der Kreis Görlitz so viele Corona-Tote hat

Im Landkreis Görlitz liegt die Sterberate über dem Bundesdurchschnitt. Im Nachbarlandkreis ist die Lage nicht ganz so drastisch. Woran liegt das?

Im Kreis Görlitz gab es besonders viele Corona-Tote. Nicht nur in absoluten Zahlen, sondern auch bezogen auf die Einwohnerzahl.
Im Kreis Görlitz gab es besonders viele Corona-Tote. Nicht nur in absoluten Zahlen, sondern auch bezogen auf die Einwohnerzahl. ©  Claudia Hübschmann

Es sind Bilder, die sich sicher bei vielen ins Gedächtnis eingebrannt haben: gestapelte Särge in den Krematorien in Sachsen. Bilder aus dem vergangenen Winter, von den Hochzeiten der Corona-Pandemie. Dass der Landkreis Görlitz besonders stark von der Pandemie betroffen war, ist kein Geheimnis. Ein Blick in die Statistik zeigt: In der Region haben sich nicht nur viele Menschen infiziert, es sind auch besonders viele gestorben. Nicht nur absolut betrachtet – sondern auch im Verhältnis zu den Erkrankungszahlen. Ein Blick in die Zahlen des Robert-Koch-Instituts (Stand: 16. Juni).

Wie viele Infektionen pro 100.000 Einwohner es gab

Was die Zahl der nachgewiesenen Corona-Infektionen pro 100.000 Einwohner anbelangt, ist der Kreis Görlitz einer der deutschlandweiten Negativ-Spitzenreiter. Er landet auf Platz acht aller mehr als 400 Landkreise und kreisfreien Städte. Der Kreis mit den meisten Infektionen pro 100.000 Menschen liegt ebenfalls in Sachsen: Es ist der Erzgebirgskreis mit 9.530 Fällen.

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Darüber hinaus tauchen einige weitere sächsische Kreise in der Statistik des RKI weit oben auf. So hat der Kreis Bautzen die zweitmeisten Corona-Fälle pro 100.000 Einwohner, Zwickau landet auf Platz vier, der Kreis Sächsische-Schweiz-Osterzgebirge auf Platz sechs, der Vogtlandkreis auf sieben. Generell ist auffällig: Die Zahlen im Osten Deutschlands sind höher als im Westen.

Vor allem in Sachsen und generell im Osten Deutschlands waren die Corona-Infektionszahlen pro 100.000 Einwohner höher als in den meisten Kreisen im Westen. Der Kreis Görlitz liegt auf Platz acht.
Vor allem in Sachsen und generell im Osten Deutschlands waren die Corona-Infektionszahlen pro 100.000 Einwohner höher als in den meisten Kreisen im Westen. Der Kreis Görlitz liegt auf Platz acht. © Robert Koch-Institut (RKI), dl-de/by-2-0

Wo die meisten Corona-Todesfälle aufgetreten sind

Die bundesweit meisten Corona-Todesfälle, auf die Einwohnerzahl bezogen, gab es im Landkreis Görlitz. Auch bei dieser Auswertung ist auffällig, dass viele sächsische Kreise und Städte besonders hohe Zahlen vorzuweisen haben. Auf dem zweiten Platz liegt hier der Kreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, auf Platz fünf und sechs landen der Vogtlandkreis und Zwickau. Auch der Kreis Bautzen hat besonders hohe Todeszahlen; er landet im deutschlandweiten Vergleich an neunter Stelle. Auch hier fällt auf: Die Todesfälle auf die Einwohnerzahl bezogen sind im Osten Deutschlands höher als im Westen.

Welcher Kreis die höchste Sterberate hat

Mehr Erkrankte – mehr Tote, das liegt noch nahe. Aber die Daten des Robert-Koch-Instituts zeigen noch mehr Auffälligkeiten. Denn auch, wenn man die Todeszahlen nur auf die an Corona Erkrankten bezieht, sind sie in vielen Landkreisen im Osten Deutschlands höher als im Westen. Negativ-Spitzenreiter ist wieder der Kreis Görlitz. Die Sterberate der Erkrankten lag hier bei 5,6 Prozent. Zum Vergleich: Die Corona-Sterberate bundesweit liegt laut den RKI-Daten bei 2,5 Prozent.

Hier steht der benachbarte Landkreis Bautzen etwas weniger schlecht da – dennoch aber eben schlechter als der Bundes-Durchschnitt. Bautzen landet auf Platz 70 mit einer Sterberate von 3,4 Prozent der an Corona Erkrankten.

Dass die Sterberate im Osten Deutschlands in vielen Kreisen höher ist als im Westen, ist auch der Covid-19 Data Analysis Group (Codag) aus München aufgefallen. „Insgesamt zeigen die Bundesländer Sachsen, Thüringen und Brandenburg zum Jahresende eine circa dreifach höhere Sterblichkeit als die meisten anderen Bundesländer“, schreiben die Wissenschaftler in einem Bericht vom Dezember.

Dass mehr Erkrankte auch mehr Todesfälle bedeuten, liegt nahe. Aber auch beim Anteil der Todesfälle an den Corona-Erkrankten stehen viele Kreise im Osten Deutschlands schlechter da. Sie haben oftmals eine höhere Sterberate.
Dass mehr Erkrankte auch mehr Todesfälle bedeuten, liegt nahe. Aber auch beim Anteil der Todesfälle an den Corona-Erkrankten stehen viele Kreise im Osten Deutschlands schlechter da. Sie haben oftmals eine höhere Sterberate. © Robert Koch-Institut (RKI), dl-de/by-2-0

Weshalb es in Sachsen so viele Corona-Fälle gab

Dass es in Sachsen besonders viele Ansteckungen gab, dafür hat das Sächsische Sozialministerium (SMS) einige Erklärungsansätze. So nennt es die Nähe zu Tschechien und Polen als Grund: „Beides Länder mit ehemals hohen Infektionszahlen, bevor die Zahlen in Sachsen hochgingen“, erklärt das Ministerium. Es gebe viele Grenzpendler. Außerdem habe es viele Infektionen im ländlichen Raum gegeben, wo enge familiäre und freundschaftliche Beziehungen eine Rolle spielten. Und: „Dadurch, dass Sachsen in der ersten Erkrankungswelle nur wenig betroffen war, war vielleicht auch das Bewusstsein für die Bedrohlichkeit der Pandemie zu Beginn in Teilen der Bevölkerung nicht ausreichend vorhanden.“

Warum die Sterberate im Osten höher ist

Die hohe Sterberate sehen das SMS und beispielsweise das Bautzener Landratsamt vor allem in der Altersstruktur der Bevölkerung begründet. Viele Infektionen, berichtet Cynthia Thor, Sprecherin des Landratsamtes, habe es im Kreis Bautzen in Einrichtungen der stationären und ambulanten Altenhilfe gegeben. „Diese Ausbrüche führten aufgrund der Vorerkrankungen der Bewohner leider sehr oft auch zu vermehrten Todeszahlen“, erklärt sie. Von 932 Corona-Toten im Kreis seien 599 über 80 gewesen.

Auch Reiner Rogowski, Geschäftsführer der Oberlausitz-Kliniken, sagt: „Die Leute in der Region sind älter als im Bundesdurchschnitt.“ Zwar gebe es nicht nur im Osten Deutschlands Regionen mit vielen Älteren, aber dass ein höheres Alter zu anteilig mehr Corona-Todesfällen führe, sei bekannt.

Dennoch: „Im Osten waren auch die standardisierten Sterbezahlen höher als im Westen“, sagt Göran Kauermann von der Analyse-Gruppe aus München. Er meint damit Sterbezahlen, aus denen der Faktor „Alter“ herausgerechnet worden ist. Sprich: Das Alter ist nicht alleinige Ursache für die in der Region höhere Sterberate.

Welche Ursachen sie haben kann, dazu hat Nico Dragano, Professor für Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Düsseldorf, geforscht. Er sei kein Experte für den Kreis Bautzen, betont er. Eher könne er allgemeinere Aussagen treffen. Auch er begründet die hohe Corona-Sterberate in Sachsen, Thüringen und Brandenburg zunächst mit dem hohen Durchschnittsalter. Aber es gebe noch mehr Gründe.

So sei der Gesundheitszustand der Bevölkerung ein Faktor. „Es gibt Erkrankungen, die schwere Verläufe begünstigen – wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, erklärt er. „Studien zeigen, dass diese in Sachsen, Brandenburg und Thüringen stärker verbreitet sind.“ Auch Armut und soziale Benachteiligung spielten eine Rolle bei der Schwere der Corona-Erkrankung sowie der Lebensstil, die Raucherquote. „Das sind alles Risikofaktoren“, sagt Nico Dragano. Inwieweit die Corona-Politik eine Rolle spielt, lasse sich hingegen kaum analysieren.

Im bundesweiten Vergleich liegt die Corona-Sterberate im Kreis Bautzen über dem Durchschnitt. Betrachtet man nur die sächsischen Zahlen, liegt Bautzen leicht drunter.
Im bundesweiten Vergleich liegt die Corona-Sterberate im Kreis Bautzen über dem Durchschnitt. Betrachtet man nur die sächsischen Zahlen, liegt Bautzen leicht drunter. © SZ Grafik

Aber es gebe einen Zusammenhang zwischen einer hohen Sterberate und einer hohen Zahl von Corona-Erkrankungen. „Bei hohen Inzidenzen hat das Gesundheitssystem, konkret die Intensivstationen, mit einer Überlastung zu kämpfen“, sagt Nico Dragano. „Die Versorgungssituation lässt sich dann in manchen Fällen nicht in derselben Qualität aufrechterhalten.“

„Die Intensivstationen waren überlastet, das ist einfach so“, sagt dazu Bautzens Klinikchef Reiner Rogowski. Nicht nur in Bautzen – auch anderswo. Zu anteilig mehr Todesfällen habe das aber nicht geführt, ist er überzeugt. „Unsere Mitarbeiter sind zwar an die Grenzen des Machbaren gegangen, und wir mussten die Bettenzahl hoch powern.“ Aber so überlastet wie im italienischen Bergamo seien die Stationen nicht gewesen.

Die schwer Erkrankten seien sachsen- und teilweise auch bundesweit verteilt worden, die Regionen halfen sich gegenseitig aus. Es seien Lösungen gefunden worden. Betrachte man nur die Sterbequote innerhalb der Krankenhäuser, so berichtet Reiner Rogowski, liegen die beiden Krankenhäuser der Oberlausitz-Kliniken unterhalb des sächsischen Durchschnitts.

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