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Wegen Corona ausgesperrt: Eine Tschechin berichtet

Kateřina Bendová lebt in Schluckenau und arbeitet in Sohland. Corona hat sie monatelang doppelt isoliert. Noch traut sie der Rückkehr in die Normalität nicht.

Seit zwei Jahren ist Kateřina Bendová im Sohlander Brauhaus am See angestellt. Fast ein Jahr davon verbrachte sie im Lockdown in Tschechien.
Seit zwei Jahren ist Kateřina Bendová im Sohlander Brauhaus am See angestellt. Fast ein Jahr davon verbrachte sie im Lockdown in Tschechien. © SZ/Uwe Soeder

Sohland. Es wirkt fast so, als sei es nie anders gewesen: Am späten Montagnachmittag kehrt Kateřina Bendová mit ihrer Cane-Corso-Hündin Bonnie von einem Spaziergang rund um den Sohlander Stausee zurück. Ein Bekannter aus dem Grenzort im Oberland hat die junge Tschechin begleitet. Beide haben geplaudert - von Angesicht zu Angesicht. Es ist die normalste Sache der Welt und trotzdem irgendwie besonders. Denn bis vor einem Monat trennte Corona die Lebenswelt der beiden.

Vor etwa zwei Jahren wurde Kateřina Bendová zur dauerhaften Grenzgängerin. Die 30-Jährige lebt in Šluknov (Schluckenau) und arbeitet im Sohlander Brauhaus am See - hat Freunde und Verpflichtungen in diesem wie in jenem Land. Als Tschechien zur Eindämmung des Coronavirus im März 2020 die Grenze zum Nachbarland schloss, war plötzlich alles anders.

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"Der erste Lockdown war anstrengend", erinnert sie sich an die ersten Wochen der doppelten Isolation. Nicht arbeiten zu dürfen, das eigene Land, ja nicht einmal die eigene Region verlassen zu können, sei schlimm gewesen, sagt sie. Hinzu sei die Angst vor der unbekannten Krankheit gekommen.

Strenge Kontrollen durch Polizei und Militär

Was Kateřina Bendová beschreibt, wurde in Deutschland als besonders harter Lockdown wahrgenommen. Und selbst aus heutiger Sicht wirkt befremdlich, was die junge Tschechin berichtet: "Wir durften abends nur bis neun Uhr raus, morgens erst wieder um sechs. Wer noch arbeiten durfte, musste ständig entsprechende Papiere bei sich tragen. Wer abends nach neun Uhr noch mit dem Hund Gassi gehen wollte, durfte sich nicht weiter als 500 Meter von der eigenen Wohnadresse entfernen", zählt sie auf. Die Maskenpflicht im gesamten öffentlichen Raum sei schon sehr zeitig eingeführt worden: "Zuerst durften wir noch Masken aller Art tragen, dann sollten wir zwei übereinander ziehen, später wurden FFP2-Masken zur Pflicht", sagt sie.

Die Kontrollen durch die tschechische Polizei, teils sogar durch das Militär, seien streng gewesen: An den Ausfallstraßen in die Nachbarregionen sei permanent kontrolliert worden, ob man befugt sei, die eigene Gemeinde - im Fall von Kateřina Bendová ist das Ústecký kraj (Aussiger Region) - zu verlassen. Die Gründe dafür mussten triftig sein: "Man musste etwa nachweisen, dass man die Gemeinde verlässt, um zu arbeiten oder für einen wichtigen Arztbesuch. Wer Familie in einer Nachbargemeinde hat, hatte Pech."

Sommer 2020: Die Normalität war trügerisch

Das alles kam plötzlich - für Kateřina Bendová genau wie für ihren Arbeitgeber. "Wir haben uns noch kurz nach der Grenzschließung an der grünen Grenze getroffen, weil wir Unterschriften wegen des Kurzarbeitergeldes austauschen mussten", erinnert sie sich. Schnappschüsse davon wirken grotesk: Zwei Menschengrüppchen, sich gegenüberstehend, voneinander getrennt durch eine unsichtbare Barriere.

Die grüne Grenze im Sohlander Oberdorf - damals abgesperrt mit weiß-rotem Flatterband - sei ab diesem Moment neben ihrem Handy die letzte Verbindung nach Deutschland gewesen. Wie die Pandemie im Nachbarland verlaufe, habe man in Tschechien kaum mitbekommen, sagt sie rückblickend.

Im Juni vergangenen Jahres - Tschechien war gut durch die erste Corona-Welle gekommen - öffnete das Land die Grenzen nach Deutschland wieder für jedermann. Gastronomie war in Deutschland zu diesem Zeitpunkt wieder erlaubt. Für Kateřina Bendová begann ein anstrengender Sommer. Die Normalität aber war trügerisch.

Angst vor einer neuen Welle im Herbst

Der zweite Lockdown kam am 1. November - Bendovás 30. Geburtstag. Erschöpft sei sie zu diesem Zeitpunkt gewesen, erinnert sie sich - und nicht allzu böse über die neuerliche Auszeit. "Ich habe mich viel mit meinem Hund und meinem Pferd beschäftigt, das ging immerhin zu jeder Zeit", sagt sie. Das Kurzarbeitergeld aus Deutschland kam pünktlich. Probleme habe es nie gegeben. In neun Monaten, gibt sie zu, könne man sich an dieses Leben gewöhnen.

Über die Frage, ob sie in dieser Zeit darüber nachgedacht habe, sich eine andere Arbeit zu suchen - so, wie viele Angestellte in der Gastronomie es taten -, denkt sie kurz nach und sagt: "Ich hätte mich bei Penny oder Tesco an die Kasse setzen können, aber der Lohn, den ich dort bekommen hätte, wäre derselbe Betrag gewesen wie das deutsche Kurzarbeitergeld", sagt sie.

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Natürlich sei es jetzt, da die Gastronomie wieder öffnen dürfe und auch das Brauhaus am See bald wieder Gäste empfängt, eine Umstellung: "Freie Wochenenden werde ich jetzt nicht mehr haben", sagt sie. Das, fährt sie fort, bereite ihr aber weniger Sorgen als die Angst vor dem bevorstehenden Herbst und Winter. "In Tschechien ist alles wieder offen. Test- und Maskenpflicht interessieren kaum noch jemanden. Es scheint fast, als wollen alle, dass im Herbst wieder alles dicht ist", sagt sie nachdenklich. Die plötzliche Rückkehr in die Normalität, gibt sie zu, macht ihr deshalb auch ein bisschen Angst.

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