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Tschechien lockert viele Corona-Regeln

Nach mehr als vier Monaten im Corona-Lockdown hat in Sachsens Nachbarland nicht nur der gesamte Einzelhandel wieder geöffnet.

Der Einzelhandel hat in Tschechien wieder geöffnet - unter strengen Hygiene-Regeln.
Der Einzelhandel hat in Tschechien wieder geöffnet - unter strengen Hygiene-Regeln. © Petr David Josek/AP/dpa (Archiv)

Seltsame Szenen kann man an diesem Montag in den Einkaufsstraßen von Prag beobachten. Straßen, in denen sich dicht an dicht meist kleine Länden befinden. Gern aufgesucht von den Hauptstädtern, die die riesigen Super- und Hypermärkte meiden, in denen andere den lieben langen Tag zubringen können.

Da ist der Schuhmacher angesiedelt, der auch Schlüssel schleift, ein Bäcker mit frischem Brot bis zum Feierabend, ein Fleischer, bei dem man fürs Wochenende auch mal etwas Besonderes vorbestellen kann, ein Goldschmied, der auch schon mal Ohrlöcher sticht, ein Haushaltswarengeschäft, wo man in der Not auch eine Ersatztasse fürs gute Teeservice aufstöbern kann, ein Reisebüro, ein Solarium, ein Laden mit Eisenwaren und Werkzeug, oder ein Antiquariat. Läden mit einer besonderen Atmosphäre. Sie alle waren seit dem Tag nach Weihnachten vergangenen Jahres dicht und ließen die beliebten Einkaufsstraßen ein bisschen veröden.

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Am Montag ist alles anders: Diese Läden können mit dem Auslaufen der dritten Corona-Welle in Tschechien erstmals wieder öffnen. Und häufig sieht man vor den Türen tatsächlich Schlangen von Kunden. Durchaus zum Vergnügen der Leute, die darauf vorbereitet sind. Vor einem angesagten Second-Hand-Laden stehen die ersten Kaufwilligen schon eine halbe Stunde vor Öffnung. „Schlangen wie in alten sozialistischen Zeiten“, amüsiert sich eine ältere Dame, die sich noch gut daran erinnern kann.

„Damals haben wir uns angestellt, ohne zu wissen, ob und was es überhaupt zu kaufen gibt. Einen Einkaufsbeutel hatten wir zur Sicherheit immer dabei.“ Als sie sich erinnert, erntet sie auch ein wissendes Lächeln bei Umstehenden. Die letzten Schlangen hat Prag zuletzt 1990 erlebt, als in der Umbruchzeit manches noch nicht funktionierte, es beispielsweise weder Toilettenpapier, Streichhölzer oder Kartoffeln gab. Die Mangelgesellschaft ist längst Geschichte. Aber die Zeiten sind noch immer nicht normal.

Verkaufsflächen begrenzt

Die Schlangen haben natürlich ausschließlich mit den Corona-Auflagen zu tun. „Auf 15 Quadratmeter Verkaufsfläche darf sich nur eine Person im Geschäft aufhalten“, lautet die Vorschrift. Drinnen muss selbstverständlich auch Maske getragen werden, die seit Montag draußen nur noch bei Menschenansammlungen erforderlich ist. „Bei der Hitze gerade ist das wirklich eine Erleichterung“, sind mehrere Anstehende froh. Darunter auch schon zweimal Geimpfte - was es vor Weihnachten auch noch nicht gab.

Die verzichten auf Sonderbehandlungen, wie ein Renterehepaar in der Schlange betont: „Es würde auch nicht gut ankommen, wenn wir uns jetzt vielleicht vordrängeln würden.“ Die Beiden kennen ihre Pappenheimer, die lautstark protestieren würden.

Andrang auch vor einem Geschäft mit Bademoden. Alle gehen fest davon aus, den Sommer irgendwo wieder am Meer verbringen zu können. „Wenn es denn mit einem Impfpass klappt, der nicht nur in den Nachbarländern, sondern zumindest EU-weit Gültigkeit haben wird.“

Die längsten Schlangen findet man vor Schuhläden. „Wir haben vieles übers Internet eingekauft, aber Schuhe muss man nunmal anprobieren“, hört man da übereinstimmend.

Ausflüge ins Umland erlaubt

Wer den ersten „verkaufsoffenen“ Tag nach langer Schließung nicht nutzt, um sich neu einzukleiden, aber auch nicht arbeiten muss, kann sich raus aus der Stadt bewegen, hin zu einer der zahlreichen Burgen und Schlösser unweit Prags. Auch Museen und Galerien haben die Türen wieder aufgesperrt. Die Verantwortlichen dort warten jedoch vor allem darauf, dass wieder ausländische Touristen nach Tschechien kommen dürfen und damit auch zu ihnen. So weit ist es noch nicht. Auch die Deutschen müssen damit noch warten.

Auf Touristen hoffen auch die Restaurants und Kneipen. Die müssen voraussichtlich noch eine Woche durchhalten, bis sie zunächst einmal wieder für die einheimischen Gäste die Gärten öffnen können. Dass sie in den vergangenen Monaten im wesentlichen nur Essen an kleinen Fenstern an Kunden abgeben konnten, hat zu etwas geführt, was es in Tschechien noch nie gab: Der Konsum des wichtigsten „Grundnahrungsmittels“ der Nachbarn, des Biers, ist massiv eingebrochen. „Dieser Fakt belegt, dass der Tscheche an sich sein Bier sehr viel lieber frisch gezapft als aus der Supermarkt-Flasche trinkt“, sagen die Experten. „Den Leuten geht es nicht ums Biertrinken an sich, sondern um die entsprechende Atmosphäre, die sich erst bildet, wenn die Kneipe zum Ort stundenlanger Debatten über Gott und die Welt wird.“

Wer auf Sixpacks anderer Art steht, kann sich seit Montag auch wieder richtig trimmen. An der frischen Luft dürfen sich wieder bis zu 30 Leute auf einmal sportlich betätigen. Das ermöglicht beispielsweise auch wieder Spiele der Fußball-Amateure.

Sehr viel wichtiger aber ist den meisten Tschechen, dass ihre Kinder seit Montag wieder in die Schule dürfen. Zwar alle zwei Wochen erst einmal im Wechselunterricht, aber immerhin.

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Ob es mit den Öffnungen so weitergeht, hängt von der Entwicklung des Virengeschehens ab. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt derzeit bei 101 und damit wesentlich niedriger als etwa in Sachsen. Die Zahl der Neuerkrankungen war zuletzt im September vergangenen Jahres so gering. Und mehr als 3,6 Millionen der insgesamt rund zehn Millionen Tschechen sind bislang zumindest einmal geimpft. Die Impfzentren vermelden jeden Tag einen neuen Rekord.

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