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Tschechiens Kliniken laufen mit Covid-Patienten voll

Auch Tschechien kämpft erneut mit dem Coronavirus. Alle Zahlen steigen - und der Regierungswechsel macht die Lage nicht einfacher.

Von Hans-Jörg Schmidt
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Menschen warten in Prag, um sich gegen Covid-19 impfen zu lassen. Die Tschechische Republik wird von einem steilen Anstieg der Coronavirus-Infektionen heimgesucht.
Menschen warten in Prag, um sich gegen Covid-19 impfen zu lassen. Die Tschechische Republik wird von einem steilen Anstieg der Coronavirus-Infektionen heimgesucht. © Petr David Josek/AP/dpa

Prag. Wer am Donnerstag den Prager Hauptbahnhof betrat, traf sogleich auf eine lange Warteschlange von Menschen. Die standen nicht etwa nach Fahrkarten für Züge an, sondern an einem Zentrum zum Impfen gegen Covid. Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen bislang ungeschützt waren.

Auffällig viele junge Leute waren darunter. „Wir sind Studenten, haben zwar einen Termin in unseren Heimatorten bekommen, leben aber nun mal fast das ganze Jahr über in Prag im Studentenwohnheim“, erklärte die Philosophie-Studentin Hana für einen ganzen Trupp Wartender. „Also haben wir auf eine Möglichkeit gewartet, uns in der Hauptstadt ohne Termin impfen zu lassen.“ Julie, eine junge Ukrainerin, die mit einem 3-Monatsvisum in Prag arbeitet, erklärte ihren Fall so: „Ich bin in Tschechien nicht krankenversichert und habe deshalb keinen Impftermin bekommen. Jetzt nutze ich die Möglichkeit hier.“

Den amtierenden tschechischen Gesundheitsminister Adam Vojtěch werden solche Warteschlangen freuen. Nach einer Sitzung des zentralen „AntiCovid-Teams“ forderte er am Donnerstag vor der Presse noch einmal dringlich dazu auf, sich impfen zu lassen. Nur etwas mehr als die Hälfte der Bewohner Tschechiens ist bislang durchgeimpft. Und das bei weitem eben nicht nur aus innerer Ablehnung des Impfstoffs, sondern auch wegen der Mängel in der Organisation der ganzen Impfaktion.

Vor allem Ungeimpfte belegen die Betten

Die Aufforderung des Ministers hat gute Gründe: Die ganz große Mehrheit derer, die derzeit die Kliniken fluten, ist ungeimpft. Die Zahl der Infizierten erreichte in den vergangenen Tagen nahezu täglich die Grenze von zehntausend Menschen. So viel wurden zuletzt im Mai 2021 gezählt. Eine Besonderheit für Prag ist zudem, dass sehr viele Kinder unter 15 Jahren in die Hospitäler eingeliefert werden müssen. Sie stellen aktuell mehr als die Hälfte der an Covid Erkrankten. Ein Teil davon hat einen schweren Verlauf, braucht Sauerstoffgaben.

Am Donnerstag lag die Sieben-Tage-Inzidenz landesweit bei 419. Auf den Intensivstationen befanden mehr als 300 Patienten. Auch die Zahl der Toten steigt wieder; am Dienstag waren es mehr als 30.

Tschechien möglicherweise bald wieder Hochrisikogebiet

Deutschland will dem Vernehmen nach Tschechien in der Folge dieser Entwicklung ab kommenden Montag neuerlich zum Hochrisikogebiet erklären. Welche Folgen das konkret haben wird, muss abgewartet werden. Fein raus sein werden lediglich die, die durchgeimpft sind oder die Erkrankung hinter sich gebracht haben.

Die wachsende Zahl der Erkrankten hat auch schon dazu geführt, dass es in manchen Kliniken untersagt ist, dort liegende Patienten zu besuchen. Die Konzentration auf Covid verschiebt zudem neuerlich Operationen von Erkrankten mit anderen Diagnosen.

Zu allem Unglück fällt in diese aktuell wachsende Krise der Wechsel der Regierung. Die scheidende macht nicht den Eindruck, dass sie sich an Corona bis zur letzten Sekunde abarbeiten möchte. Und die Einführung der neuen Regierung hängt davon ab, ob sie von Präsident Miloš Zeman auch zeitnah ernannt werden kann.

Präsident Miloš Zeman geht es besser

Zeman ist am Donnerstag zwar nach mehr als drei Wochen auf der Intensivstation des Prager Militärkrankenhauses in eine normale Abteilung verlegt worden. Den Ärzten ist es offenkundig gelungen, die schlimmsten Befürchtungen über den gesundheitlichen Zustand des prominenten Patienten zu zerstreuen. Noch aber steht die entscheidende Information der Mediziner darüber aus, wann der Präsident in der Lage sein wird, wieder seinen Amtsgeschäften nachzugehen. Für den Fall, dass sich das länger hinziehen werde, gibt es einen Plan des Senats, gemeinsam mit dem Abgeordnetenhaus den Staatschef zu entlasten und seine Vollmachten auf die Chefs der Regierung und des Parlaments zu übertragen.

Immerhin hat Zeman über seine Kanzlei verkünden lassen, dass er bereit sei, den Sieger der Wahlen, den Konservativen Petr Fiala, am Krankenbett zu empfangen, sobald er die Intensivstation verlassen hat. In Tschechien zweifelt kaum jemand daran, dass Zeman Fiala zum künftigen Premier ernennen wird. Ursprünglich hatte Zeman damit geliebäugelt, den bisherigen Premier Andrej Babiš erneut zum Regierungschef zu machen. Doch das hat Babiš mittlerweile selbst ausgeschlagen. Seine Bewegung ANO habe die Wahlen nun mal verloren, sagte Babiš.

Zudem haben sich Fialas Bürgerpartei und vier weitere liberal-konservative Parteien inzwischen auf die künftige Regierung sowohl inhaltlich als auch personell geeinigt. Der potentielle neue Gesundheitsminister nahm am Donnerstag auch an der Sitzung des zentralen „AntiCovid-Teams“ teil. Das lässt ein wenig hoffen, dass der Übergang bei der Corona-Bewältigung nicht zu knirschend erfolgt.

Besagtes „AntiCovid-Team“ blieb bei neuen Maßnahmen zurückhaltend. Es rief die Firmen auf, wenn möglich wieder vermehrt auf Homeoffice zu setzen. Und das Gremium kündigte an, dass an Großveranstaltungen demnächst nur noch Ungeimpfte teilnehmen dürfen, wenn sie einen PCR-Test vorweisen können. Antigen-Teste reichten nicht mehr aus.