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Corona: Prags Fremdenführer in Not

Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen in die tschechische Hauptstadt. Für die 3.000 Fremdenführer der Moldaumetropole ist das ein besonders schwerer Schlag.

Fremdenführer demonstrieren vor dem Rathaus für bessere soziale Absicherung während der Corona-Pandemie.
Fremdenführer demonstrieren vor dem Rathaus für bessere soziale Absicherung während der Corona-Pandemie. © Michal Krumphanzl/CTK/dpa

Von unserem Korrespondenten Hans-Jörg Schmidt in Prag

„Die Nachricht traf mich wie ein Schock“, sagt Zuzana Manová. Sie meint die Nachricht vom Mittwoch Abend, wonach Tschechiens Hauptstadt Prag von Deutschland zum Corona-Risikogebiet erklärt wurde. „Donnerstag Früh habe ich prompt nach dem Aufstehen telefonisch die Stornierung der für die kommenden Tage geplanten Prag-Besuche zweier Gruppen aus Berlin entgegennehmen müssen. Quasi über Nacht ist mir damit das Geld für die Wohnungsmiete und für das generelle Überleben im September weggefallen.“ Die Stimmung der 58-Jährigen, die seit 30 Jahren voller Begeisterung ihren Beruf ausübt und jährlich um die 50 deutsche Gruppen betreut, ist am Boden, wie sie gegenüber der SZ erklärt.

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Wie Zuzana Manová geht es rund 3.000 Prager Stadtführern, die normalerweise Touristen voller Sachkenntnis und Leidenschaft durch die Moldaumetropole begleiten. Allesamt Solo-Selbständige, die seit dem Ausbruch von Corona von der Hand in den Mund leben müssen. 2019 besuchten noch mehr als zwei Millionen Reisende allein aus Deutschland die Goldene Stadt. Zuzana Manová führte ihre letzte Gruppe am 12. März, dann brach der Tourismus in Prag fast gänzlich zusammen. Zwischen April und Juni ging die Zahl der Übernachtungsgäste in Prag laut dem Statistischen Amt um 94 Prozent zurück. Fast alle Gäste waren zudem Tschechen, keine Ausländer.

„Mit der jetzigen Reisewarnung aus Deutschland habe ich zwar irgendwie gerechnet, weil die Zahl der positiv auf das Virus Getesteten in den vergangenen Tagen explodiert ist. Damit geht es aber für mich und meine Mitstreiter jetzt absolut ans Eingemachte“, sagt Zuzana Manová. In den ersten drei Monaten griff der Staat ihnen noch unter die Arme. Wie alle Solo-Selbständigen erhielten sie einen Ausgleich von umgerechnet 20 Euro pro Tag. Auf den Monat gerechnet gerade genug, um ihre Miete in Prag und laufende Kosten zu begleichen. Die 700.000 tschechischen Kurzarbeiter leben vergleichsweise wie im Paradies. Zuzana Manová lebt jetzt von ihren Ersparnissen. Die vielen freien Wochen im Frühjahr und Sommer nutzte sie dafür, Gedichte und moderne Märchen für ein neues Buch ihrer Tochter Jana zu sichten.

Der Staat will Fremdenführern nicht weiter helfen

Fremdenführer und andere Selbständige müssen zudem seit dem 1. September wieder ihre Beiträge für Kranken- und Sozialversicherung selbst bezahlen. Da viele längst im Minus sind, müssen sich immer mehr von ihnen beim Arbeitsamt melden. „Um Unterstützung zu bekommen, müssen sie jedoch dort ihren Gewerbeschein abgeben“, so Zuzana Manová. Doch ohne diesen Schein dürfte sie keine Gäste durch die Stadt führen, sobald wieder welche nach Prag kommen. Ein Teufelskreis. Ihre KollegInnen suchten ebenso nach Auswegen aus der Krise. Einige arbeiten jetzt an den Kassen von Supermärkten, weil ihre Konten leer sind. Andere verdingen sich als Sprach-Hilfslehrer. Doch einige Sprachen der Fremdenführer sind so exotisch, dass es selbst da keinen Bedarf gibt.

Als die Lage des Berufsstandes immer prekärer wurde, wandte sich der Reiseleiter-Verband an die Regierung. Doch Gespräche mit Premier Andrej Babiš und Finanzministerin Alena Schillerová blieben ergebnislos. Der Staat, so hieß es, könne keine Berufsgruppe bevorzugen. Zudem sei die Staatskasse leer. Umso überraschter waren die Fremdenführer, als die Regierung kurz danach - und einen Monat vor Wahlen - allen Rentnern 5.000 Kronen (200 Euro) zum Kauf von Weihnachtsgeschenken versprach. Regierungschef Babiš empfahl den Stadtführern, sich an den Prager Magistrat zu wenden. Der profitiere schließlich von ihnen in erster Linie.

S.O.S. vor dem Neuen Rathaus4

Zwei Demonstrationen haben Zuzana Manová und Co. vor dem Gebäude des Neuen Rathauses veranstaltet, dem Sitz des Magistrats. „S.O.S.“ schrieben sie auf ihre Plakate. Die zweite Demo fand am Mittwoch statt, zufällig wenige Stunden vor der Entscheidung aus Berlin über das „Risikogebiet Prag“.

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Der eigentliche Anlass für diese Demo: Am Donnerstag befasste sich die Prager Abgeordnetenversammlung mit der Lage der Fremdenführer. Nach Monaten des Nichtstuns hatte man offenkundig begriffen, dass es dafür höchste Zeit ist und setzte das Thema auf den dringlichen ersten Platz der Tagesordnung. Mehrere Vertreter der Branche durften dort ihre Lage schildern. Sie bekamen viel Beifall. Nach mehreren Stunden fiel ein Beschluss: Der Magistrat, die Regierung und Vertreter der Fremdenführer sollen sich zusammensetzen und gemeinsam eine Lösung suchen. „Einen Termin gibt es noch nicht“, sagt Zuzana Manová. „Aber ein bisschen neue Hoffnung. Immerhin haben wir in den vergangenen Jahrzehnten ja auch wesentlich dazu beigetragen, dass der Staat und die Stadt Prag enorme Einnahmen aus dem Tourismus verbuchen konnten.“

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