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Die Deutschen werden immer dicker

Der neue Ernährungsbericht zeigt, wie kritisch die Lage schon vor Corona war – und fordert politische Konsequenzen.

Die Zahl der Adipösen ist in Deutschland innerhalb von 18 Jahren bei Männern um fast 50 Prozent und bei Frauen um reichlich 26 Prozent gestiegen.
Die Zahl der Adipösen ist in Deutschland innerhalb von 18 Jahren bei Männern um fast 50 Prozent und bei Frauen um reichlich 26 Prozent gestiegen. © Clara Molden/PA Wire/dpa

Bonn. Kein Schul- und Vereinssport, mehr Frustessen, weniger Bewegung im Homeoffice: Viele Menschen nehmen jetzt im Lockdown zu. Zwar gibt es noch keine belastbaren Zahlen über das Ausmaß. Doch der neue Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) zeigt, wie groß das Problem schon vor Corona war.

Es beginnt bereits beim ungeborenen Kind in der Schwangerschaft. „Bei den Erstuntersuchungen waren etwa 40 Prozent der Schwangeren übergewichtig oder sogar adipös“, sagt DGE-Präsident Professor Helmut Heseker, der für den Bericht aktuelle Studien ausgewertet hat. Das erhöhe nicht nur das Gesundheitsrisiko für die werdende Mutter, sondern auch für Früh- und Fehlgeburten, für Fehlbildungen und ein späteres Übergewicht des Kindes. Mehr als jedes zehnte Neugeborene wiegt in Deutschland über vier Kilo.

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In der Vorpubertät ist dann etwa jedes fünfte Kind zu dick. Von übergewichtig sprechen die Wissenschaftler ab einem Body-Mass-Index größer als 25, von adipös größer als 30. „Auffällig ist, dass Kinder von Eltern mit niedriger Bildung, geringerem Berufsstatus und Einkommen wesentlich häufiger betroffen sind“, sagt Heseker. Adipöse Jugendliche würden zu 80 Prozent auch als Erwachsene adipös bleiben.

Normalgewichtige Männer ab 30 in der Minderheit

Männer nehmen vom 18. bis 40. Lebensjahr im Schnitt jährlich 520 Gramm zu, Frauen 320 Gramm. „Schon ab der Altersgruppe 30 bis 35 sind normalgewichtige Männer in Deutschland in der Minderheit“, sagt Heseker. „Bei Frauen ist das ab 60 der Fall.“ Sorgen bereitet den Wissenschaftlern, dass die Zahl der Adipösen innerhalb von 18 Jahren bei den Männern um fast 50 Prozent und bei den Frauen um reichlich 26 Prozent gestiegen ist. Denn dadurch erhöhe sich nicht nur das Risiko für Krankheiten wie Diabetes, Fettleber und Schlaganfall. Stark adipöse Menschen würden im Vergleich zu Normalgewichtigen auch 6,5 bis 13,7 Lebensjahre verlieren.

Die Ursachen sind nicht neu: zu viele verarbeitete, energiereiche Lebensmittel, die dauerhaft den Bedarf überschreiten und ein zunehmend sitzender Lebensstil.

Eine der jüngsten Studien, wie die Folgen von Adipositas das Gesundheitssystem in Deutschland belasten, stammt aus dem Jahr 2016 und kommt auf jährlich mehr als 63 Milliarden Euro. Die AOK Plus zum Beispiel übernimmt deshalb in sechs Kliniken in Sachsen eine individuell abgestimmte Adipositasbehandlung, die mindestens zwölf Monate dauert. „Dazu gehören Ernährungs-, Bewegungstherapie und die psychologische Betreuung“, sagt Sprecherin Hannelore Strobel. Ziel sei die nachhaltige Gewichtsreduzierung. Am Zwickauer Heinrich-Braun-Klinikum bietet jetzt die sachsenweit erste Tagesklinik eine Adipositastherapie für Patienten aller gesetzlicher Krankenkassen an. Das Adipositaszentrum am Klinikum Chemnitz will demnächst mit einem ähnlichen Tagesangebot folgen.

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Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung fordert mehr politische Anstrengungen, um ein gesundes Körpergewicht zu fördern. Andere Länder würden es vormachen: mit verbindlichen Standards für Kita- und Schulverpflegung, eine reduzierte TV-Werbung für ungesunde Produkte und Steuern auf fett- und zuckerreiche Lebensmittel. Heseker: „Auch die Ernährungsbildung sollte ausgebaut werden – in allen Schulformen."

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