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Wie eine Löbauer Firma den Unterricht retten will

Das Unternehmen hat ein Gerät entwickelt, das Klassenzimmer keimfrei hält. Doch Sachsens Regierung will lieber Unterricht bei offenem Fenster.

Die ULT-Inhaber Alexander und Stefan Jakschik (r.) haben innerhalb kürzester Zeit das Luftfiltergerät "Sasoo" entwickelt.
Die ULT-Inhaber Alexander und Stefan Jakschik (r.) haben innerhalb kürzester Zeit das Luftfiltergerät "Sasoo" entwickelt. © Matthias Weber

Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hatte es jüngst bereits angedroht: Wenn die Corona-Infektionszahlen nicht heruntergehen, müssten auch wieder Schulen geschlossen werden. Und ab Montag ist es wieder soweit. Doch ist das wirklich nötig? Es gibt Technologie, die einen sicheren Unterricht gewährleistet, ohne dass gefährliche Aerosole sich im Klassenzimmer ausbreiten - entwickelt vom Oberlausitzer Unternehmen ULT. Die Löbauer Firma beliefert weltweit Industrieunternehmen mit Hochleistungs-Luftfilter-Technologie. In der Corona-Krise hat das Unternehmen nun erstmals ein Gerät für Endverbraucher entwickelt. Das könnte den Unterricht retten - und mehr.

Alexander Jakschik hat mit seinem Bruder Stefan das Unternehmen ULT 2015 vom Vater übernommen. Er kennt das aktuelle Corona-Schulproblem aus eigener familiärer Anschauung. Seine Kinder besuchen eine Schule in Bautzen. "Wenn da im Unterricht oft die Fenster geöffnet werden, werden die erst mal krank - die erkälten sich", sagt er. Und immer in der dicken Winterjacke im Klassenzimmer sitzen - keine angenehme Lern-Atmosphäre. Aber die grundsätzliche Problematik ist ihm natürlich bewusst: "Im Winter steigen die Infektionszahlen, weil wir uns mehr in geschlossenen Räumen aufhalten", sagt er - und dort verbreiten sich die infektionsbringenden Aerosole sehr schnell, wenn auch nur eine Person infiziert ist.

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Der erste Ansatz kam Alexander Jakschik bereits während der ersten Hochphase der Corona-Krise im Frühjahr - zunächst für Zahnärzte. "Die arbeiten ja im Mund der Patienten und da fliegen die Aerosole nur so durch den Raum", sagt er. Die Firma entwickelte für diesen Bedarf einen speziellen Luftabsaug-Filter. Aber er wollte auch eine Lösung für Räume, in denen solche Luftfilter noch nicht üblich sind: Klassenzimmer eben, aber auch Restaurants oder Büros. Denn auch hier gilt: "Die Gefahr, die man beseitigt, sieht und spürt man nicht", sagt Jakschik und suchte nach einem Gerät, das schnelle Wirkung zeigt.

Keimfreie Luft im Design-Gewand

Die Lösung, die Jakschiks Ingenieure innerhalb weniger Wochen entwickelten, heißt "Sasoo" - und erinnert beim Anblick eher an ein überdimensioniertes Smartphone als an einen High-Tech-Luftfilter. "Wir sehnen uns alle nach Normalität, uns sicher und geborgen zu fühlen", sagt Alexander Jakschik und erklärt wie es zu dem Namen kam. "Das ist ein Kunstwort aus dem englischen Begriff ,save and sound'", erklärt er. Zu deutsch heißt das "gesund und munter" oder eben auch "sicher und geborgen".

Diese Sicherheit schafft das von einem Dresdner Designbüro mitgestaltete Gerät durch sein Innenleben. "Das Gerät saugt die Raumluft an und filtert sie mit einem Hepa-14-Filter", erklärt Jakschik die Technologie. Filter dieser Leistungsklasse filtern 99,995 Prozent der Keime und Partikel aus der Luft - noch feinere Filter benötigt man höchstens für industrielle Reinräume. "Das Corona-Virus hat eine Größe von etwa 100 Nanometer", sagt Jakschik. Ein Hepa-14-Filter dagegen fängt Partikel einer Größe von unter 0,3 Nanometer auf.

Für Räume bis zu einer Größe von 100 Quadratmetern ist "Sasoo" gebaut. Je nach Raumgröße schafft das Gerät eine Umwälzung der gesamten Raumluft von fünf bis sechsmal pro Stunde. Aber auch gefilterte Luft wird irgendwann stickig. "Dafür ist das Gerät zusätzlich mit einem CO2-Sensor ausgestattet", sagt Jakschik. Der zeigt dann mit einer roten LED-Leiste an der Front dicke Luft an, damit der Lehrer dann mal wirklich lüften kann - dafür reicht dann aber auch die Pause.

Andere Bundesländer kaufen die Geräte

"Das Corona-Virus hat uns in vielerlei Hinsicht neues Denken gelehrt", sagt Alexander Jakschik. So schnell wie "Sasoo" habe die Firma noch nie ein Gerät entwickelt - und dazu noch für eine völlig ungewohnte Zielgruppe. "Weil wir erstmals etwas für Endverbraucher bauen, war uns auch das ansprechende Design wichtig", sagt er. Das soll helfen, die Akzeptanz zu steigern - denn ein Filtergerät im Industrie-Design würde sich sicher niemand ins Büro, ins Fitness-Studio oder Restaurant stellen wollen.

Alexander Jakschik weiß, dass ULT mit solchen Geräten nicht alleine auf dem Markt ist - im Gegenteil. "Viele Unternehmen, besonders aus China, sind jetzt auf diesen Markt aufgesprungen", sagt er. Die gibt's in Baumärkten oder im Elektrofachhandel. Und auch manche sächsische Schule hat schon Geräte dieser Art bestellt. Aber es gibt damit zwei Probleme: Sie sind laut - was beim Einsatz in Klassenzimmern nicht unerheblich ist. "Bei der Lautstärke trennt sich die Spreu vom Weizen", erklärt Jakschik diesen Profi-Vorzug seines Produkts. Und was in Sachen Sicherheit relevanter ist: "Viele dieser Geräte haben eine zweifelhafte Filtertechnik", sagt Jakschik.

Allerdings ist "Sasoo" sehr teuer - 3.490 Euro. "Für Schulen gibt's aber Rabatte", sagt Alexander Jakschik. In Schulen in Bayern, Hessen oder dem Saarland würden auch schon Geräte stehen. Manche Bundesländer stellen den Schulen dafür Mittel zur Verfügung. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern will Sachsen den Einsatz solcher mobilen Corona-Killer nicht fördern. „Ein landesweites Programm für Luftfilteranlagen gibt es nicht“, heißt es auf Anfrage der SZ vom Kultusministerium in Dresden – dazu der Verweis: „Für den baulichen Zustand und die Ausstattung der Schulen sind die Kommunen/Träger zuständig.“

Nordrhein-Westfalen, Bayern, Hessen und Rheinland-Pflanz hingegen wollen ihren Schulen solche Geräte zur Verfügung stellen. Nach einem Bericht des ARD-Magazins „Monitor“ plant allein die Landesregierung in Düsseldorf 50 Millionen Euro dafür ein. Vier weitere Länder hielten solche Maßnahmen für denkbar. Nach Schätzungen kostet eine flächendeckende Ausrüstung von Klassenräumen in Deutschland eine Milliarde Euro.

Kultusministerium glaubt nicht an die Technik

Die Kultusministerkonferenz habe sich in einem Fachgespräch beraten lassen, heißt es vom Kultusministerium. Es verweist auf eine Empfehlung von Umweltbundesamt und Kultusministerkonferenz, wie sich das Infektionsrisiko in Schulen durch richtiges Lüften reduzieren lässt. Ihr Kern: Klassenräume regelmäßig alle 20 Minuten und in jeder Pause für fünf Minuten bei weit geöffneten Fenstern lüften. Stoß- und Querlüften sei „die einfachste und wirksamste Maßnahme, um Viren aus der Luft in Klassenzimmern zu entfernen“. Technische Geräte würden das nicht ersetzen. „Vereinzelt haben sich Schulen zusätzlich technische Geräte angeschafft“, heißt es von Sachsens Kultusministerium, „aber hierzu gibt es keine statistische Erfassung“.

Und wo sich Fenster nicht öffnen lassen? „Solche Klassenräume dürfen nicht genutzt werden“, sagt René Michel, stellvertretender Vorsitzender des Sächsischen Lehrerverbands. Er plädiert dafür, Lüftungsanlagen bereits beim Schulneubau einzuplanen. Mobile Luftreiniger seien „in der Regel nicht in der Lage, die Innenraumluft schnell und zuverlässig von Viren zu befreien“, argumentiert die Kultusministerkonferenz. Deshalb seien sie „allenfalls als Ergänzung zum aktiven Lüften geeignet“.

Atmosphärenforscher der Goethe-Universität Frankfurt sehen das anders. Sie haben herausgefunden, dass Luftreiniger der Filterklasse Hepa die Aerosolkonzentration im Klassenzimmer in 30 Minuten um 90 Prozent senken können. Die Wissenschaftler empfehlen, solche Luftreiniger in Klassenräumen, die zusätzlich die Allergen- und Feinstaubbelastung senken würden.

Korrekturhinweis 9. Dezember, 17 Uhr: In einer Erstfassung des Artikels hieß es, Alexander und Stefan Jakschik hätten ULT gegründet. Tatsächlich haben sie das Unternehmen 2015 von ihrem Vater übernommen, der es gegründet hatte. Wir bitten um Entschuldigung.

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