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Unsere Tochter zieht sich im Lockdown immer mehr zurück

Eltern sorgen sich um ihre zwölfjährige Tochter, die seit dem Homeschooling immer stiller wird. Unser Experte weiß Rat.

Prof. Veit Rößner ist Kinder- und Jugendpsychiater und schreibt regelmäßig für Sächsische.de.
Prof. Veit Rößner ist Kinder- und Jugendpsychiater und schreibt regelmäßig für Sächsische.de. © SZ

Von Veit Rößner

Unsere zwölfjährige Tochter ist sehr sensibel und ängstlich. Angesichts der geschlossenen Schule zieht sie sich nun noch mehr zurück, verbringt viel Zeit vor dem PC, redet weniger mit uns. Sie hat auch zugenommen, da sie heimlich Süßigkeiten nascht. Wir befürchten, dass es unserer Tochter schwerfallen wird, wieder die Schule zu besuchen. Wie können wir sie unterstützen?

Ihre Sorgen kann ich sehr gut nachvollziehen und sie sind auch durchaus begründet. Durch die Pandemie hat sich für viele der übliche Tagesablauf drastisch verändert. Der gewohnte Kita- oder Schulbetrieb findet nicht mehr statt. Soziale Kontakte, die so wichtig für die Kompetenzentwicklung der Kinder und Jugendlichen sind, fallen weg. Dies hat Auswirkungen auf die Psyche und nicht selten auch den Körper junger Menschen.

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Wir alle sind „Gewohnheitstiere“. Gewohnheiten und gleiche Abläufe geben uns einen sicheren Rahmen, Stabilisieren uns und sparen Energie für Positives. Die derzeitigen Veränderungen haben Auswirkungen auf die Psyche, emotionale und Verhaltensprobleme nehmen zu. Dazu gehören Ängste, Depressionen, Stresserleben und zu geringe körperliche Aktivität. Auch die wirtschaftlichen Unsicherheiten der Eltern, die räumliche Enge und alles andere belasten Kinder.

Die COPSY-Studie unter Leitung von Professorin Ravens-Sieberer am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hat die Auswirkungen und Folgen der Corona-Pandemie auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland untersucht. Erste Ergebnisse zeigten bereits im Sommer nach dem ersten Lockdown, dass sich 71 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen durch die Pandemie sehr belastet fühlten. Zudem nahmen psychische Auffälligkeiten, wie Angst und Depressionen, zu.

Regelmäßiger Tagesablauf wichtig

Diese bisherigen Ergebnisse spiegeln auch unseren Klinikalltag wider. Anmeldungen zur ambulanten oder stationären Behandlung haben seit der Pandemie im Durchschnitt nochmals zugenommen.

Sensible und bereits vor der Krise belastete Kinder und Jugendliche leiden zurzeit noch mehr – so wie Ihre Tochter. Was können Sie als Eltern nun tun?

Unterstützen Sie Ihre Tochter dabei, wieder einen regelmäßigen Tagesablauf aufzunehmen. Achten Sie auf ähnliche Aufsteh- und Zubettgehzeiten wie zu normalen Schulzeiten. Nehmen Sie Mahlzeiten als Familie gemeinsam ein (soweit das möglich ist) und binden Sie Ihre Tochter in das alltägliche Geschehen ein. Ihre Tochter sollte zum Beispiel kleine Erledigungen, wie Bäcker- oder Botengänge, übernehmen. So können ebenfalls Ängste Ihrer Tochter bewältigt werden, indem sie sich ihnen stellt. Wir nennen das Angstkonfrontation. Ängste verschwinden in der Regel nicht von alleine, sondern wir müssen ihnen immer und immer wieder aktiv begegnen, um sie zu bewältigen. Begleiten Sie ruhig Ihre Tochter einige Male dabei, damit sie sich sicher fühlt. Seien Sie anfangs ein Modell, indem Sie ein Brot beim Bäcker bestellen.

Trotz und gerade wegen der Pandemie: Planen Sie als Familie bewusst und regelmäßig gemeinsame kleine Aktivitäten, wie beispielsweise Spaziergänge oder auch Spieleabende. Bei Spaziergängen oder sportlichen Aktivitäten fällt es Kindern und Jugendlichen häufiger leichter, mit ihren Eltern ins Gespräch zu kommen, da die Atmosphäre lockerer ist.

Nicht zu streng sein - auch zu sich selbst

Um das Thema Schule für Ihre Tochter präsent zu halten, müssen Sie als Eltern mit darauf achten, dass Ihre Tochter die Aufgaben der Lehrer regelmäßig erledigt. So kann eine feste „Schulzeit“ am Tag eingeführt werden. Auch können Sie gemeinsam des Öfteren an der Heimatschule Ihrer Tochter ungezwungen vorbeilaufen, zum Beispiel bei einem gemeinsamen Spaziergang.

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Seien Sie aber auch nicht zu streng mit sich und Ihrem Kind. Naschen und Medienkonsum sollten erlaubt bleiben, aber in Maßen. Es dürfen nicht die Hauptbeschäftigungen am Tag sein. Wichtig ist auch, dass Sie als Eltern etwas für sich tun. Die Pandemie belastet auch Ihre Psyche. Doppelbelastungen durch Homeoffice oder wirtschaftliche Sorgen, gepaart mit der häuslichen Betreuung der Kinder, führen auch bei uns Erwachsenen zu einer Zunahme von Stress, Ängsten und Depressionen. Nehmen Sie sich Zeit für kleine sportliche Aktivitäten. Oder planen Sie ein besonderes Abendessen mit Ihrem Partner. Dies sind nur einige Ideen. Erwachsene, aber auch Kinder und Jugendliche haben hier individuelle Bewältigungsstrategien.

Haben auch Sie eine Frage an den Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. med. Veit Rößner vom Dresdner Uniklinikum? Schreiben Sie an die Sächsische Zeitung, Nutzwerk, 01055 Dresden oder eine Mail an [email protected]

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