merken
PLUS Pirna

Ein Kühlcontainer für die Toten

In den Bestattungsinstituten stauen sich mancherorts die Särge. Ein Pirnaer Betrieb greift zur Notlösung.

Im Sarglager des Pirnaer Bestattungshauses Billing werden jetzt notgedrungen auch volle Särge abgestellt. Covid-19 sorgt für einen enormen Auftragszuwachs.
Im Sarglager des Pirnaer Bestattungshauses Billing werden jetzt notgedrungen auch volle Särge abgestellt. Covid-19 sorgt für einen enormen Auftragszuwachs. © Daniel Schäfer

Bei Uwe Billing stapeln sich die Särge. Solange sie leer sind, ist das ganz normal. Aber in diesen Tagen ist nichts mehr normal, sagt der Bestattungsunternehmer. Und deshalb stapeln sich in seinem Pirnaer Sarglager gefüllte Totenschreine. Dreißig oder mehr. Der Anblick lässt ihn an eine Naturkatastrophe denken. Es sind einfach zu viele Tote auf einmal. "Wir platzen aus allen Nähten."

Es scheint, als könnte die neuerliche Corona-Welle das Bestattungswesen überspülen. In der ersten Novemberwoche gab es in Sachsen 23 Prozent mehr Verstorbene als im Schnitt des gleichen Zeitraums der drei Vorjahre. In der ersten Dezemberwoche waren es gar 52 Prozent mehr. Tobias Wenzel, Obermeister der rund 200 sächsischen Bestatter, sagt, dass die Lage im Moment noch zu bewältigen sei. "Es darf aber niemand ausfallen." Bisher hätten nur vereinzelt Betriebe Aufträge nicht mehr durchführen können. Überstunden seien jedoch an der Tagesordnung.

TOP Deals
TOP Deals
TOP Deals

Die besten Angebote und Rabatte von Händlern aus unserer Region – ganz egal ob Möbel, Technik oder Sportbedarf – schnell sein und sparen!

"Nahezu Doppelschichten." Bestattermeister Uwe Billing (51) und seine Leute können sich vor Arbeit kaum retten.
"Nahezu Doppelschichten." Bestattermeister Uwe Billing (51) und seine Leute können sich vor Arbeit kaum retten. © Daniel Schäfer

Das Pirnaer Bestattungshaus Billing gehört zu den leistungsstärksten Beerdigungsinstituten der Region. Mit aktuell mehr als dreißig Beschäftigten bestattet die Firma jährlich etwa 1.100 Menschen. Dieses Jahr, so schätzt Geschäftsführer Uwe Billing, werden es um die 1.250 sein. Im Dezember hatte das Unternehmen bereits zur Hälfte des Monats die Zahl der Sterbefälle zu bearbeiten, die jemals in einem Spitzenmonat insgesamt angefallen waren.

Die "normalen" Toten sind in der Minderzahl

Noch im Frühjahr war von Corona bei den Bestattungszahlen so gut wie keine Rede gewesen. Nach Billings Erinnerung hatte seine Firma lediglich drei Aufträge in Verbindung mit dem Virus. Heute sind die "normalen" Toten bei ihm in der Minderzahl. Schätzungsweise in sechzig Prozent der Fälle tauche auf den Todesbescheinigungen das Thema Covid auf, sagt er.

Seine Mitarbeiter können sich vor Arbeit kaum noch retten. Es würden nahezu Doppelschichten gefahren, sagt Uwe Billing. Er selbst ist nicht selten von morgens um sieben bis abends um zehn im Geschäft. Seine Fahrer und Träger sind ständig auf Achse, neulich, an einem Samstag, siebzehn Stunden lang, praktisch ohne zu verschnaufen. "Schlafmangel hoch zehn", sagt der Chef.

Die Ansteckungskraft von Covid-Toten ist kaum erforscht. Sicherheitshalber werden sie in solchen Infektionsschutzhüllen verpackt.
Die Ansteckungskraft von Covid-Toten ist kaum erforscht. Sicherheitshalber werden sie in solchen Infektionsschutzhüllen verpackt. © Daniel Schäfer

Covid-Tote werden vor allem in den Altenheimen und Kliniken abgeholt. Aus Infektionsschutzgründen legt man die Leichname vor dem Einsargen in Kunststoffsäcke mit Reißverschluss. Die Särge werden verschlossen und zusätzlich luftdicht verklebt, erzählt Uwe Billing. Sie sollen bis zur Einäscherung möglichst nicht mehr geöffnet werden, auch nicht zum Abschied nehmen durch die Familie. Das übliche Versorgen mit Waschen und Ankleiden entfällt. "Mit Pietät hat das nichts mehr zu tun."

Nicht alle Bestatter sind überarbeitet

Allerdings hat er auch schon Ausnahmen gemacht. Etwa dann, wenn die Angehörigen darauf bestanden, ihren Verstorbenen ein letztes Mal zu sehen, nach fünf Wochen Besuchsverbot im Altenheim. In solchen Fällen hat Bestattermeister Billing die Versorgung des Leichnams selbst vorgenommen, gemeinsam mit seiner Frau. "Aus Verantwortung für meine Mitarbeiter."

Die Belastung des Bestattungswesens durch die Corona-Lage, das sagt Obermeister Wenzel, schwankt regional. Auch im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge sind nicht alle Unternehmen am Limit. Bei Anton Bestattungen in Neustadt etwa macht der Anteil der Corona-Verstorbenen weniger als zwanzig Prozent aus, schätzt Inhaber Gunter Anton. Es sei viel zu tun, wie üblich in diesem Monat. Die Auftragsmenge werde aber wohl kaum höher ausfallen als im vorigen Dezember.

Behelfslager für Tote: Weil die Kapazitäten erschöpft sind, hat Bestatter Billing diesen Kühlcontainer an seiner Firma aufstellen lassen.
Behelfslager für Tote: Weil die Kapazitäten erschöpft sind, hat Bestatter Billing diesen Kühlcontainer an seiner Firma aufstellen lassen. © Daniel Schäfer

Auch beim Einäschern hatte der Neustädter noch keine Schwierigkeiten. Das Tolkewitzer Krematorium habe ihm noch jeden Toten abgenommen. "Bisher läuft das ganz gut." Tatsächlich aber kommt Tolkewitz mit dem Verbrennen kaum noch hinterher. Seit Anfang voriger Woche, so teilt das zuständige Dresdner Rathaus mit, habe sich die Anlieferung von Verstorbenen auf mehr als hundert täglich beschleunigt. Das sei in etwa das Doppelte des Üblichen. Damit könne das Krematorium "zeitnah" an die Grenzen der Aufnahmekapazität stoßen.

Klinikum unterstützt die mobile Kühlzelle

Vorerst sei es gelungen, die Lage zu entspannen, indem Einäscherungen an entferntere Orte verlegt worden seien. Man suche auch beständig Möglichkeiten zur Einlagerung von Särgen im Umfeld des Krematoriums. Nicht zuletzt würden die Bestattungsunternehmen vermehrt eigene Kühlkapazitäten nutzen. Von der Anlieferung bis zur Einäscherung eines Leichnams wird derzeit eine Wartezeit von bis zu zwei Wochen angesetzt.

Bei Uwe Billing in Pirna sind die Möglichkeiten längst erschöpft. Deshalb muss er die Särge ins Lager stellen und die Heizung abdrehen. Doch jetzt bietet sich ein Ausweg. Am Dienstag wurde ein Kühlcontainer an Billings Wirtschaftsgebäude aufgestellt, mit Unterstützung des Pirnaer Helios Klinikums. "Wir helfen unseren kooperierenden Bestattern auf der Suche nach Lösungen", erklärt eine Sprecherin des Krankenhauses. Die Kühlräume der Klinik seien aber weiterhin ausreichend. Auch das Krankenhaus in Freital meldet aktuell keinen Engpass.

So sieht die Notlösung von innen aus. Etwa zwanzig Särge könnten in der mobilen Kühlkammer Platz finden.
So sieht die Notlösung von innen aus. Etwa zwanzig Särge könnten in der mobilen Kühlkammer Platz finden. © Daniel Schäfer

Weiterführende Artikel

Was den Krisenstab stresst

Was den Krisenstab stresst

Ein Drittel der rund 1.000 Mitarbeiter des Landratsamts ist mit der Corona-Pandemie befasst. Entspannung ist noch nicht absehbar.

Der Stahlkasten könnte nach Uwe Billings Schätzung etwa zwanzig Särge aufnehmen. Und das wird er wohl auch müssen. Das Dresdner Rathaus rechnet vorerst nicht mit einer Entspannung der Lage im Krematorium, im Gegenteil: "Durch die hohe Übersterblichkeit und die schwierige pandemische Situation müssen wir derzeit davon ausgehen, dass die tägliche Zahl der Verstorbenen leider noch bis in den Januar hinein zunehmen wird."

Mehr Nachrichten aus Pirna lesen Sie hier.

Den täglichen kostenlosen Newsletter können Sie hier bestellen.

Mehr zum Thema Pirna