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Das Coronavirus ist gekommen, um zu bleiben

Vor einem Jahr begann die Pandemie. Der Leipziger Virologe Prof. Uwe Gerd Liebert zieht Bilanz und erklärt im Interview, was da noch auf uns zukommt.

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Wie sich die Pandemie entwickelt, "hängt nicht vom Virus allein ab, sondern auch von uns selbst. Wie wir uns verhalten und wie hoch die Impfbereitschaft am Ende sein wird."
Wie sich die Pandemie entwickelt, "hängt nicht vom Virus allein ab, sondern auch von uns selbst. Wie wir uns verhalten und wie hoch die Impfbereitschaft am Ende sein wird." © Westend61

Vor einem Jahr sprach Sächsische.de mit dem Leipziger Virologen Prof. Uwe Gerd Liebert zu Risiken, Schutz und Vorsorge in Zeiten einer damals noch nicht fassbaren Bedrohung durch das Coronavirus. SZ-Wissenschaftsredakteur Stephan Schön traf sich jetzt erneut mit ihm und sprach mit dem Experten darüber, welche Erkenntnisse wir inzwischen über das Virus gewonnen haben und was da noch auf uns zukommt.

Vor einem Jahr hatten wir hier erstmals über das Coronavirus gesprochen. Sie sagten damals, Sie fürchten dieses Virus nicht. Macht es Ihnen heute Angst?

Wir haben das Virus im Februar letzten Jahres noch unterschätzt. Dass es weltweit so heftig kommt, das war zumindest für mich nicht klar. Es ist ein neues Virus, das wir damals nicht gut verstanden haben, und zu dem wir auch heute noch große Wissenslücken haben. Nein, Angst habe ich keine, aber dieser kleine unbelebte Krankheitserreger verlangt als Gegner großen Respekt ab.

Inwiefern wurde das Virus unterschätzt?

In vielen Punkten. Wie schnell es sich ausbreiten kann, wie aggressiv es so viele Organe angreift. Unterschätzt haben wir damals auch, wie wichtig es ist, eine Maske zu tragen …

… eine politisch motivierte Aussage war das damals wohl. Es gab ja gar keine Masken.

Das, glaube ich, ist zu kurz gegriffen, wenn es auch so schön zusammenpasst. Wir haben über das Virus zu wenig gewusst. Wie sich das Virus über Aerosole in der Luft ausbreitet, das war damals noch weitgehend unbekannt. Und wir haben vielleicht auch das Virus nicht ganz so ernst genommen, wie wir es hätten tun sollen.

Was seitdem alles passiert ist, hatten Sie das irgendwie schon geahnt?

Das hatte uns schon recht kalt erwischt, als wir sahen, was in Italien plötzlich passiert. Aber wir, und damit meine ich nicht die Virologen, sondern das Land, wir haben in Deutschland die 14 Tage Vorsprung damals sehr gut genutzt und sind deshalb so gut durch die erste Welle gekommen.

Ihre Prognose von Februar 2020 war, Diktaturen wie China werden mit dem Virus schwerer fertig als wir in der Demokratie. Na ja, China hat das Virus dann doch konsequenter ausgesperrt …

… wenn die Zahlen von dort stimmen. Und mit Methoden, die wir nicht wollen, und die wir grundgesetzlich gar nicht anwenden könnten.


"Wir müssen damit rechnen, dass solche Pandemien uns trotz aller medizinischen Kenntnisse immer wieder überraschen."


War dieser Virusausbruch eine Naturkatastrophe, wie sie immer mal vorkommen kann? Oder war diese Pandemie vielleicht doch verhinderbar?

Epidemien und Pandemien hat es seit Beginn der Menschheit immer schon gegeben. Im Tierreich auch. Die sind aufgetaucht und wieder verschwunden. Wir müssen damit rechnen, dass solche Pandemien uns trotz aller medizinischen Kenntnisse immer wieder überraschen. Es gibt Forschungen zu neuen, entstehenden Viren, das hilft vielleicht bei der zeitigeren Erkennung von riskanten Virengruppen.

Gehörten denn vor der SARS-CoV-2-Pandemie Corona-Viren zur Risikogruppe?

Wir kennen Coronaviren seit 40, 50 Jahren beim Menschen. Auch diese sind zoonotisch, stammen also ursprünglich von Tieren. Manche Infektionen mit diesen Viren spüren wir überhaupt nicht. Andere verursachen einen leichten Schnupfen. Nur dieses neue Virus ist komplett anders. Dass in der Gruppe der Coronaviren die potenzielle Gefahr einer Pandemie steckt, ahnten zumindest jene Wissenschaftler, die speziell zu diesen Viren forschen. Mein Kollege Drosten zum Beispiel. Aber wir sind keine Hellseher. Wir können nicht vorhersagen, wo und wann durch Veränderungen letztlich gefährliche Viren entstehen. Es wird wieder passieren. Und es wird uns wieder überraschen.

Was macht SARS-CoV-2 anders als andere Corona-Viren?

Der Schlüssel ist die Effizienz der Übertragung von Mensch zu Mensch. Dieses Virus hat durch Mutation eine für sich unglaublich vorteilhafte Methode dafür gefunden. Es hat einen Mechanismus entwickelt, um besser in die Zellen einzudringen. Das wiederum war Zufall. Ein schlechter für uns. Dieses Virus kann sich deutlich besser in den oberen Atemwegen festsetzen. Bei den anderen Coronaviren ist dies eher nicht der Fall.

Noch mal zurück, alles auf Anfang: Hatte die Menschheit bei SARS-CoV-2 zu irgendeinem Zeitpunkt überhaupt die reale Chance, diese Pandemie zu verhindern? Oder blieb eigentlich nur die Schadensbegrenzung?

Die Chance, falls es sie denn je gegeben hat, ist schon sehr frühzeitig vertan worden. So frühzeitig, dass die Viren nicht erst nach Europa und in andere Teile der Welt hätten gelangen können. Also vor Januar 2020. Ob diese Pandemie hätte zu einem späteren Zeitpunkt noch irgendwie verhindert werden können, ich glaube nicht. Meiner Meinung nach sind wichtige Erkenntnisse der ersten zwei, drei Wochen mit dem Virus von China zunächst zurückgehalten worden. Die WHO war nicht sofort informiert worden. Zu diesem Zeitpunkt hätte es, aber auch nur vielleicht, eine Chance gegeben, das Virus einzudämmen. Danach war es bereits zu spät. Diese Chance ist grundsätzlich vorbei. Das Virus war gekommen, um zu bleiben.

Was wissen Sie als Virologe nach einem Jahr Forschung vom Ursprung des Virus: Fledermaus oder doch eventuell ein Laborunfall?

Alle Indizien deuten darauf hin, dass dies eine echte Zoonose ist. Zu 95 Prozent Wahrscheinlichkeit stammt sie direkt von den Fledermäusen oder kam über einen Zwischenwirt zum Menschen.

Wie oft rechnen Sie mit dem Auftreten solcher Pandemien?

Sicher nicht genauso wie diese, aber in meiner Tätigkeit hatten wir drei, vier. Alle zehn Jahre also. Lassen sie uns nur mal auf die Virusgrippe schauen. Da war relativ Ruhe von 1918 bis zu den 50er-Jahren. Dann Pandemien 1968 und 1977 und die Schweinegrippe 2009. Letztere hat sich weltweit gegen andere Grippeviren durchgesetzt und das Virus sich dabei immer weiter verändert. Zum Glück hat es sich in einer sehr milden Form weltweit ausgebreitet. Aber dieses Virus ist ja nicht weg. Es verändert sich weiterhin. Und es könnte durch Mutationen auch wieder deutlich aggressiver werden.

Die Aufnahme von Forschern des TU Wien-Spin-off Nanographics zeigt Coronaviren. Deutlich zu erkennen ist das rosa gefärbte sogenannte Spike-Protein an der Oberfläche, mit dem sich das Virus an die Körperzellen anheftet und schließlich in sie eindringt.
Die Aufnahme von Forschern des TU Wien-Spin-off Nanographics zeigt Coronaviren. Deutlich zu erkennen ist das rosa gefärbte sogenannte Spike-Protein an der Oberfläche, mit dem sich das Virus an die Körperzellen anheftet und schließlich in sie eindringt. © Nanographics/apa

Mit welcher Ausnahmesituation in der Menschheitsgeschichte, mit welcher anderen Seuche ist Covid-19 am ehesten vergleichbar?

Die Pest-Epidemien im Mittelalter waren zwar nicht weltweit, dafür regional umso schlimmer. Damit ist Covid-19 nicht vergleichbar. Vielleicht damit, als die Entdecker Amerikas Masern, Pocken und mehr auf den amerikanischen Kontinent mitgebracht hatten. Daran sind die Hochkulturen Mittelamerikas als Gesellschaft ganz wesentlich mit untergegangen.

Hätte mit SARS-CoV-2 alles noch viel schlimmer kommen können?

Schlimmer wäre sicher gewesen, wenn die Aggressivität des Virus noch stärker gewesen wäre. Wenn es nicht nur leichter übertragbar wäre, sondern gleichzeitig auch schwerere Erkrankungen auslösen könnte. Wenn es noch tödlicher wäre. Aber, Viren verändern sich. Mutationen können auch jetzt noch das Virus schärfer schalten. Was die leichtere Übertragbarkeit betrifft, so erleben wir genau das soeben mit den neu auftretenden Varianten.

Ist das jetzt also nur der Anfang, kommt es jetzt noch heftiger?

Nein, das kann man so nicht sagen. Es hängt nicht vom Virus allein ab, sondern auch von uns selbst. Wie wir uns verhalten und wie hoch die Impfbereitschaft am Ende sein wird. Auch, wie die Impfungen wirken und eine Ausbreitung effektiv verhindern. Zudem wird mehr als eine Mutation darüber entscheiden, was künftig passiert.

Vor einem Jahr hatten Sie Hoffnung verbreitet auf diese Frage: Was passiert, wenn das Virus mutiert und übertragbarer wird? Dann verliere es an krank machender und tödlicher Wirkung, sagten Sie. Das Gegenteil ist geschehen.

Das stimmt so nicht. Leichter übertragbar ja, aber es gibt keine Hinweise darauf, dass es tödlicher ist. Trotzdem, ganz auszuschließen wäre eine fatalere Wirkung des Virus natürlich nicht, aber dies wäre eben nach wie vor weniger wahrscheinlich.

Gibt es überhaupt eine Chance gegen die neue Virusvariante aus England? In Tschechien ist die ja ebenfalls schon vorherrschend. Ist Abschottung, wie sie derzeit an den Grenzen geschieht, denn überhaupt sinnvoll? Kann dies das Virus aufhalten?

Die englische Virusmutation kann man genauso wenig aus Deutschland fernhalten wie neue Viren überhaupt. Viren kommen überallhin. Von Coronaviren kennen wir ja noch nicht einmal alle Wege der Ausbreitung. So untersuchen wir jetzt erst, ob diese Viren auch mit Pollen reisen. Wichtig war die schnelle Abschottung von England dennoch, um Zeit zu gewinnen. Zeit, um das Verhalten der neuen Virenstämme etwas besser zu verstehen. Durch die vorübergehende Schließung der Grenzen beispielsweise zu Tschechien und Österreich erhofft sich die Politik nicht zuletzt auch eine Verlangsamung der Ausbreitung dieser Virusvarianten und deren Begrenzung durch die Impfung.

Wir bekommen jetzt oder in naher Zukunft Impfungen. Aus aller Erfahrung im Umgang mit Viren, wie hoch schätzen Sie die Chancen, dass die Impfungen trotz Mutationen noch wirken?

Die englische Mutation ist durch die vorhandenen Impfungen sehr gut abgedeckt, die südafrikanische etwas weniger. Von der brasilianischen Mutante wissen wir das nicht so genau. Auch Kombinationen der Mutationen, wie sie bereits beobachtet wurden, haben bislang nicht dazu geführt, dass der Schutzschirm löchrig wurde. Zurzeit zumindest. Aber da dürfen wir uns nicht zu sicher sein, dass das so bleibt.