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Ein mutiertes Virus in Sachsen?

Könnte ein mutiertes Corona-Virus für die Hotspots in Sachsen verantwortlich sein? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum veränderten Erreger.

Könnte ein mutiertes Virus für die gehäuften Fälle in Sachsen verantwortlich sein?
Könnte ein mutiertes Virus für die gehäuften Fälle in Sachsen verantwortlich sein? © dpa/Robert Michael

Von Stephan Schön, Simone Humml und Simon Sachseder

Großbritannien meldet eine neue Virus-Variante, die sich anscheinend rascher ausbreitet als das bekannte Coronavirus. Sie ist auch in anderen Ländern schon aufgetreten. Viele Experten gehen derzeit jedoch nicht davon aus, dass die Mutationen hochgefährlich sind.

Was hat es mit den Mutationen des Coronavirus auf sich?

Viren vermehren sich in Zellen sehr schnell. Dabei kann es zu Veränderungen im Erbgut und folglich in den Proteinen kommen, die auf Grundlage der Erbinformation gebildet werden. Mutationen sind bei Viren nicht ungewöhnlich. Manchmal verleihen sie den Erregern neue Eigenschaften, etwa sich nicht nur im Tier, sondern auch im Menschen vermehren zu können. Die neue Virus-Variante B.1.1.7 hat gleich mehrere Mutationen, unter anderem im Spike-Protein, das dem Virus ermöglicht, in menschliche Zellen einzudringen. Mutationen sind nicht immer zum Vorteil der Viren.

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Seit wann gibt es das veränderte Virus und was ist bisher darüber bekannt?

Bekannt ist die aggressive Virusversion in der Öffentlichkeit seit dem Wochenende. Virologen hatten indes bereits seit September von den Mutationen erste Kenntnisse. Was diese genetische Veränderung, wahrscheinlich eine Anpassung an den Menschen, ausgelöst hat und wie sie im Detail wirkt, dazu besitzt die Wissenschaft so gut wie keine Daten. Es ist so ähnlich, wie am Anfang der Pandemie, als das Virus an sich noch recht unverstanden war. Es fehlen schlichtweg Daten. „Uns bleiben derzeit nur die vagen Aussagen aus England“, sagt Alexander Dalpke, Institutsdirektor der Mikrobiologie und Virologie an der Dresdner Universitätsmedizin.

Wie gefährlich ist die Virus-Variante, warum breitet es sich so rasant aus?

Im Moment ist noch unklar, wie sich die neue Virus-Variante in England so schnell durchsetzen konnte. Alexander Dalpke hält auch eine unglückliche Verkettung von Superspreader-Ereignissen in London für möglich. Das wäre zwar schlecht für London, aber dennoch eine gute Nachricht. Dann wäre nicht dieses neuartige Virus die Ursache für die rasante Ausbreitung dort, sondern es wären die Umstände. Genau weiß dies derzeit niemand. „Diese Hoffnung besteht aber“, sagt Institutsleiter Dalpke im SZ-Gespräch. „Es spricht dennoch vieles dafür, dass es infektiöser ist.“ Die vom britischen Premierminister Boris Johnson verkündeten 70 Prozent lassen sich derzeit nicht belegen. „Derzeit gibt es keine Hinweise auf eine erhöhte Infektionsschwere im Zusammenhang mit der neuen Variante“, heißt es in einer Mitteilung der Europäischen Gesundheitsbehörde ECDC.

Selbst ein um 30 oder 40 Prozent höheres Ansteckungspotenzial wäre schon enorm. Dieser Nachweis wird sehr schwierig, da immer nur wenige der Zehntausenden positiven Virusproben in Deutschland genetisch so aufwendig genomisch analysiert werden. „Insofern kann es sehr wohl sein, dass diese neue Variante unerkannt auch in Deutschland schon grassiert.“ Auch in Dresden laufe ein Forschungsprojekt, mit dem dieses Virus im Detail genetisch untersucht werde. Jedoch keine regelmäßige regionale Analyse, das seien einzelne Stichproben. Die neue Variante wurde dabei noch nicht gefunden.

In Großbritannien gibt es ein systematisches Überwachungsprogramm für Coronaviren, und nach einem festgelegten Auswahlverfahren werden dort die Regionen regelmäßig auf Mutationen hin überwacht. „Das haben wir so in Deutschland nach meinem Kenntnisstand bisher nicht realisiert.“

Verändert die Mutation die Wirksamkeit der Impfstoffe?

Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité sieht bisher keine Auswirkungen der neuen Virusvariante auf die Impfstoffwirkung: „Wir haben eine Riesenmischung von Antikörpern als Reaktion auf den Impfstoff, und das wären hier nur ein oder ganz wenige Antikörper, die das betreffen würde“, sagte Drosten. Zudem hätten die T-Zellen des Abwehrsystems, die ebenfalls durch Impfen induziert würden, ganz andere Erkennungsstellen. Die funktionierten genauso gut wie vorher. Auch nach Angaben von Boris Johnson gibt es keine Hinweise, dass der Impfstoff gegen die Mutation weniger effektiv sei.

Ist das mutierte Virus für die Hotspots in Sachsen verantwortlich?

In Großbritannien und in Südafrika hat sich die neue, viel schneller übertragbare Virus-Variante enorm ausgebreitet. Die Vermutung besteht, diese neue Variante könnte auch für die rasante Ausbreitung in Sachsen mit verantwortlich sein. Doch Daten dazu gibt es bislang in Sachsen nicht. Wenn dann in Berlin. Diese deutlich aufwendigen Viren-Analysen finden dort an der Charité statt. In den Labors von Christian Drosten, dem deutschen Referenzzentrum für Coronaviren. Anders als der normale Nachweis von Coronaviren, der nur einige Stunden dauert, benötigt diese genetische Detailanalyse mehrere Tage und ist auch deutlich teurer. Um die zum Teil dafür nötige Virusvermehrung zuvor durchzuführen, müssen zudem biologische Sicherheitslabors der zweithöchsten Kategorie vorhanden sein.

Wo ist das neue Virus in Deutschland schon angekommen?

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Der Virologe Drosten selbst hatte am Montag davon gesprochen, noch keine Nachweise vom neuen Coronavirus in Deutschland gefunden zu haben, also auch aus Sachsen nicht. Die SZ-Anfrage indes, ob Virus-Proben aus den sächsischen Hotspots überhaupt in Berlin untersucht worden sind, konnte die Charité nicht beantworten. (SZ mit dpa)

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