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Hausärzte-Chef für Priorisierung beim Boostern

Sachsens Hausärztechef spricht im Interview über den Ansturm in Praxen, befürchtete Nebenwirkungen und den Sinn von Antikörpertests.

Von Stephanie Wesely
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In Sachsen wird bereits vielerorts "geboostert", oft müssen Impfwillige aber warten.
In Sachsen wird bereits vielerorts "geboostert", oft müssen Impfwillige aber warten. © Daniel Schäfer

Steigende Infektionszahlen und die Sorge um den nachlassenden Impfschutz haben zu einem Massenansturm auf Sachsens Hausarztpraxen geführt. Pro Tag und Praxis wollten dort zum Teil bis zu 500 Patienten eine Booster-Impfung haben. Um ein Chaos wie im letzten Jahr zu vermeiden, fordern die Hausärzte eine Regulierung durch die politisch Verantwortlichen. Sächsische.de hat darüber mit dem Vorsitzenden des Hausärzteverbandes Sachsen, Dr. Torben Ostendorf gesprochen.

Herr Dr. Ostendorf, wie wollen Sie dem Ansturm der Impfwilligen gerecht werden?

Dass sich so viele vor Corona schützen lassen wollen, ist ja sehr gut. Das wünschen wir Ärzte uns auch. Dennoch sollte es in diesem Jahr gelingen, dass alles etwas geordneter abläuft, zumal wir genügend Impfstoff haben. In den stationären Pflegeeinrichtungen kommen wir gut voran, dort ist schon ein Großteil der Risikogruppen zum dritten Mal geimpft. An die politisch Verantwortlichen haben wir deshalb die Forderung formuliert, ein zentrales Einladungssystem, zum Beispiel über die Einwohnermeldeämter zu organisieren.

Solche Projekte gab es bereits anderen Bundesländern, und sie haben sich gut bewährt. Denn derzeit müssen unsere Praxisangestellten 500 Anrufe pro Tag entgegennehmen, um Impftermine zu vergeben. Da der übliche Praxisalltag mit der Versorgung akut und chronisch Kranker aber weiterläuft, ist das nicht gut zu schaffen. Des Weiteren haben wir gefordert, dass es eine zentrale Plattform für Impfangebote und Termine von mobilen Impfteams gibt. Es ist bereits vorgekommen, dass Impfbusse in Orten halt machten, ohne dass sich Menschen impfen ließen. Sie haben es einfach nicht gewusst. Das muss sich ändern.

Darf und muss jeder Hausarzt impfen?

Dürfen – ja, müssen – nein. Haus- und Fachärzte erwerben bereits durch ihr Medizinstudium die Fähigkeit, Impfungen zu verabreichen und Patienten darüber aufzuklären. Doch genauso wie Hausärzte es ablehnen können, Hausbesuche durchzuführen, kann man sie juristisch auch nicht zum Impfen zwingen. Oft sind es aber räumliche und praxisorganisatorische Dinge, die zu dieser Entscheidung führen. Manche Ärzte haben gar nicht die Praxisvoraussetzungen, um Impfungen sachgemäß zu verabreichen, Patienten zum Beispiel nach der Spritze eine Viertelstunde zu beobachten.

Sollte jeder Geimpfte, dessen Spritze schon sechs Monate zurückliegt, eine Auffrischung vornehmen lassen?

Die Sächsische Impfkommission empfiehlt das so. Und sicher wird, wie in anderen Fällen bereits geschehen, die bundesweit agierende Ständige Impfkommission auch diesmal wieder den Empfehlungen der Sächsischen folgen, zumal genügend Impfstoff vorhanden ist. Hinzu kommen die Erfahrungen aus Israel, wonach geboosterte Menschen auch weniger Coronaviren verbreiten. Die Auffrischungsimpfung schützt also nicht nur den Einzelnen, sondern auch sein Umfeld. Insofern, ja, jeder sollte seinen Impfschutz auffrischen lassen.

Werden Sie wieder priorisieren müssen, solange es das von Ihnen geforderte Einladungssystem noch nicht gibt?

Ja. Denn Risikopatienten, zu denen Immunschwache, chronisch Kranke und alte Menschen gehören, sollten möglichst nach den sechs Monaten erneut geimpft werden. Bei gesunden Menschen dürfen auch einmal acht Monate zwischen zweiter und Auffrischimpfung liegen. Doch unser Hauptaugenmerk liegt bei den noch nicht Geimpften. Wenn wir es nicht schaffen, noch mehr Menschen mit einer Grundimmunisierung zu versorgen, laufen wir Gefahr, dass sich weitere Virusvarianten entwickeln.

Konnten Sie denn schon impfunwillige Patienten überzeugen?

Ja, denn viele sind gar keine direkten Impfgegner. Sie haben nur Unbehagen gegenüber der Impfung und große Unklarheiten. Davon konnten wir viele ausräumen, einfach durch fachkundige Aufklärung. Deshalb halten wir es auch für wichtig, dass das Impfen in den Hausarztpraxen bleibt und nicht an Impfzentren abgegeben wird. Der jahrelange gute Kontakt zwischen Arzt und Patient kann hier viel Vertrauen schaffen. Damit tut sich aber schon die nächste Hürde auf: Wir Hausärzte müssen unsere Impfstoffe 14 Tage vor dem Impftermin bestellen. Entscheidet sich ein Patient spontan zur Impfung, was wir ja gerne wollen, muss ein anderer auf seine Impfung warten. Und das kann nicht sein. Unsere Forderung an die Verantwortlichen ist, für kurzfristige Nachliefermöglichkeiten zu sorgen und das Bestellsystem zu entbürokratisieren.

Manche Menschen, die im Moment noch eine Impfung ablehnen, wollen auf sogenannte Totimpfstoffe warten, weil sie verträglicher seien. Was ist davon zu halten?

Zunächst einmal, der aktuelle Coronaimpfstoff ist ein Totimpfstoff. Was diejenigen meinen, sind sicher die proteinbasierten Impfstoffe. Sie werden wie der Grippeimpfstoff auf Hühnereiern gezüchtet. Diese Impfstoffe kommen nicht vor dem zweiten Quartal nächsten Jahres. Ihr Vorteil ist, dass dort auch die neuen Virusvarianten mit enthalten sind. Verträglich und wirksam sind unsere jetzigen Impfstoffe aber ebenso. Für uns Ärzte sind die neuen nur vorteilhaft, weil sie länger haltbar sind und nicht binnen Stunden verbraucht sein müssen.

Und die Verträglichkeit? Wer bei der zweiten Impfung stark reagiert hat, fürchtet sich vielleicht vor der dritten?

Einen Tag nach der Impfung Schüttelfrost und Fieber oder einen geröteten und schweren Arm zu haben, das ist normal. Das zeigt, dass der Impfstoff wirkt. Und das wollen wir. Wer längere und schwerere Reaktionen spürt, kann davon ausgehen, dass er bei einer Infektion auch schwerer erkrankt wäre. Das Paul-Ehrlich-Institut bekommt alle solchen Reaktionen gemeldet und hat bisher nur selten schwerere Nebenwirkungen verzeichnet. Für die dritte Impfung kann ich sogar entwarnen. Der Körper kennt das Antigen jetzt und wird nicht wieder so heftig reagieren.

Ist es ratsam, die Entscheidung für eine Booster-Impfung vom Antikörperstatus abhängig zu machen?

Nein. Denn es gibt noch keine verlässlichen Grenzwerte für gute und schlechte Antikörperspiegel im Blut. Wer den Test trotzdem machen will, kann das. Es ist eine Selbstzahlerleistung, die zwischen 16 und 20 Euro kostet.

Und wie ist die Verträglichkeit der aktuellen Grippeimpfung? Durch die Wirkverstärker sollen die Reaktionen doch auch schwerer ausfallen?

Der Grippeimpfstoff wurde für ältere Menschen und Risikopatienten nur höher dosiert, ein Wirkverstärker ist da nicht drin. Wenn der Impfstoff nur denen gegeben wird, für die er vorgesehen ist, zum Beispiel Menschen mit einem schwächeren Immunsystem, sind die Impfreaktionen, oft als Nebenwirkungen bezeichnet, auch moderat. Wir haben bei unseren älteren Patienten keine solchen Reaktionen gesehen. Bekommt den Impfstoff aber ein gesunder, immunstarker Mensch, reagiert er natürlich auch heftiger. Da jetzt viele Menschen Infektionen nachholen, empfehlen wir die Grippeimpfung dringend. Vor allem Schwangere sollten sich und ihr Baby schützen.

Dürfen Grippe- und Coronaimpfung auch zusammen verabreicht werden?

Da beides Totimpfstoffe sind, ist das möglich und wird auch gemacht.


UNSER INTERVIEW-PARTNER

AM DIENSTAG: TELEFONFORUM ZUR BOOSTER-IMPFUNG

  • Mit den steigenden Corona-Infektionszahlen nimmt auch das Ansteckungsrisiko zu – selbst für Menschen, die geimpft sind. Bei manchen lässt der Impfschutz bereits wieder nach. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt daher eine Auffrischimpfung, die sogenannte Booster-Impfung. Für wen ist die sinnvoll? Wie groß sollte der Abstand zur letzten Impfung sein? Und kann man sich gleichzeitig gegen Covid-19 und gegen Grippe impfen lassen?
  • Die SZ und ein Expertenteam der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) bieten am Dienstag, dem 9. November, von 10 bis 12 Uhr die Möglichkeit, Fragen rund um die Auffrischung des Corona-Impfschutzes zu stellen, zum Beispiel auch, wie lange Impfzertifikate mit und ohne Booster-Impfung gültig sind, ob andere Impfungen die Schutzwirkung beeinträchtigen oder wie sich Menschen mit einem geschwächten Immunsystem jetzt verhalten sollen.
  • Die wissenschaftlich fundierten Antworten gibt es unter der kostenfreien Rufnummer 0800 2322783.