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Wie ich meinen Vater an Covid-19 verlor

Was es für Betroffene und Hinterbliebene bedeuten kann, von Corona direkt betrofffen zu sein. Ein sehr persönlicher Nachruf von Andreas Szabó.

Auf der Intensivstation gab es für den Vater von Andreas Szabó intensivmedizinische Vollversorgung. Doch am Ende gab es keine Optionen mehr. István György Szabó starb.
Auf der Intensivstation gab es für den Vater von Andreas Szabó intensivmedizinische Vollversorgung. Doch am Ende gab es keine Optionen mehr. István György Szabó starb. © Archivbild: Bernd Wüstneck/dpa

Dresden. Jeden Tag sterben bundesweit hunderte Menschen an den Folgen einer Covid-19-Infektion. Und täglich werden es mehr. Hinter diesen nüchternen Zahlen, die vom Robert Koch-Institut veröffentlicht werden, stehen Menschen. Menschen und ihre Familien. Ihre Geschichten, ihre Schicksale. Ihre Trauer. Ihre Wut. Ihre Hilflosigkeit.

Der Dresdner Journalist Andreas Szabó trauert um seinen Vater, der Anfang Dezember gestorben ist. Szabó, der seit dem Frühjahr mitwirkt am „CoronaCast“, dem Podcast zur Pandemie auf sächsische.de, hat dazu einen sehr persönlichen Text geschrieben, den er zuerst in den sozialen Medien veröffentlicht hat:

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Einer von 590 Toten an diesem Tag

Mein geliebter Vater István György Szabó ist am 9. Dezember 2020 an den Folgen einer Covid-19-Infektion gestorben. Er wurde 68 Jahre alt. Er war einer von 590 Toten in Deutschland an diesem 9. Dezember.

In diesem Text möchte ich meinen Papa vorstellen und unsere letzten Wochen beschreiben. Ich habe ihn geschrieben und veröffentlicht, um selbst das Geschehene irgendwie zu begreifen. Um aber auch zu zeigen, was für ein unglaublich großer Mist diese Krankheit ist und was sie für Betroffene und Hinterbliebene bedeuten kann.

Ich bin selbst durch meine Arbeit als Öffentlichkeitsarbeiter bei der AWO mit dem Thema konfrontiert. In den sozialen Medien und für Sächsische.de begleite ich das Thema seit dem Frühjahr, um aufzuklären. Um meinen kleinen Anteil zu leisten, dass wir gut durch diese Zeit kommen. Und nun das.

István György Szabó war einer von 590 Toten in Deutschland an diesem 9. Dezember.
István György Szabó war einer von 590 Toten in Deutschland an diesem 9. Dezember. © privat

Mein Vater István war Risikokandidat: Lungenvorschädigung nach einer Lungenentzündung, lange Jahre geraucht, nicht mehr ganz der Jüngste. Trotzdem noch voll im Leben: bis vergangenes Jahr hat er seinen eigenen KFZ-Betrieb in Fürth geführt, viel mit seinen beiden Hunden unternommen, hatte begonnen, sein eigenes Häuschen zu sanieren.

Geboren 1952 im ungarischen Miskolc, wurde er in den 1960er Jahren zum politischen Flüchtling und fand mit meiner Oma seine neue Heimat in Deutschland: Lehre zum Karosseriebauer, Familiengründung, Einbürgerung, zwei Kinder, Meisterbrief, seit den 1980er Jahren eigene Kfz-Werkstatt, sein ganzer Stolz. Unzählige Stunden verbrachte ich dort gerne als Kind, brachte Werkzeuge, Schrauben und Muttern durcheinander, bastelte mit Rohren, stromerte über das Gelände.

Tolle Wander- und Skiurlaube in den 90ern mit ihm erlebt, er organisierte Hilfstransporte nach Rumänien, förderte mich, wo es ging. Ich war so stolz auf ihn. Dann wirtschaftlich schwierige Jahre, aber nie aufgegeben. 2019 nach langem Zögern dann endgültig Rente. Endlich mehr Zeit für Besuche in Dresden bei den Enkeln. Mehr Zeit für seinen Garten, seine beiden Hunde.

Es schmerzte, ihn so kurzatmig zu hören

Am 25. Oktober 2020 kam mein Vater mit starken Covid-Symptomen zunächst ins Krankenhaus Dinkelsbühl, 332 Kilometer entfernt von Dresden, wo ich lebe. Hohes Fieber, Husten, ausgetrocknet. Corona-Test positiv. Größte Sorgen bei uns. Es begann ein langer qualvoller Weg, viel Hoffen und Bangen, unfassbare Situationen und Eindrücke. Wir telefonierten täglich. Es schmerzte, ihn so kurzatmig zu hören. Nach jedem Wort ein Atemzug.

Meine Mutter konnte ihn zu diesem Zeitpunkt mit Ausnahmegenehmigung und nach selbst überstandener Erkrankung noch besuchen. Immerhin. Für mich dagegen blieb nur das tägliche Telefonat. Wieder ein Atemzug. Wieder ein Wort. Nach einigen Tagen dann die Aufforderung, auch das einzustellen. Er braucht den Sauerstoff. Sein Telefon wird stumm geschaltet.

Es folgt die Behandlung mit dem Medikament Remdesivir, Sauerstoff an der Nase. Besserung? Nicht in Sicht. Nach einigen Tagen auf der Normalstation deuteten die Ärzte erstmals an, dass er zur Sauerstoffversorgung besser auf die Intensivstation sollte. Das hatte er bis zu diesem Zeitpunkt immer ausgeschlossen. Am Sonntag, den 8. November hat sich sein Zustand so verschlechtert, dass die Ärzte nun vehement auf die Verlegung auf die Intensivstation drängen.

Meine Mutter darf ihn an diesem Abend nochmals besuchen, bevor die Sedierung eingeleitet wird, er also ins künstliche Koma versetzt wird. An diesem Tag wird ihm eine Sprachnachricht von mir vorgespielt, Fotos von uns und den Enkeln werden in seinem Zimmer an die Wand gehängt.

Das Krankenhaus-Team tut alles, damit wir irgendwie in Kontakt bleiben können. Es ist das letzte Mal, dass meine Mutter ihn bei Bewusstsein erlebt. Er bittet sie, sich impfen zu lassen. Und sagt zum Abschluss: „Ich will leben!“ Inzwischen mit großer Atemnot ringend, stimmt er allen intensivmedizinischen Behandlungen zu.

Austherapiert. Was heißt das? Keiner will es aussprechen.

Noch in derselben Nacht erfolgt die Verlegung auf die Intensivstation. Damit verbunden: Intubation. Das bedeutet, dass ein Schlauch durch den Mund in die Luftröhre gelegt wird. Nach mehreren Stunden ist klar: der Sauerstoffgehalt in seinem Blut ist weiterhin viel zu niedrig. Letzte Hoffnung: Uniklinik Würzburg und die Versorgung mit einer externen Lunge, der sogenannten ECMO.

Auf der Intensivstation gibt es nun intensivmedizinische Vollversorgung. Jeder Blut- und Entzündungswert wird hier minutiös überwacht. Die Leistung der ECMO rauf oder runter gefahren, in der Hoffnung, dass die Lunge selbst wieder mehr Sauerstoff aufnimmt. Wir können ab diesem Zeitpunkt nur noch telefonisch mit den Ärzten Informationen austauschen.

Jeden Tag gibt es kleine Hoffnungsschimmer, wenn sich die Sauerstoffsättigung verbessert hat. Dann wieder Rückschläge. Die erste Infektion, die zweite Infektion. Antibiotika. Nach Tagen wieder bessere Entzündungswerte. Tracheotomie, ein Luftröhrenschnitt. Einblutungen. Also wieder Tubus. Es vergeht Woche um Woche. Sauerstoffversorgung runter. Hoffnung runter.

In dieser Zeit ist mir ein kurzer Besuch möglich: durch die Scheibe sehe ich ihn im Isolierzimmer, Pfleger und Ärzte in Vollschutz. Er ist kaum wieder zu erkennen und so weit entfernt. Die Pfleger legen unseren mitgebrachten Schutzengel in sein Zimmer.

Die Telefonate mit den Ärzten werden von Tag zu Tag düsterer:
„Sehr niedriges Niveau. Einblutungen. Keine Besserungsaussichten.“
Was heißt das?
„Austherapiert.“
Was bedeutet das?
Keiner will es aussprechen.

Beisetzung im Ausnahmezustand

Anfang Dezember dann die Bitte, zum Gespräch in die Klinik zu kommen. „Aus medizinischer Sicht keine Heilungschance. “Und nun? „Wir dürfen die Behandlung dann aus ethischen Gründen nicht fortsetzen. “ Wie bitte? Wer entscheidet das? Warum? Viele Fragen. Nur ausweichende Antworten.

Mittwoch, der 9. Dezember. Ankunft der Familie in der Klinik. Längeres Gespräch mit den behandelnden Ärzten und mit dem Krankenhausseelsorger. „Es gibt keine Optionen mehr.“ Die Maschinen werden abgestellt. Wir sind zu dritt bei ihm. Wir können zumindest in diesen letzten Stunden bei ihm sein. In Vollschutz. In einer völlig irrealen Situation, auf einer Isolierstation. Der Geistliche spricht einen Segen, ein Vater unser.

12.27 Uhr: Der Arzt bedient ein Display, dann ein Drehrad. Papas Puls fällt ab. Sekunde um Sekunde weniger Puls. Sein Brustkorb hebt sich ein letztes Mal. „Das Herz hat nun aufgehört zu schlagen.“ Schock. Trauer. Wut. Sein Gesicht wird bleich und blass. Wir müssen gehen. Zwei dicht verpackte Säcke mit seinen Dingen werden uns in die Hand gedrückt. Tränen über Tränen.

Und nun? Was wird aus der Beisetzung? Wieder schärfe Regelungen. Ausnahmezustand. Maximal 10 Personen. Gesungen werden darf nicht. Und: Wir dürfen den Toten nicht ankleiden. Wir geben den Bestattern für den Sarg den Schutzengel mit, Fotos seiner Hunde und einen Judoanzug, der zumindest mit in den Sarg auf ihn gelegt wird. Judosport war neben der Musik seine große Leidenschaft.

Montag, 14. Dezember: Beisetzung im engsten Kreis. Auf dem Sarg prangt ein roter Aufkleber: „Infektiös“. Du fehlst, lieber Papa. Mach’s gut! Ich liebe Dich!

Andreas Szabo

Der Dresdner Journalist Andreas Szabó.
Der Dresdner Journalist Andreas Szabó. © privat

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