merken
PLUS Pirna

Corona: Warum die Inzidenz plötzlich fällt

Die Tendenz bei den Infektionszahlen im Landkreis SOE ist erfreulich. Rettet das doch noch vor Schließungen von Geschäften und Schulen?

Schulen und Kitas offen zu halten, ist seit Wochen Hintergrund der Proteste von Eltern vor Rathäusern wie hier im März in Dippoldiswalde.
Schulen und Kitas offen zu halten, ist seit Wochen Hintergrund der Proteste von Eltern vor Rathäusern wie hier im März in Dippoldiswalde. © Egbert Kamprath

Das ist die größte Differenz von einem Tag zum anderen. Die Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge wurde am Mittwoch, 21. April, vom Robert-Koch-Institut (RKI) mit 156 angegeben. Am Tag zuvor lag der Wert noch bei 219,1 Neuinfektionen mit dem Coronavirus Sars-Cov-2 je 100.000 Einwohnern.

Wie sind solche extremen Schwankungen möglich?

Einen so extremen Abfall der Inzidenz hat es in der gesamten Pandemie-Zeit noch nicht gegeben. Wer die Entwicklung der Infektions-Zahlen allerdings genau beobachtet, den hat dieses Ergebnis weniger überrascht. Die Gründe dafür liegen hauptsächlich in einem Tag, Dienstag, den 13. April.

City-Apotheken Dresden
365 Tage für Patienten da
365 Tage für Patienten da

Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Allein an jenem Tag wurden im Landkreis 207 Neuinfektionen mit dem Coronavirus per PCR-Test bestätigt. Das ist einer der höchsten Tageswerte überhaupt. Im gesamten vergangenen Jahr gab es nur 20 Tage, an denen mehr Positiv-Fälle registriert wurden. In der Folge stieg die Sieben-Tage-Inzidenz auf über 200 und hielt sich auf diesem hohen Niveau, obwohl danach nicht mehr annähernd so viele Positiv-Fälle auftraten.

Am Mittwoch, dem 21. April, ist jener Tag mit dem Extremwert wieder aus der Sieben-Tage-Inzidenz herausgefallen. Entsprechend stark ist der Inzidenz-Wert gefallen. Am Donnerstag fällt erneut ein dreistelliger Wert raus, sodass die Inzidenz aller Voraussicht nach weiter fallen dürfte.

Weshalb gab es so viele Positive an einem Tag?

Darüber lässt sich nur spekulieren. Allerdings geben die Zahlen des RKI einige Hinweise. Laut Institut wurden im Landkreis in der 15. Kalenderwoche vom 12. bis 18. April insgesamt 106 Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 19 Jahren positiv gemeldet. Das waren 30 Prozent mehr als eine Woche zuvor und doppelt so viele wie in den Kalenderwochen 11 bis 13.

Am Montag, dem 12. April, hat nach zwei Wochen Ferien der Präsenzunterricht in den Schulen wieder begonnen. In den weiterführenden Schulen im Wechselmodell. Schüler und Lehrer mussten sich dafür jedoch testen lassen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass viele Positiv-Fälle ohne Symptome am Wochenbeginn bekannt wurden, die sich bereits in den Ferien aufgebaut oder ihren Ursprung Ostern hatten.

Laut Sächsischem Kultusministerium wurden in der 15. Kalenderwoche im Landkreis insgesamt 19.815 Kinder und Jugendliche an den allgemeinbildenden öffentlichen Schulen getestet. Lediglich 21 und damit 0,11 Prozent jener Schnelltests waren positiv. Bei den 2.296 Tests der Lehrerinnen und Lehrer war es kein Einziger.

Zahl der täglichen Neuinfektionen im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Gelb markiert sind die Fälle, die gerade abgearbeitet und neu in die Statistik eingegangen sind.
Zahl der täglichen Neuinfektionen im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Gelb markiert sind die Fälle, die gerade abgearbeitet und neu in die Statistik eingegangen sind. © Screenshot SZ

Bleiben die Schulen doch länger geöffnet?

Damit bleibt ungeklärt, wo sich der Großteil der beim RKI erfassten rund 100 positiven Schulkinder in jener Woche getestet haben. Es könnten positive Schnelltests schon am Wochenende privat erfolgt sein. Unabhängig von den Tests an Schulen hätten die folgenden PCR-Tests ohnehin nur in Testzentren oder bei Hausärzten gemacht werden können. Das wird beim Kultusministerium nicht statistisch erfasst.

Die Zahl der positiven Mädchen und Jungen im Kita-Alter bis fünf Jahren lag im Landkreis in der 15. Kalenderwoche bei 13.

Dass die Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis so extrem gesunken ist, hat einen positiven Nebeneffekt. Denn sollten die Pläne der Bundesregierung zur Corona-Notbremse diese Woche noch durchgesetzt werden, wird ein Inzidenz-Wert von 165 maßgebend. Liegt der Landkreis darüber, ist in Schulen und Kitas nur noch Notbetreuung erlaubt.

Wer drängt auf Schließungen nach Inzidenz?

Dass Schulen und Kitas offen bleiben, damit sich Kinder und Jugendliche begegnen und gut lernen können, darum wird seit Wochen gerungen. Eltern protestierten vielerorts mit Plakaten, Plüschtieren und Kinderschuhen vor Rathäusern der Region für offene Einrichtungen.

Unterstützung gibt es inzwischen von allen Kommunen. Der Städte- und Gemeindetag Sachsen hat bereits am 22. März in einem Positionspapier gefordert, dass "Schulen und Kitas grundsätzlich geöffnet bleiben müssen". Dem hat sich auch die Sächsische Regierungs-Koalition von CDU, SPD und Grünen angeschlossen und die Corona-Schutz-Verordnung entsprechend verändert.

Demnach werden Schulen oder Kitas nur noch im Einzelfall per Allgemeinverfügung geschlossen, wenn sich in einzelnen Einrichtungen Infektionsfälle häufen. Die sächsische "Notbremse" ist Inzidenz-unabhängig. Ein Lockdown, von dem auch Geschäfte, Schulen und Kitas betroffen wären, wird erst angeordnet, wenn die Zahl der Covid-Patienten auf Normalstationen in Krankenhäusern in Sachsen 1.300 erreicht. Am Mittwoch waren es 1.211 und damit 28 weniger als am Tag zuvor.

Weiterführende Artikel

Corona-Inzidenzen unter 100: nur Trickserei?

Corona-Inzidenzen unter 100: nur Trickserei?

Gesundheitsämter können die für Schul- und Ladenschließungen entscheidende Zahl beeinflussen. Das belegen Beispiele aus Bautzen, Pirna und Nordsachsen.

In den Entwurf des neuen Infektionsschutzgesetzes hat die Bundesregierung eine solche Regelung aber nicht aufgenommen und hält weiter an den Werten der Sieben-Tage-Inzidenzen fest, auch wenn diese maßgeblich vom Meldeverhalten der Gesundheitsämter und wie geschildert vom Test-Management beeinflusst sind.

Noch mehr Nachrichten aus Pirna, Freital, Dippoldiswalde und Sebnitz.

Mehr zum Thema Pirna