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Corona: Warum stagnieren die Zahlen?

Trotz Lockdown gehen die Corona-Zahlen in Deutschland nicht wie erhofft weiter zurück. Die Sorge vor einer dritten Welle wächst.

Eine Frau wartet auf ihre Schutzimpfung gegen Covid-19 im Impfzentrum Eberswalde. Eine Auswirkung der Impfungen auf die Fallzahlen wird wohl erst im Sommer erkennbar sein.
Eine Frau wartet auf ihre Schutzimpfung gegen Covid-19 im Impfzentrum Eberswalde. Eine Auswirkung der Impfungen auf die Fallzahlen wird wohl erst im Sommer erkennbar sein. © Patrick Pleul/dpa

Berlin. Seit Tagen stagnierende Corona-Zahlen in Deutschland und immer mehr Infizierte in einzelnen Regionen lassen die Furcht vor einer dritten Welle wachsen. Die Gesundheitsämter in Deutschland hatten nach RKI-Angaben vom Donnerstag binnen eines Tages kaum weniger Corona-Neuinfektionen gemeldet als eine Woche zuvor. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag laut RKI am Mittwochmorgen bundesweit bei 57,1 - und damit geringfügig höher als am Vortag (57,0).

Wieder steigende Sieben-Tage-Inzidenzen gibt es etwa in Bremen (65,8), Nordrhein-Westfalen (57,1) und Sachsen-Anhalt (83,8) - aber nirgends so stark wie im ländlich geprägten Thüringen. Dort stieg der Wert der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern und sieben Tagen binnen 24 Stunden von 111,6 auf 119,5. In Flensburg, wo wohl die britische Variante grassiert, werden Kontakte außerhalb des eigenen Haushalts und nächtliche Ausgänge von Samstag an verboten.

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Die Stagnation beim Rückgang der Corona-Neuinfektionen in Deutschland ist aus Expertensicht auf neue Virusvarianten wie der aus Großbritannien zurückzuführen. "Der Rückgang der anderen Varianten ist langsamer als etwa der Zuwachs der Mutation B.1.1.7", sagte der Molekularbiologe und Teilnehmer an Expertenrunden der Bundesregierung, Rolf Apweiler. "Wenn sich der Trend bestätigt, dann brauchen wir stärkere Restriktionen", so der Direktor des European Bioinformatics Institute (EMBL-EBI) am Donnerstag.

Am 22. Dezember war mit 197,6 der Höchstwert der bundesweiten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche erreicht worden. In den vergangenen Wochen sank diese 7-Tage-Inzidenz dann kontinuierlich - "immer um 20 Prozent pro Woche", so Apweiler. Jüngst verlangsamte sich aber dieser Rückgang. In den vergangenen fünf Tagen habe sich bei der Inzidenz "eigentlich gar nichts mehr bewegt".

Zugleich nahm der Anteil der Virus-Variante B.1.1.7 aus Großbritannien in Deutschland zu. Dem Robert Koch-Institut (RKI) zufolge lag er in Stichproben zuletzt bei fast 23 Prozent. Apweiler zufolge wird dieser Anteil noch steigen.

Was hilft? "Möglichst wenige Kontakte."

Die aktuelle Situation in Deutschland verglich er mit der Großbritanniens im November. Auch dort sei die Gesamtinzidenz innerhalb eines Monats um etwa 50 Prozent zurückgegangen, zugleich habe aber der B.1.1.7-Anteil etwa um das Vierfache zugenommen. "Also wirklich genau dasselbe Muster." Stärkere Maßnahmen zur Einschränkung des Virus hätten damals gegriffen. Was wirklich helfe? "Die Mobilität herunterfahren, so dass sich möglichst wenige Kontakte ergeben."

Mit Blick auf Ostern sagte der Molekularbiologe: "Wenn das genauso weitergehen würde, könnten wir dann bundesweit etwa eine Inzidenz um 200 haben." Werde gelockert, könnte der Wert seiner Ansicht nach sogar auf bis zu 400 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner steigen.

Um solche Szenarien zu vermeiden, zählte Apweiler auf stärkere lokale Beschränkungen. Eine Auswirkung der Impfungen auf die Fallzahlen wird seiner Ansicht nach erst im Sommer erkennbar sein - wenn auch jüngere Menschen geimpft werden.

Schärfere Restriktionen - oder Lockerungen?

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach nannte Flensburg als Beispiel, was ganz Deutschland bei weiterer Verbreitung der britischen Mutation passieren könnte. "Verhindern kann das nur strikter Lockdown, bis wir klar unter Zielinzidenz von 35 liegen", forderte er auf Twitter.

Dem stehen lauter werdende Öffnungsrufe entgegen. Bundespräsident Steinmeier sagte vor Vertretern des Gesundheitswesens in Sachsen: "Die Ungeduld wächst im Lande, das ist spürbar."

Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann sagte: "Ich hör immer nur öffnen. Ich möchte mal einen erleben, der mal sagt, jetzt machen Sie mal ein bisschen was schärfer. Das hör ich nie!" Eine dritte Welle, die noch schlimmer wäre als die zweite, könne nicht im Interesse der Wirtschaft sein. "Dann machen wir einen richtigen Lockdown - den gab es bisher ja gar nicht."

Der Mittelstand dringt auf einen verbindlichen "Exit-Fahrplan". In einem Schreiben des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW) an Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) heißt es: "Deutschland muss raus aus dem Lockdown." Auch in Kommunen mit geringeren Fallzahlen regt sich Widerstand. Etwa der Kemptener Oberbürgermeister Thomas Kiechle (CSU) sagte der dpa, Kempten habe seit Tagen eine Inzidenz von etwa 20. Bereits CDU-Chef Armin Laschet hatte sich gegen einen strickt an Inzidenzwerten orientierten Lockdown-Kurs gewandt.

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Steinmeier verwies auf Fortschritte beim Impfen: "Wir können froh darüber sein, dass die Impfungen - aus Sicht vieler viel zu langsam - aber jetzt doch vorankommen." Der Berliner Virologe Christian Drosten hatte allerdings zu bedenken gegeben, dass die ersten Erfolge der Impfkampagne wohl wenig Wirkung auf die Virusverbreitung habe. Grund: Vorrangig geimpft werden die Hochbetagten - doch die Jüngeren verbreiteten das Virus am Stärksten. (dpa/SZ)

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