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Wenn Kultur systemrelevant wird

Nach dem erneuten Lockdown heißt es nun öfter, die Künstler sollten mal nicht so jammern. Spätestens da sollte man hellhörig werden. Ein Kommentar.

Nach dem zweiten Lockdown für die Kultur wird der Unmut von Künstlern lauter.
Nach dem zweiten Lockdown für die Kultur wird der Unmut von Künstlern lauter. © PA Wire

Werd ich den Jammer überstehn! So klagte schon Dr. Heinrich Faust, und wann wenn nicht jetzt darf man mal wieder Goethe zitieren? Nach dem zweiten Lockdown für die Kultur wird der Unmut von Künstlern lauter. Wurde die Schließung von Theatern und Konzerthäusern im Frühjahr noch zähneknirschend hingenommen, gibt es jetzt landauf landab Protestaktionen. Zugleich mehren sich Stimmen, die meinen, Künstler sollten bitte die Kirche im Dorf lassen. Gastronomie und Sport hätten es auch nicht leicht, außerdem gehe es um unser aller Gesundheit.

Sogar aus den eigenen Reihen hört man hier und da solche Worte der Demut. In einem Kommentar des Radiosenders Deutschlandfunk Kultur hieß es zum Beispiel, Kultur sei „schlicht nicht systemrelevant“, und der Hinweis, man könne Opernhäuser nicht mit Fitnessbuden gleichsetzen, sei „ziemlich elitär“ und „Gejammer“. Kulturveranstaltungen, so der Kultursender, seien schließlich auch nur eine „Facette“ des öffentlichen Lebens.

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Spätestens an dieser Stelle juckt es einen, doch mal wieder das gute alte Grundgesetz in die Hand zu nehmen. Gleich am Anfang finden wir dort die sogenannten Grundrechte. Und in Artikel 5 ist die Freiheit der Kunst ausdrücklich verbrieft. Sie steht unter dem besonderen Schutz unserer Verfassung. Von Sport, Gastronomie oder Fitnessstudios steht in den Grundrechten nichts. Was natürlich nicht heißt, dass diese generell weniger wichtig wären als die Kultur. Aber gibt es vielleicht irgendeinen Grund, dass da die Kunst erwähnt wird und die anderen „Freizeitaktivitäten“ nicht?

Ein Blick ins Grundgesetz

Wie so oft lohnt sich auch hier ein wenig Geschichtskenntnis. Viele unserer Grundrechte, die unantastbar sind, resultieren aus der historischen Erfahrung, wo die Feinde der Demokratie zuerst angreifen. Die Freiheit der Kunst gehörte zu den ersten Opfern der Nationalsozialisten. Hat vielleicht auch das Gründe? Und ob: Eine freie Kunst ist – ebenso wie freie Presse oder überhaupt freie Meinungen – ganz wesentlich für die Konstitution einer offenen, demokratischen Gesellschaft. Hier entstehen Reibungen, Kontroversen, Kritik, Reflexion, Spontaneität, Kreativität – all das also, was der Autokrat nicht so gerne mag. Und übrigens auch all das, was gerade in Krisenzeiten so wichtig wäre, damit die Gesellschaft auch geistig übersteht.

Nein, die Kunst muss jetzt nicht vors Verfassungsgericht ziehen oder gar abstruse Diktaturvergleiche bemühen. Aber dieser Artikel 5 und sein historischer Hintergrund könnten doch zumindest Signale dafür sein, dass der Kulturbetrieb in einer Demokratie nicht nur der Unterhaltung und Zerstreuung dient. Und die Frage nach der „Systemrelevanz“ wirft dabei zunächst mal die Frage auf, welches System gemeint ist.

Im Land der Baumärkte

Das System Kapitalismus funktioniert gewiss auch ohne Kultur reibungslos. Das System Demokratie wird zwar nicht gleich kollabieren, wenn Kultureinrichtungen vorübergehend lahmgelegt werden. Aber es berührt durchaus seine Substanz. Wer diese Feststellung als hochgegriffen belächelt, der möge Artikel 5 aus dem Grundgesetz streichen. Wenn jedenfalls die Kanzlerin im selben Atemzug „Einrichtungen der Freizeitgestaltung, der Kultur und der Unterhaltung“ schließen lässt, dann sagt das auch was über ihr Gesellschaftsbild.

Es ist wohl derselbe Geist, der im Frühjahr dazu führte, dass Baumärkte zuerst wieder öffnen durften, während Gottesdienste noch verboten waren. In diese Logik passt es auch, dass Galerien, anders als Museen, jetzt noch öffnen dürfen, weil sie Bilder verkaufen, also zum Einzelhandel zählen.

Vielleicht wird also die aktuelle Debatte mit verkehrten Vorzeichen geführt, auch von den Künstlern selbst. Der Hinweis auf existenziell bedrohte Institutionen und die prekäre Situation vieler Freischaffender ist zwar berechtigt, doch in diesem Punkt unterscheidet sich der Kulturbereich tatsächlich kaum von der Gastronomiebranche. Langfristig könnte der zweite Lockdown die Kulturlandschaft jedoch nicht nur wirtschaftlich beschädigen, sondern auch in ihrem Wesen verändern. Gerade die nicht konformen, nicht gefälligen und nicht massentauglichen Kunstangebote könnten überproportional und längerfristig von der Bildfläche verschwinden – und gerade die sind es doch, auf die der Grundrechtsschutz eigentlich abzielt.

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Eine Chance für die Kunst, ihre Relevanz neu zu behaupten, könnte dort liegen, wo sich Politik, Medien und Wissenschaft schwertun: Die Pandemie stellt uns vor schwierige, oft widersprüchliche Entscheidungen, die sich mit schlichten Pro-und-Contra-Argumenten kaum noch begründen lassen. Viele flüchten sich in Schwarz-Weiß-Denken. Dieses Spannungsfeld zeigen, die Grautöne sichtbar machen, das Unbegreifliche als solches thematisieren, das war schon immer die Stärke der Kunst. Ihre Stunde könnte also noch schlagen. Spätestens, wenn der Lockdown vorbei ist.

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