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Wie viel Solidarität darf’s denn sein?

Mit der Corona-Krise wird ein altbekanntes Wort wiederbelebt. Doch Verhaltensmuster ändern sich deshalb nicht gleich mit. Ein Leitartikel.

Mit der Corona-Krise wird ein Begriff überraschend wiederbelebt, der zuletzt den Charme einer getrockneten Wasserpflanze besaß: die Solidarität.
Mit der Corona-Krise wird ein Begriff überraschend wiederbelebt, der zuletzt den Charme einer getrockneten Wasserpflanze besaß: die Solidarität. © Sebastian Willnow/dpa

Von Karin Großmann

Vielleicht kennen Sie das? Auf dem Fußweg kommen zwei Leute entgegen. Sie kommen näher und näher, und jetzt wäre es gut, sie würden sich hintereinander schlängeln. Tun sie aber nicht. Sie füllen die Wegbreite aus, als wären sie allein auf der Welt. So bleibt einem nur im letzten Moment der beherzte Sprung zur Seite in den Hundekot oder Schneematsch. Denn anderthalb Meter Luftlinie zwischen eigener und fremder Nase erscheint selbst im Freien wünschenswert.

So geht das jeden Tag und sieben Tage die Woche. Da fragt man sich schon, wer hier was falsch macht, oder? Warum beanspruchen die beiden allen Platz für sich? Ob es Frauen sind oder Männer, Alte oder Junge oder ein gemischtes Doppel, spielt übrigens keine Rolle. Zumindest besagt das die Erfahrung der vergangenen Wochen. Kann sein, dass die zwei bloß unaufmerksam vor sich hin stapfen. Kann sein, dass sie Mitmenschen ab einem gewissen Grauwert nicht mehr wahrnehmen: Tarnkappenexistenzen in Daunen. Kann aber auch sein, das Ganze hat Methode. Dann lohnt sich ein genauerer Blick.

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Gemeinsame Interessen und Ziele verbinden

Mit Rücksichtnahme lässt sich der Vorgang jedenfalls nicht beschreiben. Das Wort Toleranz wäre fehl am Platz. Solidarität sowieso. Und doch wird die Solidarität gerade jetzt in Sonntagsreden und Neujahrsansprachen viel beschworen. Mit der Corona-Krise wird ein Begriff überraschend wiederbelebt, der zuletzt den Charme einer getrockneten Wasserpflanze besaß. Er schien aus einer anderen Zeit zu kommen. Er kommt sogar von noch weiter her. Wer im Römischen Recht knapp bei Kasse war, konnte sich rein theoretisch auf die Hilfe der anderen verlassen. Nach dem Grundsatz „obligatio in solidum“ musste jedes Familienmitglied für die Gesamtheit der Schulden aufkommen. Doch nicht nur die liebe Verwandtschaft bindet.

Neben der Herkunft verbinden gemeinsame Interessen und Ziele, und deshalb wurde Solidarität in der Französischen Revolution großgeschrieben, in den Werkhallen des 19. Jahrhunderts und in der DDR. Dort wurde das Wort tausendfach auf Plakaten durch jeden ersten Mai getragen, es wurde rhythmisch skandiert, in die Verfassung aufgenommen und erhielt sogar ein eigenes Komitee. Das Solidaritätskomitee arbeitete wie ein Ministerium für Entwicklungshilfe und engagierte sich in Südafrika, Lateinamerika, Vietnam. „Blumengrüße der Solidarität“ gingen im November 1970 aus einer Greifswalder Oberschule in die USA. Damit begann die weltweite Soli-Aktion für die afroamerikanische Bürgerrechtsaktivistin Angela Davis. Doch der inflationäre Gebrauch des Wortes ermüdete. Mit dem Mauerfall wurde Solidarität abgelegt wie eine zu oft benutzte Münze.

Die Währung wechselte. Der Werbespruch einer Kosmetikfirma gibt seitdem die politische Richtung vor: Weil ich es mir wert bin. Riesige Bibliothekssäle lassen sich füllen allein mit Titeln, die das Ich in seinem Ich-Sein bestärken. Die Gesellschaft atomisiert sich in lauter Individuen, die sich ganz persönlich für die Krone der Schöpfung halten dürfen. Nur dann sind sie konkurrenzfähig. „Das steht mir zu“, sagte eine Ministerin, als sie wegen Benutzung ihres Dienstwagens im Urlaub angezählt wurde. Der Ausspruch wurde 2009 zum Satz des Jahres erkoren. Das kuschlige Gemeinschaftsgefühl eines Wir behindert nur den Aufstieg, sobald der Reiz der flachen Hierarchien in den Gründerzeitgaragen verflogen ist. Wer das jahrzehntelang eingeübt kriegt, geht nicht eben mal so zur Seite, ohne dafür belohnt zu werden. Das sind eingeschliffene Verhaltensmuster. Freundliche Ausnahmen bestätigen die Regel.

Krisen begünstigen das Gemeinschaftsgefühl

Manche Politiker sehen das jetzt offenbar anders. Je nach handwerklicher Begabung wird die Solidarität als Kitt, Kleber oder Zement der Gesellschaft gefeiert. Der Gesundheitsminister appelliert, die Geimpften sollten sich „solidarisch gedulden“. Aus dem Grünen-Vorstand heißt es, „wir brauchen Geduld, Solidarität und endlich einen Plan“. Die Kanzlerin redet dem Volk bei jeder Gelegenheit zu: „Da sind unsere Solidarität, unsere Vernunft, unser Herz füreinander auf eine Probe gestellt.“ Einige Soziologen sind überzeugt, dass das Volk die Probe bestehen wird. Begründung: Krisen begünstigen das Gemeinschaftsgefühl. Sie lassen sich erfolgreicher bewältigen, wenn Menschen kooperieren. Wer beim Jahrhunderthochwasser an der Elbe Sandsäcke schleppte, wird das bestätigen. Es müssen also nicht mal alle gleichermaßen betroffen sein von der Gefahr. Es genügt schon, meint der Soziologe Heinz Bude, dass alle das Gefühl der Verwundbarkeit teilen, um empathisch und anteilnehmend zu reagieren. Die Frage ist, wie lange das hält. Unbegrenzt ist Solidarität nicht zu haben, zumal wenn sie mit dem Recht auf Eigenverantwortung kollidiert.

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