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Sind Dresdner Kliniken auf die zweite Welle vorbereitet?

Die Zahl der Corona-Patienten steigt rasant. Die ersten planbaren Eingriffe werden bereits verschoben.

Am Städtischen Klinikum stehen Intensivbetten mit Beatmungsgeräten für schwer erkrankte Corona-Patienten bereit. Auch die anderen Krankenhäuser fühlen sich gut aufgestellt.
Am Städtischen Klinikum stehen Intensivbetten mit Beatmungsgeräten für schwer erkrankte Corona-Patienten bereit. Auch die anderen Krankenhäuser fühlen sich gut aufgestellt. © Arvid Müller

Dresden. Was passiert, wenn mich das Corona-Virus doch härter trifft und ich im Krankenhaus behandelt werden muss - womöglich sogar auf der Intensivstation? Diese Frage stellen sich angesichts der steigenden Zahl an Corona-Patienten viele Dresdner. 

Wie hoch ist das Risiko, und wie sind Dresdens Krankenhäuser auf die zweite Welle vorbereitet? Gibt es genügend Betten und Pflegekräfte? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

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Wie viele infizierte Dresdner sind bisher erkrankt – und wie schwer?

In Dresden zeigten bislang etwa die Hälfte aller nachweislich Infizierten typische Symptome wie Husten, Brustschmerzen oder Fieber. In den meisten Fällen ist die Erkrankung jedoch so mild verlaufen, dass eine Behandlung im Krankenhaus nicht nötig war. 

Lediglich sieben Prozent der Infizierten mussten stationär aufgenommen werden. Allerdings steigt die Zahl der Krankenhauseinweisungen seit Anfang Oktober stark an. Im Oktober waren es 77 - so viele, wie im März, April, Mai und Juni zusammen. Ein Teil muss intensivmedizinisch versorgt werden - Tendenz steigend. Ein Grund: In den vergangenen Wochen haben sich vermehrt ältere Menschen mit Vorerkrankungen angesteckt. 

Was hat das Alter damit zu tun?

Wer Corona hat, älter als 60 Jahre ist und zum Beispiel an Diabetes, Bluthochdruck oder Herzproblemen leidet, gilt als Risikopatient. Hier ist die Gefahr, dass Covid-19 schwer oder tödlich verläuft, höher als bei jüngeren Infizierten ohne Vorbelastungen. 

Schwere Verläufe gehen häufig damit einher, dass die Erkrankten nicht mehr selbständig atmen können oder die Atmung so geschwächt ist, dass zu wenig Sauerstoff ins Blut gelangt. Von den 21 am Mittwoch gemeldeten Intensivpatienten in Dresden mussten 14 künstlich beatmet werden. 

Tatsächlich ist der Anteil der Corona-Patienten auf Dresdens Intensivstationen in den vergangenen Tagen gestiegen. Beanspruchten am Mittwoch vergangener Woche noch sieben Erkrankte ein Intensivbett, so waren es am Sonntag bereits 15 und diesen Mittwoch 21.

Es seien vor allem hochbetagte Patienten und solche mit schwereren Vorerkrankungen, die stationär versorgt werden müssten, sagt Holger Ostermeyer, der Sprecher des Dresdner Uniklinikums. 

Weder auf der Normal- noch auf der Intensivstation würden derzeit junge Patienten ohne Vorerkrankungen behandelt. Im Städtischen Klinikum werden lediglich auf der Normalstation vereinzelt Covid-19-Patienten unter 40 Jahre ohne Vorerkrankungen versorgt.

Was heißt das für die Krankenhäuser?

Wahrscheinlich werden die Intensivstationen in den nächsten Wochen voller. Darauf deutet die Infektionskurve bei den älteren Dresdnern hin. 

So steckten sich letzte Woche nachweislich knapp 100 Menschen an, die 70 Jahre und älter sind. Das waren doppelt so viele wie in der Woche davor. Dabei verschlechtert sich der Gesundheitszustand nicht schlagartig, sollte man erkranken. 

Laut Robert-Koch-Institut vergehen zwischen ersten Anzeichen wie Husten oder Fieber bis zur Krankenhauseinweisung im Schnitt vier Tage. Zwischen ersten Symptomen und der Verlegung auf die Intensivstation liegen durchschnittlich zehn Tage. 

Somit wird der starke Fallanstieg der vergangenen Woche mit einiger Verzögerung in den Krankenhäusern spürbar sein. Außerdem ist nicht damit zu rechnen, dass die zweite Welle abrupt abflaut. 

Und: Wer einmal künstlich beatmet werden muss, bleibt vergleichsweise lang auf der Intensivstation. Laut RKI-Statistik sind es im Mittel fast drei Wochen. Die Betten bleiben also eine ganze Weile belegt.

„Das Coronavirus breitet sich sehr schnell in unserer Region aus. Um unsere Krankenhäuser nicht zu überlasten, bitte ich noch einmal alle Dresdner die gebotenen Hygieneregeln sowie das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung, dort wo der notwendige Abstand nicht gegeben ist, unbedingt einzuhalten", so Sozialbürgermeisterin Kristin Kaufmann. Alle müssten Kontakte zu anderen Menschen außer den Angehörigen des eigenen Hausstandes auf das absolut nötige Minimum reduzieren. "Nur so können wir sicherstellen, dass die medizinische Versorgung für alle gesichert bleibt – ob COVID-19, Herzinfarkt, Schlaganfall oder nach einem schweren Unfall." 

Wie viele Betten gibt es für Corona-Patienten?

Man muss unterscheiden zwischen Betten auf normalen Isolierstationen, in denen Patienten mit mäßigen Krankheitsverläufen versorgt werden, und Intensivbetten für Schwerstkranke. Für letztere ist einiges an Technik und Personal nötig. 

In Dresden gibt es aktuell 291 betreibbare Intensivbetten, in denen Patienten beatmet werden können – sei es durch eine einfache Sauerstoffmaske oder über einen Schlauch. Betreibbar heißt, dass für diese Betten auch Ärzte, Intensivpfleger, technische Geräte und geeignete Räume zur Verfügung stehen. 

Von den 291 Betten waren am Mittwoch 252 belegt – davon 21 mit Corona-Patienten. Freiwilligen Angaben der Kliniken zufolge werden 15 von ihnen werden am Städtischen Klinikum versorgt, vier am Uniklinikum.

Kann die Zahl der Intensivbetten erhöht werden?

Derzeit sind in Dresden nur 39 Intensivbetten frei. Sollten weitere Patienten dazukommen, könnte es also knapp werden. 

Doch die Krankenhäuser haben die Möglichkeit, planbare Eingriffe zu verschieben, die ein erhöhtes Risiko in sich bergen, nach der OP intensivmedizinisch versorgt werden zu müssen. Das schafft freie Betten und freies Personal. 

Die Anzahl der Betten für Covid-19-Patienten werde dem täglichen Bedarf laufend angepasst, heißt es aus dem Uniklinikum. So ist es auch in Friedrichstadt und Neustadt. 

In Summe sind dort rund 20 Prozent der Betten "umgewidmet" worden, um Corona-Patienten versorgen zu können, Betten auf Normalstationen inklusive. Die Lage werde wöchentlich neu bewertet, sagt die Sprecherin des Städtischen Klinikums, Viviane Piffczyk.

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Auch die Kapazitäten können erweitert werden. Die Rede ist von der sogenannten Notfallreserve. Dabei handelt es sich um Betten, die innerhalb von sieben Tagen zusätzlich für die intensivmedizinische Versorgung betreibbar wären. 

In ganz Sachsen sind das noch einmal reichlich 700 Betten. In Krankenhäusern blickt man vorsichtig optimistisch auf die kommenden Wochen. "Wir gehen derzeit nicht davon aus, dass eine Aufstockung notwendig sein wird", sagt Victor Franke, Sprecher des Diakonissenkrankenhauses in der Dresdner Neustadt. 

Im St.-Joseph-Stift werden gar keine Corona-infizierten Intensivpatienten versorgt, das sei weder personell noch räumlich möglich, so Sprecherin Julia Mirtschink. Stattdessen werde auf der Intensivstation die dringende Versorgung von Nicht-Infizierten aufrechterhalten.

Die steigenden Patientenzahlen stellen die Krankenhäuser also weniger vor Probleme mit knapp werdenden Betten. Eine Herausforderung ist vielmehr, genug Personal für die Versorgung zu beschäftigen. Deutschlandweit gibt es nicht gerade zu viele Pflegekräfte, die speziell für die Versorgung von Intensivpatienten ausgebildet sind.

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Steht für die Versorgung von Corona-Patienten genug Pflegepersonal zur Verfügung?

Insgesamt sei die Versorgung in der Intensivmedizin aus personeller Sicht angespannt, da man nicht abschätzen könne, ob und wie viele Mitarbeiter ebenfalls krankheitsbedingt ausfallen werden, sagt die Sprecherin des Städtischen Klinikums.

"Wir bewerten die Lage hierfür täglich neu." Gegenwärtig greife das Klinikum bei Ausfällen auf Fachpersonal aus dem Pflegepool zurück. "Parallel schulen wir weiterhin Personal aus anderen Disziplinen, um auch zukünftig die bereitstehende Infrastruktur möglichst am Netz zu halten und personell besetzen zu können." 

Man habe außerdem Personal aus anderen Bereichen freigelenkt, so Piffczyk weiter. "Das bedeutet, dass wir rund 230 internistische wie chirurgische Betten an den vier Standorten temporär geschlossen haben." Aktuell sei die Patientenversorgung aber überall gesichert.

Im Moment arbeite ausreichend Pflegepersonal auf den Intensivstationen, ist auch aus dem Uniklinikum zu hören. "Über einen Pool mit Pflegekräften ist es möglich, gegebenenfalls auftretende Engpässe auszugleichen." 

Außerdem greife das Uniklinikum auf Studierende zurück, die über eine medizinische Ausbildung verfügen und entsprechend ihrer Fähigkeiten eingesetzt werden. "Dabei wird Personal nur dort eingesetzt, für dass es die entsprechende Ausbildung aufweist", sagt Holger Ostermeyer. 

Dennoch: Die Situation entwickele sich dynamisch, sodass erwartet werde, dass man auch am Uniklinkum an die Kapazitätsgrenzen stoßen werde. "In diesen Fällen wird Personal umverteilt, indem beispielsweise planbare - elektive - Eingriffe reduziert werden."

Victor Franke räumt ein, dass es vor allem im Isolierbereich für die weniger schweren Fälle einen "personellen Mehrbedarf" gab. "Den konnten wir aber durch Umverteilung und Aufstockung des Personals kompensieren." 

Das gilt auch für Intensivpfleger. "Wir verfügen über genügend ausgebildetes Intensivpersonal, um alle Intensivbetten auch sicher nutzen zu können." Es gebe keine offenen Stellen und eine hohe Quote an Fachpflegepersonal.

Müssen geplante Operationen jetzt verschoben werden?

Während des ersten Lockdowns im Frühjahr mussten Patienten, die zum Beispiel eine Hüft-OP brauchten, lange auf einen OP-Termin warten. Planbare Eingriffe wurden teils bis zum Spätsommer verschoben, um Kapazitäten freizuhalten. 

Das ist jetzt wieder der Fall, zumindest am Uniklinikum. Wegen der steigenden Patientenzahlen seien planbare Eingriffe erneut um 20 Prozent eingeschränkt worden, so Ostermeyer. Hauptsächlich, um Pflegepersonal vorzuhalten. Ausgenommen sind lebenswichtige Eingriffe. Außerdem ist es das Ziel, Krebspatienten vollumfänglich zu behandeln.

Auch im Städtischen Klinikum mit den Krankenhäusern Friedrichstadt und Neustadt werden weniger planbare Eingriffe durchgeführt. Derzeit würden 20 Prozent der OP-Kapazität für elektive Operationen ruhen, um ausreichend Intensivbetten für Covid-19-Betten vorhalten zu können, so Piffczyk. Unklar sei, wie die Verluste aufgefangen werden sollen. Bisher fehle seitens des Gesetzgebers dazu eine Regelung.

Im Diakonissenkrankenhaus können nach wie vor alle Menschen versorgt werden, für die eine Behandlung erforderlich ist, sagte Victor Franke am Mittwoch. "Wir sind weiterhin für alle Patienten da." 

Das heißt, alle geplanten OPs werden momentan noch durchgeführt. Das könne sich aber jederzeit ändern. Das gilt derzeit auch für das Krankenhaus St.-Joseph-Stift.

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