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Corona: Wird Delta von der Politik unterschätzt?

Es gibt vorerst keine Verschärfungen bei Einreisen, obwohl die Delta-Variante auf dem Vormarsch ist. Manche warnen vor einer Wiederholung des Sommers 2020.

Passagiere halten sich am Flughafen von Palma de Mallorca auf.
Passagiere halten sich am Flughafen von Palma de Mallorca auf. © Clara Margais/dpa (Symbolbild)

Von Georg Ismar und Patrick Eickemeier

Es ist eine schwierige Melange. Die Bürger wollen nach der harten Coronazeit den Sommer genießen – und die Tourismuswirtschaft warnt vor neuen Beschränkungen. Dazu kommt der Wahlkampf, wo der eine oder andere Politiker nicht mit schlechten Nachrichten auffallen will.

Bei den aktuell einstelligen Inzidenzwerten ist es kommunikativ schwer vermittelbar, warum jetzt wieder die Zügel angezogen werden sollen. Zumal viele Bürger geimpft sind. Aber der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, verweist darauf, dass bereits rund 50 Prozent der Neuinfektionen in Deutschland auf die besonders ansteckende Delta-Variante mit Ursprung in Indien zurückzuführen sind.

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Der beste Schutz sind Impfungen. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach verweist hier auf das aktuelle Beispiel Südafrika, das Land erlebe nun das nächste Kapitel der Covid-Katastrophe. "Kaum Geimpfte und jetzt breitet sich noch Delta-Variante aus." Auch Kanzlerin Angela Merkel betont: Besiegt ist die Pandemie mit immer neuen Virusvarianten erst, wenn die Impfquote weltweit hoch genug ist.

Was wissen wir über die Gefahr durch die Delta-Variante?

Die Variante B.1.617.2 verdrängt andere Varianten des Coronavirus, auch die als ansteckender als der Wildtyp eingeordnete Variante Alpha. In ansteigenden Fallzahlen schlägt sich das vor allem dort nieder, wo Delta auf viele ungeimpfte Menschen trifft, wie in Südafrika.

Studien von Übertragungen innerhalb von Haushalten und von Übertragungen durch Infizierte, die noch keine Symptome zeigen, lassen mit hoher Sicherheit auf eine leichtere Übertragbarkeit schließen. Wie eine im Fachjournal „Lancet“ veröffentlichte Studie aus Schottland zeigt, sind daher auch häufiger Kinder betroffen.

Über alle Altersgruppen war auch das Risiko einer Krankenhauseinweisung in dieser Studie etwa doppelt erhöht. Bislang wurden jedoch relativ wenige Fälle analysiert. Das Wissen über die Krankheitsverläufe sei begrenzt, beurteilt der Gesundheitsdienst Public Health England die Sachlage. Auch die Sterblichkeit könne noch nicht eingeordnet werden.

Derzeit nimmt der Anteil von Geimpften unter den Infizierten, Erkrankten und Verstorbenen zum Beispiel in Großbritannien und Israel zu. Das ist jedoch nur zum Teil auf die sehr wahrscheinlich aber nur geringfügig eingeschränkte Schutzwirkung zurückzuführen. Die Zahlen geben vielmehr wieder, dass mehr Menschen geimpft sind und der Impfschutz nicht hundertprozentig ist.

Verbreitet sich die Mutante anders?

Die Mutationen der Variante Delta erlauben es den Viren wahrscheinlich, effektiver an menschliche Zellen anzudocken. Das könnte sowohl zu schwereren Verläufen der Erkrankung als auch der leichteren Übertragbarkeit beitragen.

Weniger Viren könnten genügen, einen Menschen anzustecken. Es gibt auch Hinweise darauf, dass leichte Erkrankungen seltener mit Symptomen wie Husten, Fieber oder eingeschränktem Geschmacks- und Geruchssinn einhergehen. Erkrankte könnten bei Symptomen wie Kopfschmerzen und laufender Nase daher häufiger von einer einfachen Erkältung ausgehen und ihre Kontakte weniger einschränken.

Wie sich die Reiseaktivitäten in Europa – auch in Zusammenhang mit der Fußball-Europameisterschaft – auswirken werden, bleibt abzuwarten. Wie bei den älteren Varianten von Sars-Cov-2 sind Übertragungen im Freien seltener als in Innenräumen. In Menschenmengen und bei Aktivitäten wie gemeinsamem Singen werden Übertragungen begünstigt.

Ist die vierte Welle unvermeidbar?

Nein. Die Erfahrung der vergangenen anderthalb Jahre zeigt, dass sich die Übertragungen begrenzen lassen. In Deutschland wird im Herbst zudem ein großer Anteil der Bevölkerung durch vollständige Impfungen geschützt sein. Derzeit ist es gut ein Drittel.

Neue Varianten wie Delta können diesen Schutz jedoch unterlaufen und es wird weiterhin viele Menschen geben, die nicht oder nur unvollständig geimpft sind. Dazu gehören ein großer Teil der Jugendlichen und bis auf wenige Ausnahmen alle Kinder unter zwölf Jahren, für die bislang kein Impfstoff zugelassen ist.

In Haushalten könnten sich Geimpfte und Genesene erneut bei ihnen anstecken. Das RKI beobachtet bereits Häufungen in Haushalten sowie in Kitas und Horteinrichtungen.

Maßnahmen wie die Bundesnotbremse haben dazu beigetragen, dass Infektionsgeschehen auf die derzeit niedrige Inzidenz von deutschlandweit sechs Fällen pro 100.000 Einwohner zu begrenzen. Nun gilt es einem Anstieg vorzubeugen, derzeit vor allem durch Tests wieder nach Deutschland Einreisender.

Zudem sollten bewährte Methoden weiterhin breit angewendet werden: Masken tragen, Abstand halten, Hände waschen, Kontakte beschränken, Räume lüften und Luft filtern. Diesen Maßnahmen hat auch Delta wenig entgegenzusetzen.

Warum gibt es vorerst keine schärferen Einreisekontrollen?

Weil Bund und Länder sich bisher nicht darauf verständigen konnten. Am Montag gab es eine Schalte der Chefs der Staatskanzleien mit Kanzleramtschef Helge Braun (CDU), eine konkrete Beschlussvorlage für schärfere Einreisekontrollen gab es aber nicht.

Mehrere Bundesländer sehen es inzwischen kritisch, dass ähnlich wie bei der mit Wirkung 30. Juni auslaufenden Bundesnotbremse der Bund die Kompetenz für Einreiseregeln an sich gezogen hat. Das bedeutet, dass die Länder nicht eigene Verschärfungen auf den Weg bringen können.

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) pocht am deutlichsten auf strengere Regeln für Reiserückkehrer. „Man darf die gleichen Fehler nicht zweimal machen“, mahnt sie im NDR. Auch im Sommer 2020 seien die Corona-Fallzahlen zurückgegangen. „Und dann ist durch Reiserückkehrer aus Risikogebieten das Virus wieder eingetragen worden.“

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) verweist auf die insgesamt niedrigen Inzidenzen, er sieht keine große Gefahr.

Doch mehrere Staatskanzleien besorgt auch zunehmend die unsichere Studienlage zu der Frage, ob nicht auch Geimpfte die Delta-Variante übertragen, in Israel scheint das der Fall zu sein. Allerdings schützen die Impfungen meist und mindestens vor schweren Verläufen, das Risiko für Nicht-Geimpfte erhöht sich dagegen aber.

Was für Maßnahmen sind möglich?

Schärfere Regeln sind nicht gänzlich vom Tisch. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) kann sich bei Einreisen nicht nur eine Testpflicht vor Abflug zurück nach Deutschland vorstellen, sondern einen zweiten verbindlichen Test auch bei der Rückkehr, und zwar fünf Tage danach, um mögliche Infektionen etwa auf dem Rückflug besser zu entdecken. Und zwar bei allen Rückkehrenden, die nicht vollständig geimpft sind.

Aber neben dem Flugverkehr rückt auch der Individualverkehr in den Fokus, was wenn ein Nachbarland Virusvariantengebiet wird? Kanzlerin Angela Merkel (CDU) will wie auch Laschet keine einseitigen Grenzkontrollen, die auch bei den aktuell niedrigen Fallzahlen kaum durchsetzbar wären.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) kann sich als eine etwas mildere Option wie 2020 „Schleiermaßnahmen“ vorstellen, bei der Reisenden kurz nach der Grenze kontrolliert werden. Dort könnten auch Schnellteststationen eingerichtet werden.

Welche Virusvariantengebiete gibt es in Europa?

Zu diesen Gebieten gehören bisher Portugal, Großbritannien und Russland. Die Kanzlerin will ein koordiniertes Vorgehen der EU-Staaten bei Einreisen aus Virusvariantengebieten. Geändert hat sich bereits im Vergleich zu 2020, dass Reisende bei Flügen generell einen negativen Corona-Test oder einen Geimpften- oder Genesenen-Nachweis vorlegen müssen, ebenso eine digitale Einreiseanmeldung, um bei Infektionsfällen die Kontakte schnell nachverfolgen zu können.

Bei Virusvariantengebieten gilt zusätzlich und auch für Geimpfte eine 14-tägige Quarantäne, die nicht verkürzt werden kann. Für Viriusvariantengebiete gilt ein weitgehendes Beförderungsverbot für Fluggesellschaften, Bus- und Bahnunternehmen. Sie dürfen nur noch deutsche Staatsbürger und Ausländer mit Wohnsitz in Deutschland zurückbringen.

Kommt eine Wiederauflage der Bundesnotbremse?

Nein, nun gelten die Länderregelungen, die zum Beispiel regionale Lockdowns ab Inzidenten von 100 Neuinfektionen je 100 000 Einwohnern in sieben Tagen vorsehen. Ein neuer Lockdown ist sehr unwahrscheinlich – Bundes- wie Landespolitiker setzen auf schnelles Impfen. Dabei macht vor allem die zurückgehende Impfbereitschaft Sorgen.

Da Schulen als mögliche Infektionsquellen gesehen werden, sollen dort gezielt Angebote gemacht werden. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat betont, dass alle 12- bis 18-Jährigen Schüler ein Impfangebot bis Ende August bekommen können, die Umsetzung liegt in der Verantwortung der Länder. In der Bundesregierung würden sie zur Eindämmung der Gefahr gerne gezielte, schnelle Impfkampagnen an den Schulen sehen. Möglichst schnell möglichst viele Menschen noch im Sommer zu impfen – das sei der beste Schutz vor der Delta-Variante, sagt auch Niedersachsens Regierungschef Stephan Weil.

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Erst für den 26. August ist wieder eine Bund-Länder-Runde angesetzt, sollte sich die Lage verschärfen, wird damit gerechnet, dass schon früher Maßnahmen beraten werden. „Es kommt alles darauf an, wie sich Delta entwickelt“, wird in Länderkreisen betont. Aber einige treibt die Sorge um, das man wieder Zeit verliert, statt präventiv zu handeln – und so das Risiko der vierten Welle zu minimieren.

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