merken
PLUS Wirtschaft

Corona wird zur häufigsten Berufskrankheit

Die Bundesregierung macht den Weg für eine schnelle Anerkennung frei. Die Folge: hohe Kosten für die Kassen.

Stecken sich Arbeitnehmerinnen oder Arbeitnehmer im beruflichen Umfeld mit dem Coronavirus an, kann das als Berufserkrankung oder Arbeitsunfall gelten. Dauermüdigkeit ist eine der häufigsten Folgen.
Stecken sich Arbeitnehmerinnen oder Arbeitnehmer im beruflichen Umfeld mit dem Coronavirus an, kann das als Berufserkrankung oder Arbeitsunfall gelten. Dauermüdigkeit ist eine der häufigsten Folgen. © dpa/Christin Klose

Von Finn Mayer-Kuckuk

Covid-19 ist keine Grippe: Das gilt auch für den Status als Berufskrankheit. Nachdem das Arbeitsministerium im vergangenen Jahr die Weichen gestellt hat, die Pandemie entsprechend zu behandeln, haben sich Covid-Folgen in der Statistik der Unfallkassen schnell nach ganz oben gearbeitet. Seit Beginn der Pandemie bis Ende Februar sind bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) 77.907 Verdachtsfälle auf Covid als Berufskrankheit eingegangen. Das ist ungefähr so viel wie die Gesamtzahl sonstiger Meldungen in einem normalen Jahr. Corona verdoppelt also die Zahl der Berufserkrankungen.

Besonders die dritte Welle macht sich heftig bemerkbar: Allein im Januar und Februar gingen 30.329 Meldungen ein. „Die Entwicklung spiegelt die ungeheure Wucht, mit der diese Pandemie unser Land aktuell trifft“, sagt Stefan Hussy, Hauptgeschäftsführer des DGUV. Da die Zahl der tatsächlichen Anerkennungen bei Corona deutlich höher liegt als im Durchschnitt, müssen die Kassen erhebliche Leistungen zusätzlich stemmen. Seit Beginn der Pandemie wurden 42.753 Fälle anerkannt.

Anzeige
Ein völlig neues Lebensgefühl
Ein völlig neues Lebensgefühl

Das Frühjahr wird oft zum Abspecken und für Diäten genutzt. Doch wer nachhaltig fit und gesund bleiben möchte, sollte auf eine andere Strategie setzen.

Die weit überwiegende Zahl der Erkrankungen meldet die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW). Auf Platz zwei kommt der Unfallversicherungsträger der Öffentlichen Hand. Der hohe Anteil der BGW und der Öffentlichen Hand hat einen konkreten Grund. Eine Infektion als Berufskrankheit setzt voraus, dass die oder der Beschäftigte „im Gesundheitsdienst, in der Wohlfahrtspflege oder in einem Laboratorium tätig ist oder durch eine andere Tätigkeit der Infektionsgefahr in ähnlichem Maße besonders ausgesetzt war“. So sagt es die Verordnung des Bundesarbeitsministeriums.

Die Möglichkeit, eine Covid-Infektion als Berufskrankheit anerkennen zu lassen, haben also vor allem Ärzte, Kranken- und Altenpfleger und ähnliche Berufsgruppen. Wer sich in einer anderen Branche etwa beim Kundenkontakt ansteckt, fällt vorerst durchs Raster. Lehrer, Erzieher oder Polizisten können die Folgen einer Ansteckung bei der Arbeit also nicht ohne Weiteres als Berufskrankheit anerkennen lassen, weil die Verordnung das für diese Berufsgruppen nicht hergibt. Ihre Aufnahme in die Liste ist nicht geplant. Und das, obwohl sich laut AOK besonders viele Menschen in Sozial- und Betreuungsberufen wegen Covid krankschreiben lassen.

Für solche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gibt es jedoch noch eine zweite Möglichkeit, nach einer Corona-Infektion Leistungen aus der Unfallversicherung zu erhalten: durch Anerkennung als Arbeitsunfall. Das ist von der Regierung ausdrücklich so gewollt. „In den Tätigkeiten, in denen derzeit keine Anerkennung einer Covid-19-Erkrankung als Berufskrankheit möglich ist, ist dennoch die Anerkennung als Arbeitsunfall möglich“, teilte das Arbeitsministerium auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion der Linken mit.

Anerkennung als Unfall nicht leicht

Doch die Anerkennung als Unfall sei nicht so leicht wie die als Berufskrankheit, sagt Rechtsexperte Alexander Greth von der Kanzlei Simmons & Simmons in Düsseldorf. Die Betroffenen müssen hier nachweisen, zu welchem Zeitpunkt sie sich bei welcher infizierten Person angesteckt haben. „Einer Friseurin dürfte das schwerer fallen als einer Büromitarbeiterin, die sich beim Kollegen angesteckt hat“, so Greth.

Auf sachlicher Ebene lässt sich die Unterscheidung zwischen Covid als Berufskrankheit und als Arbeitsunfall nicht begründen – sie liegt rein am Wortlaut der Verordnung. „Die Infektion nimmt dadurch unter den Berufskrankheiten eine Sonderstellung ein“, sagt Greth. Eigentlich erfolgt die Ansteckung punktuell und ist in jedem Fall eher ein Unfall. Doch für Ärzte und Pfleger gilt so ein Einzelereignis dennoch als Berufskrankheit. Immerhin: „Es gibt keine Unterschiede beim Leistungsspektrum der Versicherungen“, sagt Greth.

2020 hatten die Unfallkassen noch versucht, die hohen Forderungen abzuwehren, die Corona ihnen aufbürdet. Sie haben die Pandemie zur „Allgemeingefahr“ erklärt, der alle Bürger unabhängig von der Arbeitswelt gleichermaßen ausgesetzt seien. „Von dieser Sicht sind die Versicherungsträger allerdings abgekommen“, sagt Greth. Aus den Unfallkassen können die anerkannten Covid-Opfer nun reguläre Leistungen wie Verletztengeld, Reha-Leistungen und im Extremfall Verletztenrente oder Hinterbliebenenleistungen beziehen.

Mit steigenden Infektionszahlen von Jüngeren dürften sich die Zahl der Meldungen und Anerkennungen noch einmal deutlich erhöhen. In Deutschland gab es bisher bei den 20- bis 60-Jährigen rund 2.500 Todesfälle von insgesamt 75.000. Von den Fällen, die ins Krankenhaus mussten, war rund die Hälfte der Patienten auf umfangreiche Nachbehandlung und Reha angewiesen. Ein Teil davon kämpft noch monatelang mit Spätfolgen. Auch nach milden Covid-Verläufen ist nach Angaben des Robert-Koch-Instituts jeder zehnte Patient länger als einen Monat betroffen. Für die Unfallkassen besonders relevant wird das chronische Fatigue-Syndrom sein. Dabei handelt es sich um Dauermüdigkeit, die produktive Arbeit nicht mehr zulässt. Es tritt unabhängig vom Alter und der Schwere der eigentlichen Erkrankung auf. Damit trifft es Versicherte, die mitten im Leben stehen, besonders schwer.

Weiterführende Artikel

Corona: 24.000 Menschen an Sachsens Grenze abgewiesen

Corona: 24.000 Menschen an Sachsens Grenze abgewiesen

Zwei Monate Kontrollen zu Tschechien, Leipzigs Ausgangsbeschränkungen wohl rechtswidrig, 1.746 Neuinfektionen in Sachsen - unser Newsblog.

Viele Fehltage wegen Rücken und Seele

Viele Fehltage wegen Rücken und Seele

Die Menschen im Kreis Görlitz waren 2020 weniger krank geschrieben als noch ein Jahr zuvor. Trotz Corona. Wie passt das zusammen?

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) befürwortet nun auch die Anerkennung von Corona als Arbeitsunfall, wenn die Ansteckung auf dem Weg in die Firma erfolgte. Es handele sich dann um einen Wegunfall, was die Arbeitgeber und Unfallversicherungsträger nach Auffassung der Gewerkschaft zu akzeptieren haben. „Es gilt: Nicht abwimmeln lassen“, sagt Anja Piel, Mitglied des Vorstands beim DGB. Die gesetzliche Unfallversicherung biete bei Arbeitsunfällen bessere Leistungen als die gesetzlichen Krankenkassen.

Mehr zum Thema Wirtschaft