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Sachsen

Viel Beistand für Zirkusse in der Corona-Zeit

Für viele Zirkusse beginnt jetzt eigentlich die Saison. Doch kaum einer kann wegen Corona die Sommersaison planen. Durch Spenden hält man sich über Wasser.

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Mitglieder der beiden Wanderzirkusse Bernardo und Piccolino versorgen zwei Zirkuspferde. Im vergangenen Jahr konnten die beiden norddeutschen Familienzirkusse nur wenige Vorstellungen spielen.
Mitglieder der beiden Wanderzirkusse Bernardo und Piccolino versorgen zwei Zirkuspferde. Im vergangenen Jahr konnten die beiden norddeutschen Familienzirkusse nur wenige Vorstellungen spielen. © Hendrik Schmidt/dpa

Naundorf. Katharina Köllner ist vom Zirkus infiziert. Daran kann auch die Corona-Pandemie mit all ihren Unwägbarkeiten nichts ändern. "Zirkus muss man lieben. Ich kann mir keinen anderen Beruf vorstellen", sagt die 42 Jahre alte Chefin des Circus Piccolino. Auch nach einem Jahr Corona habe man Durchhaltewillen: "Manchmal kommt man ins Grübeln. Aber die Nachfrage ist da. Die Familien wollen mit ihren Kindern endlich mal wieder in den Zirkus gehen und Freude haben."

Der Circus Piccolino stammt aus Lübtheen in Mecklenburg-Vorpommern und überwintert derzeit im kleinen Ort Naundorf bei Freiberg in Sachsen. Normalerweise sind die "Piccolino"-Leute, zu der auch Köllners Mann und drei Kinder gehören, schon im März unterwegs. Die Saison reicht bis zum Weihnachtszirkus, nur acht Wochen gibt es wirklich Pause in der Manege. Doch in der Pandemie ist alles anders. Seither gehört auch für Zirkusleute Geduld zu den wichtigsten Tugenden.

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Zirkusverband als "Kummerkasten" für die Branche

Die wird derzeit jedoch auf eine harte Probe gestellt. Ralf Huppertz ist als Chef des Verbandes Deutscher Circus Unternehmen schon seit längerem eine Art Kummerkasten für eine Branche, die ansonsten Spaß und Freude verbreitet: "Wir mussten als Verband mit vielen Städten und Bürgermeistern über die liegengebliebenen Unternehmen verhandeln und ihren Stellplatz sichern." Bis heute gebe es immer wieder Probleme mit den Jobcentern, die in der Übergangszeit für den Lebensunterhalt der Beschäftigten zuständig sind. Bei etwa 300 Zirkusunternehmen bundesweit betrifft das nicht wenige Mitarbeiter.

Auf dem Messplatz in Karlsruhe wird ein Zirkuszelt abgebaut. Der Verband Deutscher Circus Unternehmen rechnet erst gegen Jahresende wieder mit einer Aufnahme des Geschäftsbetriebes seiner Mitglieder.
Auf dem Messplatz in Karlsruhe wird ein Zirkuszelt abgebaut. Der Verband Deutscher Circus Unternehmen rechnet erst gegen Jahresende wieder mit einer Aufnahme des Geschäftsbetriebes seiner Mitglieder. © Uli Deck/dpa (Archivbild)

Obwohl es klare Vorgaben gebe, wie mit Schaustellern und Zirkusleuten umzugehen sei, werde das vielerorts in Kommunen ignoriert, sagt Huppertz. Möglicherweise seien aber einfach Sachbearbeiter dort nicht richtig unterrichtet: "Auch bezüglich der Stellplätze gab es den einen oder anderen Bürgermeister, der den Unternehmen mal eben Strom und Wasser entzogen hat, um sie zum Weiterreisen zu zwingen. Aber diese Dinge sind zum Glück inzwischen eher selten geworden."

In Städten wie Dresden schwinden die Zirkusstellplätze

Die Köllners haben weder in der Pandemie noch vorher schlechte Erfahrungen mit Städten und Gemeinden gemacht. Ein Problem sei vielmehr, dass in Städten wie Dresden Plätze wegen der regen Bautätigkeit immer knapper werden. Auch das Domizil in Naundorf ist ein Ausweichquartier. Nach einem Dauerengagement als Weihnachtszirkus in Freiberg hatte das Familienunternehmen aus dem Flachland in den vergangenen Jahren stets auf einem Industriegelände in der Bergstadt überwintert. Doch Bauarbeiten machten den Umzug notwendig.

Joline Köllner (l-r), Sascha Köllner, Megan Renz und Diego Renz von den Zirkussen Bernardo und Piccolino trainieren im Wohnwagen der Zirkusfamilie Renz.
Joline Köllner (l-r), Sascha Köllner, Megan Renz und Diego Renz von den Zirkussen Bernardo und Piccolino trainieren im Wohnwagen der Zirkusfamilie Renz. © Hendrik Schmidt/dpa

Für den Circus Piccolino war das kein Nachteil, auch nicht für den Wanderzirkus Bernardo. Ihm steht Köllners Bruder Armando Renz vor. Das Geschwisterpaar gehört zur siebten Generation der Zirkusfamilie Renz. Ihr Vorfahr Ernst Jakob Renz hatte 1842 in Berlin einen der ersten deutschen Zirkusse gegründet. Jetzt können die Geschwister und ihre Familien in Naundorf von einer Welle der Hilfsbereitschaft profitieren. Kürzlich entschied der Gemeinderat, den insgesamt zwölf Zirkusleuten und 26 Tieren – Pferden, Ponys, Ziegen, Hunden und Schweinen - bis Ende Juni ein Gelände zur Verfügung zu stellen.

2020 konnten deutsche Zirkusse wegen der Corona-Regeln nur wenige Vorstellungen geben. Wie es in diesem Jahr läuft, steht noch in den Sternen. Ticketeinnahmen fehlen, doch die Kosten etwa für Tierfutter oder Versicherungen laufen weiter. Huppertz ist überzeugt, dass die Unternehmen mit den Überbrückungshilfen des Bundes noch bis Sommer überleben können. "Kaum einer plant aber noch mit einem Saisonbeginn im Sommer, der ja auch nicht planbar ist. Man konzentriert sich nun auf die Planung der Weihnachtszirkusse und die Saison 2022."

Leben von Ersparnissen, Spenden und Luftballon-Verkauf

Köllner zufolge lebt ihr Zirkus von Ersparnissen und von Spenden. Außerdem verkaufe man auf der Straße Leucht-Luftballons. Spenden seien nicht nur in Form von Geld eingetroffen. Viele Menschen, aber auch Agrarbetriebe würden Tierfutter vorbeibringen. "Für all das sind wir sehr, sehr dankbar. Ohne diese Unterstützung können wir unser Ziel, beide Zirkusse durch die Krise zu bekommen, nicht erreichen."

Die Zirkuskinder Megan Renz (r-l) und ihr Bruder Diego füttern Ziegen im Tierzelt der Zirkusse Piccolino und Bernardo im Interimsquartier in der mittelsächsischen Gemeinde Bobritzsch-Hilbersdorf.
Die Zirkuskinder Megan Renz (r-l) und ihr Bruder Diego füttern Ziegen im Tierzelt der Zirkusse Piccolino und Bernardo im Interimsquartier in der mittelsächsischen Gemeinde Bobritzsch-Hilbersdorf. © Hendrik Schmidt/dpa

Auch Huppertz kennt viele Fälle, wo kleine Unternehmen auf große Hilfsbereitschaft stießen. "Die Besichtigung der Tiere wurde mancherorts zur Attraktion - meist ohne Eintritt aber mit vielen Spenden in den aufgestellten Dosen." Es habe sogar eine Firma gegeben, die Versicherungsbeiträge für Fahrzeuge oder deren Reparatur bezahlten.

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Huppertz stellt klar, dass die staatlichen Corona-Hilfen für Zirkusse wie in der gesamten Wirtschaft schleppend liefen. Die erste Soforthilfe vom März 2020 sei ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen, da die Ausgaben für den bevorstehenden Saisonstart um ein Vielfaches höher lagen: "Die sind komplett im Mülleimer gelandet." Die Erstattung im November habe den Unternehmen Luft verschafft: "Ohne diese Finanzspritze wären mit Sicherheit einige Unternehmen pleite." (dpa)

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