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Corona-Leugner unter Ärzten in Sachsen

Eine Bankkundin in Görlitz schlägt um sich, als sie mit einer gefälschten Masken-Befreiung erwischt wird. Doch auch die Ärztekammern sind hellhörig geworden.

Mit Gefälligkeitsattest unterwegs? Anfang November waren bei einem Montags-"Spaziergang" zahlreiche Teilnehmer ohne Maske - manche zeigten ein Attest vor.
Mit Gefälligkeitsattest unterwegs? Anfang November waren bei einem Montags-"Spaziergang" zahlreiche Teilnehmer ohne Maske - manche zeigten ein Attest vor. © xcitepress

Den Flyer werden viele Görlitzer im Briefkasten gehabt haben. Ein schmaler Zettel mit dem Foto zweier Jungen, beim Armdrücken an einem Strand. Darunter steht das Wort „Immun“ mit großem Fragezeichen und dazu die Behauptung, 60 Prozent aller Menschen würden bereits über „eine gewisse T-Zellen-Immunität gegen das neue Virus“ verfügen. Eine Frage, zu der es unterschiedliche Studienlagen gibt und zu der noch viel geforscht wird. Auf der Rückseite des Zettels finden sich Internetseiten, auf denen man sich informieren solle, darunter die Seite von „Querdenken 711“ oder auch von „Eltern stehen auf“, eine Initiative mit Verbindungen ins „Querdenker“-Milieu.

Verantwortlich für den Zettel ist laut Impressum der Sinsheimer Arzt Bodo Schiffmann, mittlerweile ein bekanntes Gesicht bei Demos von Gegnern der Corona-Maßnahmen bis Corona-Leugnern. Vorletzten Sonntag stand er in Görlitz auf der Bühne, verbreitete auf dem Marienplatz seine Theorien und Forderungen.

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Viel Hörensagen

Die Berliner Ärztekammer geht inzwischen gegen Ärzte vor, die das Coronavirus verharmlosen und damit ihre Patienten gefährden. Wie der RBB berichtet, seien seit Beginn der Corona-Pandemie Ärzte in über 130 Fällen mit fragwürdigen oder falschen Behauptungen zum Thema Corona aufgefallen. Es geht dabei etwa um Mediziner, die ihre Patienten dazu auffordern, im Wartezimmer keine Maske zu tragen oder auch um Gefälligkeitsatteste, die vom Maskentragen befreien. Einige Fälle seien an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet worden, wegen möglicher Patientengefährdung.

In Sachsen geht die Ärztekammer derzeit in zwei Fällen vor, sagt Sprecher Knut Köhler. „Wir haben von weiteren Fällen gehört“, auch von einem in Görlitz. „Allerdings über dritte oder vierte Personen. Das ist das Schwierige – es basiert viel auf Hörensagen.“ Bei den beiden Fällen aus dem Chemnitzer Raum und Dresden, die jetzt zunächst im Ausschuss Berufsrecht untersucht werden, hatten Patienten sich direkt an das Gesundheitsamt oder die Kammer gewandt, erklärt Köhler. Auch hier geht es darum, dass Patienten im Wartezimmer keine Maske tragen mussten und um Gefälligkeitsatteste.

Ärztekammer für Maskenpflicht

Die Landesärztekammer stehe hinter den Corona-Schutzmaßnahmen. Es gibt auch Kritikpunkte, zum Beispiel die Überlastung der Praxen, die die Wucht der zweiten Welle mit zu schultern hatten. So teilt der Präsident der sächsischen Landesärztekammer, Erik Bodendieck mit, viele Praxen würden sich mit „der logistischen Herausforderung, die Flut der Patienten zu meistern, die es in den nächsten Wochen zu versorgen gilt“, alleingelassen fühlen.

Große Unterstützung dagegen findet bei der Landesärztekammer der verstärkte Infektionsschutz. „Wir haben frühzeitig darauf hingewiesen, wie wichtig das ist“, sagt Bodendieck. Dass gerade das Coronavirus von besonderer Gefährlichkeit ist, „beweisen mittlerweile viele Krankheitsverläufe.“ Deshalb müssten Patienten wie Personal wirksam vor einer Ansteckung geschützt werden. Allerdings gebe es auch Rückmeldungen von Patienten, dass Praxen die Hygienemaßnahmen nicht konsequent umsetzen. „Wir sind dankbar, dass die Bevölkerung in Sachsen sich auf eine große Zahl verantwortungsbewusster Ärzte verlassen kann“, so Bodendieck. Rund 6.000 niedergelassene Ärzte gibt es in Sachsen. Und die allermeisten würden sich an die Regelungen halten. Aber nicht alle.

Die Maskenpflicht in Praxen gilt dabei seit rund drei Wochen. „Wichtig ist, sie gilt nicht im Sprechzimmer des Arztes, aber in den Wartebereichen“, erklärt Knut Köhler. Und auch nicht, wenn man ein ärztliches Attest vorlegen kann.

Atteste beschäftigen die Polizei

Ein Problem dabei: Gefälligkeitstests bis hin zu gefälschten Attesten. Das beschäftigt auch die Polizei. Zum Beispiel hatten bei der Pegida-Demo am Montag vorige Woche in Dresden über 70 Teilnehmer den Beamten ein Attest vorgezeigt, das sie vom Maskentragen befreit. Aber wie auf die Schnelle erkennen, ob es damit seine Richtigkeit hat? „Das beschäftigt uns auch“, sagt Anja Leuschner, Sprecherin der Polizei in Görlitz.

Die Polizei hatte kürzlich einen der Montags-“Spaziergänge“ von Gegnern der Corona-Maßnahmen in Görlitz aufgelöst, weil sie gegen Versammlungsauflagen und Hygienemaßnahmen verstoßen hatten. Unter anderem trugen Teilnehmer keine Masken. Einige setzten sie nach Aufforderung auf, einige hatten ein Attest dabei, berichtet Anja Leuschner. „Das Problem ist: Wenn wir sehen, dass ein solches Attest ganz offensichtlich gefälscht ist, dann können wir natürlich Anzeige erstatten wegen des Verdachts auf Urkundenfälschung und die Person von der Versammlung ausschließen“, erklärt sie. „Aber ansonsten müssen wir das erst mal gelten lassen.“

61-Jährige mit gefälschtem Attest rastet aus

Leicht festzustellen war eine Fälschung am Montag , als eine 61-Jährige eine Bank am Görlitzer Postplatz ohne Maske betrat. Wie die Polizei mitteilt, habe die Frau, nachdem eine Mitarbeiterin eines Sicherheitsdienstes sie auf die Maskenpflicht hinwies, ein vermutlich gefälschtes Attest vorgezeigt. Woraufhin die Frau des Hauses verwiesen wurde: „Dagegen wehrte sie sich mit Schlägen und zog der Mitarbeiterin an den Haaren“, teilt die Polizei mit.

Der Landespolizeipräsident hat wegen solcher Fälle jetzt verbindliche Standards für die Atteste gefordert. Ein solches gibt es nur in bestimmten Fällen, erklärt die Landesärztekammer. Erstmal ist eine individuelle Untersuchung Voraussetzung. Nur eine gesicherte Diagnose könne Anlass für ein solches Attest sein, so Erik Bodendieck. Dazu zählen unter anderem eine Phobie, eine zur Atemnot führende Lungenerkrankung oder eine schwere Herzschwäche.

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