merken
PLUS Dresden

Der Lockdown stresst Körper und Seele

Der Gesundheitstrainer Carsten Krzysztofek widmet seine Arbeit der Fitness von Senioren und kranken Menschen. Ohne Sport zu leben, gefährdet nicht nur sie.

Dem Diplomsportlehrer Carsten Krzysztofek bedeutet Sport viel mehr als Muckis und Supermaße.
Dem Diplomsportlehrer Carsten Krzysztofek bedeutet Sport viel mehr als Muckis und Supermaße. © Sven Ellger

Dresden. Er könnte Lauftraining anbieten. Für Leute, die Corona auf verwegene Gedanken bringt. Dreimal die Woche, bis zum Marathon. Oder er hält sich mit einem Supermarkt-Job über Wasser. Räumt Regale ein. Vielleicht geht er zurück in seinen alten Beruf, fährt im Rettungswagen durch die Stadt und schmeißt alles hin, was er über viele Jahre aufgebaut hat: dieses ganze schlüssige Konstrukt rund um das, was ihn seit Kindheit interessiert, was er gelernt und studiert hat.

Carsten Krzysztofek hat die Wahl zwischen Pest und Cholera. Entweder er startet neu und gibt seinen Traum auf. Oder der Fitness- und Gesundheitstrainer wartet einfach ab, bis diese Katastrophe vorbei ist. Im Januar oder im März oder irgendwann. Abwarten. Klingt einfach und ist extrem schwer. Seit vier Wochen sind deutschlandweit alle Fitnessstudios geschlossen. Der erste Lockdown war hart. Der zweite wird härter.

"Diesen zweiten Lockdown werden viele nicht überleben"

Medizin hat den 42-Jährigen gereizt, seit er nach dem Wirtschaftsabitur Zivildienst im Friedrichstädter Krankenhaus geleistet hat. Auf der gynäkologischen Abteilung erlebte er als OP-Helfer wunderbare Momente wie Zwillingsgeburten per Kaiserschnitt mit. Aber auch solche, die ihn zum Nachdenken brachten: Abtreibungen und Fehlgeburten. Die Nähe von Leben und Tod. Existenzielle Grenzerfahrungen.

Anzeige
Vorfreude verschenken
Vorfreude verschenken

In einem der schönsten Hotels in Dresden mal ausspannen und verwöhnen lassen? Mit einem Gutschein von "Göz - das Auge" ist genau das möglich.

Der Notenschnitt seines Abizeugnisses zwang ihn zur Geduld. Um zwischenzeitlich schon in Richtung Medizinstudium zu steuern, entschied er sich für die Ausbildung zum Rettungsassistenten. Doch ein weiteres großes Interesse stellte die Weichen anders: Das Fitnessstudio, in dem Carsten Krzysztofek nebenbei jobbte, schmiedete Pläne mit dem ehemaligen Leichtathletik-Nachwuchstalent. Zwar hatte ein schwerer Sturz seine Karriere als Leistungssportler verhagelt. Doch die Liebe zum Sport blieb.

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

"Man hat mir angeboten, mich für eine leitende Position im Studio zu entwickeln. So habe ich begonnen, Sport zu studieren", erzählt er. Als Diplomsportlehrer übernahm er schließlich einen Posten als Fitnessmanager - und behielt immer den Blick für Sport als Therapieform und Rehabilitation, weit über das, was man Muckibude nennt, hinaus.

Jetzt sitzt Carsten im SZ-Betriebsfitnessstudio und schaut auf eine ganze Batterie rosafarbener Desinfektionsflaschen. Wochenlang hat er hier als Studioleiter und in seinen anderen Kursräumen dafür gesorgt, dass sich die Teilnehmer seiner Sportkurse sicher vor Corona fühlen können: reduzierte Gruppenstärke, regelmäßiges Reinigen der Geräte, coronakonformes Trainieren ohne starke Atemfrequenz. "Wir haben uns alle Mühe gegeben, um die Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten", sagt er.

Meistgelesen zum Coronavirus:

Die zweite Schließung der Fitnessstudios hat Carsten kalt erwischt. "Damit habe ich wirklich nicht gerechnet", sagt er. Warum ist ein sogenanntes Individualtraining erlaubt, aber Sportler stundenweise einzeln im Studio trainieren zu lassen, nicht?

Als sich Carsten entschloss, lieber selbstständig zu sein, als angestellt, fand er seinen ganz eigenen Weg, um sportliche Betätigung in all ihren gesundheitlichen Facetten anzubieten. Dafür gründete er einen Sportverein für Rehabilitations- und Krebs-Sporttherapie. Für den 1. Dresdner Gesundheits- und Seniorensport e.V. arbeitet er als Vorstandsvorsitzender. "Viele Menschen, die eine Krebstherapie medizinisch absolviert haben, entwickeln im Nachgang eine posttraumatische Belastungsstörung", sagt Carsten Krzysztofek. Diese Art Depression hindere sie daran, ihr Leben nach dem überstandenem Krebsleiden zu genießen.

Fit und nicht zu fett durch den Lockdown

Sport hilft in vielerlei Hinsicht dagegen: Er aktiviert das Immunsystem, regt das Herz-Kreislaufsystem an, stärkt die Lunge, verbessert die Beweglichkeit im Alltag, wirkt Stress und psychischen Schwankungen entgegen und kann so dazu beitragen, dass der Krebs nicht wiederkehrt. "Die Teilnehmer finden außerdem Halt in der Gruppe, treffen Menschen, die das Gleiche erlebt haben, unterstützen sich gegenseitig", weiß Carsten. Gerade Frauen nach Brustamputationen lernen so, mit ihrem Körper umzugehen und ihr Selbstbewusstsein zurückzuerlangen.

Auch Patienten nach Bandscheibenvorfällen oder nach organischen Erkrankungen trainieren in seinem Verein. "Die Rehasportkurse sind die einzigen, die jetzt noch erlaubt sind", sagt Carsten. Um auch sie coronasicher zu machen, hat er Großfelder angemietet. Zusatzkosten, die in keinem Verhältnis zu den finanziellen Verlusten stehen.

Die rund 600 Senioren, die sich normalerweise ebenfalls mit Vereinssport fit halten, dürfen das momentan nicht. "Wir müssen ihre Beitragszahlungen stilllegen, und es gibt natürlich auch Austritte." Das gefährdet nicht nur Carstens Existenz und die der Trainer und Sporttherapeuten, die er beschäftigt. Das stellt das Bestehen des Seniorensportvereins generell infrage.

Maßvoll essen: "Ernährung ist das A und O!"

  • Vollkornprodukte aus Dinkel und Roggen
  • Weizenprodukte meiden
  • zwei Portionen Obst bzw. Gemüse am Tag
  • Linsen und Erbsen liefern Magnesium und Kalium
  • Geflügel und Fisch statt Schweinefleisch
  • sehr wenig Zucker
  • viel Wasser ohne Geschmack
  • Alkohol meiden

"Diesen zweiten Lockdown werden viele nicht überleben", sagt Carsten Krzysztofek. Staatliche Unterstützung für Vereine sind zwar inzwischen angekündigt, auch die für Selbstständige versprochen. Antragsmodalitäten für die sogenannten Novemberhilfen sind jedoch gerade erst geklärt und entsprechende Formulare online gestellt worden. Seit Wochen leben Trainer und Studiobetreiber vom Ersparten.

"Ich habe mal mit einem einzigen Kurs begonnen und das erste Dreivierteljahr nichts verdient", erzählt er. Über viele Jahre habe er Rücklagen gebildet, die Altersvorsorge und Investitionsbudget sein sollten. "Jetzt von diesem Geld zu leben, tut richtig weh."

Sport für Zuhause: "Zehn Minuten pro Tag reichen aus"

  • dreimal jeweils 15 Kniebeugen mit nach hinten gerecktem Po bis Ober- und Unterschenkel einen rechten Winkel bilden
  • dreimal jeweils 15 Kniebeugen, linkes und rechtes Bein wechselnd, im Ausfallschritt mit geradem Rücken bis das untere Knie knapp den Boden berührt
  • Trockenschwimmen bäuchlings auf dem Boden für zweimal jeweils 20 Sekunden
  • Liegestütze zweimal so viele wie möglich
  • Kurzes Rumpfheben zweimal so viele wie möglich

Neben den seelischen drohen auch körperliche Schmerzen - all denen, die nun lange kein professionelles Training erhalten. Um im Lockdown nicht dick, unbeweglich und krank zu werden, rät Carsten ihnen: "Ernährung ist das A und O und noch wichtiger als Bewegung." Wer neben gesundem und maßvollem Essen regelmäßig längere Spaziergänge im flotten Schritt und zu Hause Übungen absolviert, baut nicht ganz so schnell ab. "Ich empfehle aber nur Übungen, die man gut beherrscht und bei denen man sich nicht verletzt." Schließlich fehlt der Trainer, der korrigierend eingreift.

"Ich selbst muss mich im Moment extrem überwinden, um zu trainieren", gibt Carsten zu. Normalerweise treibt er sechs bis sieben Stunden Sport pro Wochentag. Corona und seine Folgen greifen nicht nur wirtschaftlich und physisch an, sondern auch psychisch. "Wenn ich wüsste, dass es in zwei, drei Wochen wieder losgeht und wir die Kurse öffnen können, käme auch meine Energie zurück", sagt er. Kraft, die er braucht für den Sport seines Lebens.

Weiterführende Artikel

Corona und Fitnessstudios: Hilft alles nichts?

Corona und Fitnessstudios: Hilft alles nichts?

Viele Betreiber in Dresden haben in ein Hygienekonzept investiert, und nun sind die Studios geschlossen. Wie sie durch die Krise kommen wollen.

Was vom Dresdner Sport jetzt übrig bleibt

Was vom Dresdner Sport jetzt übrig bleibt

Die Sportszene sorgte mit etablierten und beliebten Events auch am Jahresende für Höhepunkte. Viele fallen nun weg. Doch es bleiben zwei Hoffnungen.

Wie es den Fitnessstudios wirklich geht

Wie es den Fitnessstudios wirklich geht

Kein Training, keine Besucher und damit keine Umsätze? Ganz so schlimm ist es nicht mehr – doch die Lage trügerisch.

Nachrichten und Hintergründe zum Coronavirus bekommen Sie von uns auch per E-Mail. Hier können Sie sich für unseren Newsletter zum Coronavirus anmelden.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden