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So belastet Quarantäne Dresdens Schulen

70 Schulen in Dresden sind von Corona betroffen, 1.500 Schüler und Lehrer daheim. Wie der Schul-Alltag funktioniert und welche Sorgen Eltern haben.

Leere Klassen sind derzeit in vielen Dresdner Schulen keine Seltenheit: Teilweise lernt ein Großteil der Schüler wegen angeordneter Quarantäne zu Hause.
Leere Klassen sind derzeit in vielen Dresdner Schulen keine Seltenheit: Teilweise lernt ein Großteil der Schüler wegen angeordneter Quarantäne zu Hause. © Symbolbild: Sina Schuldt/dpa

Dresden. Die Schulen sind weiterhin offen und immer mehr Einrichtungen vermelden Corona-Fälle unter Schülern oder Lehrer. Dazu kommt die Aufgabe zu entscheiden, wer Kontakt zu einem Infizierten hatte und deshalb zu Hause arbeiten muss. Viele Eltern fragen sich: Hat die Stadt das noch unter Kontrolle? Sind die Schulen sicher oder steckt sich mein Kind dort womöglich an? Darüber machen sich auch die Dresdner Lehrer Gedanken.

An welchen Schulen gibt es Corona- und Quarantäne-Fälle?

Die Zahl der Dresdner Schulen, die von Corona-Infektionen betroffen sind, ändert sich fast täglich. In den vergangenen Tagen gab es Corona- und Quarantäne-Fälle im Schnitt an rund 70 Einrichtungen. Am Mittwoch sind es ebenfalls genau 70 Schulen, an denen gut 1.500 Schüler und Lehrer zu Hause bleiben müssen. Besonders stark betroffen ist die 145. Oberschule in der Gehestraße in Pieschen, an der mehr als 230 Lehrer und Schüler zu Hause arbeiten müssen oder krank sind.

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Fast alle Kinder müssen an der Grundschule Schönfeld daheim lernen, ihre Quarantäne gilt bis zum 1. Dezember. Von den rund 300 Schülern gehen nur noch etwa 50 zur Schule. "Nur noch die drei ersten Klassen sind teilweise da", berichtet eine Mutter. Sie fragt sich außerdem, warum für die Kinder keine Corona-Tests vorgesehen sind.

Wie gehen Schulen mit der Situation um?

Sechs infizierte und kranke Lehrer, dazu 13 Pädagogen in Quarantäne - das ist die verheerende Bilanz an der 145. Oberschule, an der normalerweise 29 Lehrer unterrichten. Dazu kommen 20 infizierte und erkrankte Schüler, berichtet Schulleiterin Anne Leitner. An ihrer Schule gibt es besonders viele Quarantäne-Fälle, insgesamt acht Klassen sind derzeit zu Hause. Das liege daran, so die Leiterin, dass sie konsequent alle möglichen Kontaktpersonen in Quarantäne geschickt habe, in Absprache mit dem Gesundheitsamt.

"Wir haben entschieden, nicht nur einzelne Gruppen nach Hause zu schicken, damit wir die Ausbreitung an unserer Schule wirklich eindämmen", erklärt Anne Leitner. Gemeinsam mit den Lehrern habe sie alle Kontaktklassen eines erkrankten Schülers ermittelt. Alle nachweislich Infizierten hätten auch wirklich Symptome, weshalb die Eltern mit ihren Kindern zum Arzt gegangen seien. Letztlich hätte die große Anzahl der Corona-Fälle gezeigt, dass das konsequente Vorgehen richtig war.

Das Homeschooling funktioniert vor allem bei den Schülern gut, die schon im Frühjahrslockdown mit der Lernplattform Lernsax gearbeitet haben. "Unsere neuen Fünftklässler müssen wir dabei noch an die Hand nehmen", sagt Anne Leitner, aber sowohl Lehrer, Eltern als auch eine Unterstützerin aus dem Programm Teach First würden das gut meistern. "Wir haben viel gelernt in dieser Zeit", sagt Leitner mit Blick auf die Abläufe sowohl bei den Quarantäne-Fällen als auch bei der Heim-Lernzeit.

Zudem werden jetzt die ersten Laptops ausgegeben, die der Freistaat den sächsischen Schulen zur Verfügung stellt. Von den 100 Geräten, die die 145. Oberschule bekommen hat, gehen zunächst 15 Laptops in Familien, die diese Technik nicht zu Hause haben.

Was Anne Leitner noch verbessern will: Die wöchentlichen Corona-Tests, auf die Lehrer Anspruch haben, sollen direkt an ihrer Schule gemacht werden können. Dafür ist sie mit zwei Laboren in Kontakt, die die Tests auswerten sollen. Bislang müssen sich darum die jeweiligen Hausärzte kümmern. "Viele Lehrer haben Angst sich anzustecken. Es ist meine Aufgabe dafür zu sorgen, dass sie sicher arbeiten können."

Was fordern Schulleiter und Lehrer?

Etliche Schulleiter wollen sich nicht dazu äußern, wie der Betrieb an ihren Einrichtungen trotz Quarantäne-Fällen funktioniert, darunter die 121. Grundschule in Prohlis und das Kreuzgymnasium in Striesen. An beiden Einrichtungen sind derzeit laut Stadt 60 bis 70 Kinder in Quarantäne. Stattdessen wird auf das Landesamt für Schule und Bildung verwiesen. Das wiederum beruft sich darauf, dass die Schulleiter selbst entscheiden, wie sie den Schulalltag regeln.

Noch gibt es die Vorgabe, dass die Schüler - dort, wo es möglich ist - im Präsenzunterricht vor Ort lernen. Für geteilte Klassen, die parallel in verschiedenen Räumen unterrichtet werden, fehle das Lehrerpersonal, so das Kultusministerium.

An der 128. Oberschule in Strehlen waren bis Dienstag vier Klassen in Quarantäne, dazu fünf Lehrer. Am Mittwoch kehre man zurück zur Normalität, sagt Schulleiter Thomas Lorenz, "aber derzeit weiß man nie, was einen am nächsten Morgen erwartet".

Lorenz wünscht sich klare Regeln von der Politik, die Schulen seien vorbereitet auf alles. Aufgeteilte Klassen und Hybridunterricht könne er sich an seiner Schule gut vorstellen, damit wieder mehr Struktur in den Unterrichtsalltag kommt. Seinen Kollegen sei es wichtig, die Schüler regelmäßig zu sehen, anstatt sie gleich für eine ganze Woche in den Online-Unterricht zu stecken. "Die Kollegen sind auch bereit, deswegen Mehraufwand zu leisten."

Mehr Klarheit würden auch häufigere Tests unter den Schülern bringen. "Wenn wir uns leisten können, Fußballer regelmäßig zu testen, dann sollte das auch für die Schüler gelten", sagt Lorenz.

Sorgen bereitet ihm immer wieder die Informationsweiterleitung des Gesundheitsamtes. Gerade an seiner Schule gibt es viele Migranten, deren Eltern mit dem Juristendeutsch der Quarantänebescheide überfordert seien und deswegen zu ihm in die Schule kämen. "Momentan machen wir hauptsächlich noch Verwaltung", sagt Lorenz.

Wie und ob der Unterricht vor Ort in den Schulen weitergehen soll, ist umstritten. Nicht nur in der Politik, auch unter den Pädagogen selbst gibt es dazu unterschiedliche Meinungen. Eine Umfrage des sächsischen Lehrerverbandes unter 2.300 sächsischen Pädagogen hatte zuletzt ergeben, dass sich ein Großteil der Lehrer dafür ausspricht, je nach Infektionsgeschehen im Einzugsgebiet zu entschieden, ob die Schulen im Regelbetrieb laufen oder Unterricht nur noch eingeschränkt mit geteilten Klassen oder Gruppen möglich ist.

Nach einer Umfrage der Bildungsgewerkschaft GEW halten es indes 86 Prozent der Lehrer für den richtigen Weg, zu kleineren Gruppen überzugehen. Mehr als zwei Drittel sprachen sich für gestaffelten Unterricht aus.

Warum werden nicht mehr Kinder in Quarantäne auf das Virus getestet?

Wie die Mutter aus Schönfeld fragen sich auch viele andere Eltern, warum die Kinder in Quarantäne - die ja womöglich mit einem infizierten Mitschüler Kontakt hatten - keinen Test machen können. Auch ein Fall an einem Dresdner Gymnasium zeigt, wie die Behörden derzeit vorgehen. Der Vater einer Fünftklässlerin sei positiv getestet worden, dem Mädchen selbst wurde ein Test verweigert, es musste nur in Quarantäne, weil es keine Symptome hatte. Informiert worden sei darüber niemand in der Klasse, schildert die Mutter einer anderen Schülerin den Fall.

Dennoch sei die Befürchtung groß gewesen, dass sich ihre Banknachbarin schon angesteckt haben könnte, die sich weiterhin völlig frei in der Klasse bewegte, weil auch sie keine Symptome hatte.

Tatsächlich sieht so die aktuelle Regelung aus, die sich an den Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes orientiert: Wer direkten Kontakt zur infizierten Person hatte, muss in Quarantäne gehen, getestet wird nur bei Symptomen. Alle anderen, die sogenannten Zweitkontakte, dürfen weiterhin zur Schule gehen. Oder zur Arbeit - auch das schilderten Eltern eines Kindes, das zwar in Quarantäne geschickt wurde, aber symptomfrei war.

Meistgelesen zum Coronavirus:

Dabei hat nun erneut eine Studie gezeigt, dass Schulen nicht zu den Hotspots zählen. Am Montag wurden Ergebnisse der zweiten Testphase der Studie der Medizinischen Fakultät der TU Dresden und des Dresdner Universitätsklinikums zur Verbreitung des Coronavirus an sächsischen Schulen veröffentlicht. Demnach sind Schulen in der Pandemie weder Quellen noch Ausbreitungsorte.

Die Leipziger Universität hatte ebenfalls die Häufigkeit von Corona-Infektionen an sächsischen Schulen untersucht. Auch dort ergaben die Untersuchungen, dass Schulen bei der Verbreitung des Virus keine wesentliche Rolle spielen.

Warum ist die Übersichtskarte der Stadt nicht aktuell?

Um Eltern einen Überblick über die Schulen und Kitas zu geben, an denen sich Kinder und Jugendliche in Quarantäne befinden, gibt es ein sogenanntes Dashboard auf der Homepage der Stadt, das die einzelnen Einrichtungen auf der Dresden-Karte zeigt und darüber informiert, wie viele Personen in welchem Zeitraum daheim bleiben müssen.

Allerdings ist diese Übersicht nicht immer tagesaktuell, mitunter sind Schulen und Kitas dort noch nicht zu finden, obwohl die betroffenen Familien längst über die Quarantäne ihres Kindes informiert sind. Das hat einen guten Grund: "Die Datengrundlage für die Excel-Liste wird händisch von den Bearbeitern gepflegt", teilt das Dresdner Gesundheitsamt auf SZ-Anfrage mit. Deshalb sei es auch nicht ausgeschlossen, dass Fehler auftauchen. "Wir sind aber stets bemüht, diese zu korrigieren."

Das Dashboard wird derzeit drei Mal pro Tag aktualisiert, sodass es innerhalb eines Tages mehrfach zu Veränderungen kommen kann. "Wenn auf dem Dashboard der Status 'In Ermittlung' angezeigt wird, dann wissen die Eltern eines positiv getesteten Schülers bereits, dass es so ist und können demnach auch nicht unwissentlich ihr 'infiziertes' Kind in die Schule schicken", erklärt das Gesundheitsamt weiter. In der Regel würden die Betroffenen noch vor dem Gesundheitsamt von dem Testergebnis erfahren.

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