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Warum Heilpraktiker beim Corona-Protest mitmachen

Anousch Mueller zählt zu den schärfsten Kritikern der Heilpraktiker - auch und gerade in der Corona-Krise. Warum, sagt sie hier im Interview.

Anousch Mueller kritisiert Heilpraktiker scharf. Foto: Marlen Mueller
Anousch Mueller kritisiert Heilpraktiker scharf. Foto: Marlen Mueller © Marlen Mueller

Auf Anousch Mueller trifft man schnell bei der Suche im Internet, wenn es um  Heilpraktiker geht. Vor vier Jahren veröffentlichte die gebürtige Erfurterin, die heute in Berlin lebt ihr Buch "Unheilpraktiker - wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen". Wir baten sie zum Interview, nachdem zuletzt eine Heilpraktikerin in der SZ und auf sächsische.de Corona verharmloste.

Frau Mueller, warum sind Heilpraktiker bei den Corona-Protesten vorneweg dabei?

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Heilpraktiker befinden sich immer in Fundamentalopposition zur Wissenschaftsmedizin. Insofern kam Corona sehr gelegen, damit sie ihr ganzes Programm abspielen können: Impfkritik, Verharmlosung des Virus, Zweifel an der so genannten Schulmedizin und deren Repräsentanten wie das Robert-Koch-Institut oder die Impfkommission, Infragestellung von Erkenntnissen der Medizin. 

Sie leugnen dabei häufig nicht komplett das Virus, aber dessen Folgen. Insofern überrascht mich das nicht, dass die Heilpraktiker in manchen Regionen an der Spitze der Leugner und Protestler stehen. Was wir sehen sind altbekannte Muster, die sie bereits seit Jahren zur Schau stellen.

Kritik an Corona ist möglich und legitim

Ist denn Kritik an Corona prinzipiell fragwürdig?

Nein. Es ist ganz wichtig, dass wir unterscheiden zwischen der legitimen Kritik, wie sie ja auch viele Ärzte und Epidemologen an den Corona-Auflagen äußern, und eben den nicht wissenschaftlich fundierten Ansichten beispielsweise von Heilpraktikern oder anderen. Ich versuche beispielsweise selbst, unterschiedliche Stimmen wahrzunehmen. 

Aber ich überprüfe dann auch, ob diese Ansichten auf Basis wissenschaftlich fundierter Fakten geäußert werden oder nicht. Denn klar ist: Das Virus ist da, es verschwindet nicht einfach so und wir alle müssen uns verantwortungsbewusst verhalten. Dazu zählt aber auch jetzt nicht über die steigenden Infektionszahlen überrascht zu sein. Corona ist eine Erkrankung der Atemwege, und Herbst und Winter sind dafür Hochzeiten.

Sie haben vor vier Jahren mit Ihrem Buch eine Streitschrift gegen Heilpraktiker geschrieben. Ist es da nicht zu erwarten, dass Sie an den Vertretern dieses Berufes auch jetzt kein gutes Haar lassen?

Ich stehe mit meiner Meinung ja nicht allein. Auch mein Buch hat zu einer Debatte über das Heilpraktikerwesen beigetragen. So hat die Politik kosmetische Veränderungen am Prüfungssystem vorgenommen. 

Auch die Homöopathie wird endlich als Pseudomedizin gesehen, die die Naturgesetze in Frage stellt und ist in einigen Ländern aus dem Weiterbildungskatalog der Ärzte herausgenommen worden. Ärzteverbände fordern inzwischen die Abschaffung der Heilpraktiker, was sehr berechtigt ist. Aber insgesamt ist das noch zu wenig. 

"Es ist ein Irrsinn"

Was stört Sie an Heilpraktikern?

Heilpraktiker werden zwar gelegentlich als schrullig wahrgenommen, aber sie haben ein sehr positives Image. Sie selbst sehen sich durch die Gesetzeslage Ärzten gleichgestellt.   Anders als Ärzte aber müssen sie nicht ein Jahrzehnt studieren, sondern können sich auf die Prüfung in drei Monaten im Selbststudium vorbereiten, brauchen keine Praxis vor der Prüfung von innen sehen, müssen 45 von 60 Fragen richtig ankreuzen und eine mündliche Prüfung bestehen. Das ist alles. 

Dann dürfen sie Injektionen vornehmen, Gase wie Sauerstoff oder Ozon in alle menschlichen Körperöffnungen einleiten, es ist ihnen sogar gestattet Knochenbrüche, Krebs oder Blinddarmentzündungen zu behandeln. Das alles ohne eine Berufsaufsicht als Kontrolle.

Sie haben selbst mal eine Ausbildung als Heilpraktikerin begonnen und waren so davon abgestoßen, dass Sie sich dann zur Kritikerin der Heilpraktiker entwickelten.

Ja. Das beschreibe ich auch in meinem Buch. Ich unterstelle den Heilpraktikern zunächst einmal, dass sie von dem humanen Gedanken getragen sind, anderen helfen zu wollen. 

Aber die Medizin ist ein unfassbar komplexes System und erfordert eine langwierige Ausbildung, all das können Heilpraktiker nicht vorweisen. Das gibt es in keinem Beruf und wäre etwa so, dass sie ein Flugzeug allein fliegen dürfen, nur weil sie ein paar Stunden am Simulator gesessen haben. Das ist Irrsinn. 

Wenn das so ist, warum vertrauen viele dann den Heilpraktikern?

Heilpraktiker treten seriös auf, sind geschickt darin, ihre radikalen Positionen zu verdecken und wirken dadurch harmlos. Anders als beispielsweise die Anhänger der Querdenker-Bewegung, die die große Keule herausholen. 

So findet jeder, der eine psychische Entlastung von der täglichen Aufregung um die neuesten Corona-Zahlen benötigt, bei ihnen ein Angebot. Aber man darf sich davon nicht irritieren lassen, da ist sehr viel verschwörungstheoretisches Denken dabei. Da hat Bill Gates das Virus in Umlauf bringen lassen, um die Weltbevölkerung zwangsimpfen zu lassen. 

In unserem Interview, gab die Heilpraktikerin auch Unwissenheit vor, um jetzt die Corona-Gefahren herunterzuspielen.

Das trifft den Nerv vieler, die Unsicherheit ist ja enorm. Dieser Lockeffekt steht am Anfang. Das habe ich oft erlebt in den letzten Jahren. Dahinter aber wird von allen Impfungen abgeraten, wichtige Krebstherapien in Zweifel gezogen und geraten,  Blutdruckmedikamente abzusetzen. Das sagt man natürlich nicht in Interviews in Zeitungen oder im Fernsehen.

Verschwörungstheorien haben Boden bereitet

Nun sind Heilpraktiker nur ein Teil der Bewegung, die Corona kleinredet. 

Das haben wir zuletzt bei den Demonstrationen in Berlin gesehen, da kam alles zusammen vom Esoteriker bis zum Reichsbürger. Da war schön zu sehen, was es alles für Parallelgesellschaften in Deutschland gibt. Die Heilpraktiker sind tatsächlich nur eine Gruppe unter vielen, die die fundamentalsten Übereinkünfte in der Gesellschaft nicht anerkennen. 

Nicht jeder Heilpraktiker ist ein Verschwörungstheoretiker, aber es fällt leichter in so einer Zeit, Ängste auszunutzen. Den Boden dafür bereitet haben all die Verschwörungstheorien, die seit vielen Jahren im Umlauf sind, ganz unabhängig von Corona. Da hat sich gesellschaftlich etwas verändert.

Warum lässt man das bei den Heilpraktikern so laufen?

Das müssen Sie die Politik fragen. Es ist auch nicht so einfach, Beweise für Fehlbehandlungen zusammenzutragen. Viele Patienten empfinden eine gewisse Scham, dass sie Scharlatanen aufgesessen sind und ziehen sich zurück. 

Und Heilpraktiker sind natürlich eine große Gruppe, die in mehreren Berufsverbänden gut organisiert sind. Im süddeutschen Raum beispielsweise sind sie stark. Es gibt zwar keine offiziellen Zahlen über Heilpraktiker, aber bundesweit sollen es doppelt so viele wie Hausärzte sein.

Was würden Sie machen?

Heilpraktiker gehören verboten, so etwas gibt es in keinem anderen Land der Welt. Alle ihre Therapien stammen aus Zeiten, wo Menschen an einer Mandelentzündung  gestorben sind, wo mit Aderlass und Pflanzentinktur behandelt wurde. Das war eine Medizin, die aus der Not geboren wurde, weil man schlicht nichts Wirkungsvolleres hatte. 

Bakterien oder Viren unbekannt waren. Natürlich ist manche Kritik an der vermeintlichen Kälte der Wissenschaftsmedizin nicht ganz ungerechtfertigt, aber deswegen sind Heilpraktiker noch keine Alternative. Man sollte vielmehr darüber nachdenken, wie Ärzte mehr Zeit erhalten, um den Bedürfnissen der Patienten besser gerecht werden zu können und sie bei der Genesung stärker zu begleiten. 

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