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Covid-Patienten schnuppern Bienen-Luft

Imker Dirk Jäger bietet das Naturheilverfahren am Bienenhaus in Gombsen an. Nun wenden sich Menschen mit Long Covid an ihn. Hilft die Stockluft?

Susann Gröger aus Heidenau setzt nach einer Corona-Infektion auf die Kraft der Bienen.
Susann Gröger aus Heidenau setzt nach einer Corona-Infektion auf die Kraft der Bienen. © Daniel Schäfer

Mit Maske auf Nase und Mund sitzt Susann Gröger in einem kleinen Holzhaus am Ortsrand von Gombsen. Sie atmet ruhig, während sie in einem Magazin blättert. Etwa 30 Minuten dauert die Behandlung. Die junge Frau pumpt sich währenddessen Luft aus dem Bienenstock in die Lungen. Was sie einatmet, riecht leicht süßlich und unverkennbar nach Honig. Doch es geht gar nicht ums Aroma.

Es geht um die Inhalte der Stockluft und deren Wirkung. Sie enthält Stoffe, die antibakteriell wirken und vor allem Atemwegserkrankungen entweder besiegen helfen oder vorbeugen können. So zumindest beschrieben es die Anhänger der Stocklufttherapie.

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Bienen sammeln nicht nur Nektar

Auch Imker Dirk Jäger, der in Reinhardtsgrimma wohnt und unter anderem im Kreischaer Ortsteil Gombsen seine Völker stehen hat, ist von der Wirksamkeit der Stockluft überzeugt.

"Die Bienen tragen nicht nur Nektar in ihre Waben ein, sondern auch Wachs und Propolis", erklärt Jäger. Propolis ist ein Harz, welches die Insekten von Knospen abknabbern. Es wirkt antibakteriell, weshalb die Bienen ihre Waben damit auskleiden. So vermeiden die Tiere, dass sich Krankheitserreger ins Volk einschleichen.

"Im Bienenstock ist es warm und feucht, eigentlich die ideale Brutstätte für Viren und Bakterien. Aber der Propolis verhindert dies", erläutert Dirk Jäger. Schon vor vielen Jahrzehnten kamen Imker deshalb auf die Idee, die Stockluft zur Therapie bei Lungenkrankheiten einzusetzen.

Bienen tragen nicht nur Nektar in ihre Waben ein, sondern auch ein Harz namens Propolis. Es wirkt antibakteriell und verhindert das Eindringen von Keimen ins Volk.
Bienen tragen nicht nur Nektar in ihre Waben ein, sondern auch ein Harz namens Propolis. Es wirkt antibakteriell und verhindert das Eindringen von Keimen ins Volk. © Daniel Schäfer

Covid-19-Patienten suchen Hilfe

Dirk Jäger hat dafür ein Holzhaus, ähnlich einer Gartenlaube gebaut, in dem ein Teil seiner Völker lebt. Im Haus hat er einen Raum mit drei Sitzplätzen eingerichtet. Die Luft aus dem Stock wird über eine Anlage ganz sanft abgesaugt und mittels Schlauch zur Inhalationsmaske geleitet.

Bei Imker Jäger suchen Patienten Hilfe, die an chronischem Asthma, an der Lungenkrankheit COPD, an Heuschnupfen oder häufigen Nasennebenhöhlenentzündungen leiden. Viele haben schon lange Krankheitsgeschichten hinter sich.

Nun kommt noch eine Krankheit hinzu: Covid-19. Auch Susann Gröger erwischte es. "Ich arbeitete im Homeoffice, hatte nur zu meinen Kindern, meinem Mann und ganz wenigen Freundinnen Kontakt. Raus ging ich nur zum Einkaufen", berichtet sie. Trotzdem infizierte sie sich. Wo, weiß sie nicht.

Die Krankheit verlief bei Gröger eher mild. Sie hatte Schnupfen, einen trockenen Husten und den für Covid-19 typischen Verlust von Geschmack und Geruch. Es zog sich etwas hin, aber Anfang Januar konnte sie wieder arbeiten gehen. Doch so richtig fit ist sie bis heute nicht.

Hobbyimker Dirk Jäger mit einer Honigwabe in der Hand, hat an seinem Standort an der Baumschule Kreisel in Gombsen bei Kreischa mehrere Bienenvölker stehen. Diese bestäuben in einem Umkreis von bis zu drei Kilometern die Pflanzen und bringen den Nektar de
Hobbyimker Dirk Jäger mit einer Honigwabe in der Hand, hat an seinem Standort an der Baumschule Kreisel in Gombsen bei Kreischa mehrere Bienenvölker stehen. Diese bestäuben in einem Umkreis von bis zu drei Kilometern die Pflanzen und bringen den Nektar de © Daniel Schäfer

Ein halbes Jahr später immer noch nicht fit

"Ich schmecke oder rieche so gut wie nichts. Ich habe Schwierigkeiten, mich länger zu konzentrieren. Ich bin schnell außer Puste und überhaupt nicht belastbar. Eine Wanderung oder eine Radtour mit der Familie am Wochenende ist nicht drin", beschreibt Susann Gröger ihren körperlichen Zustand.

Von ihrer Ärztin bekam sie verschiedene Vitaminpräparate verschrieben, doch auch die Medizinerin weiß nicht so richtig weiter. Die Blutwerte von Gröger sind unauffällig, ihre Organe in Ordnung.

Die Stocklufttherapie ist nun ein Ansatz, der der 38-jährigen Heidenauerin etwas Hoffnung macht. Es gäbe erste positive Berichte von Imkern aus anderen Teilen Deutschlands, sagt Imker Jäger. Auch Susann Gröger hat das Gefühl, ihr geht es nach nunmehr zehn Sitzungen etwas besser. "Der Geruchssinn kommt langsam zurück", bestätigt sie.

TU Dresden macht Studie

Ein wissenschaftlicher Beweis ist das nicht. Das sagt auch Dirk Jäger. Eine andere Covid-19-Patientin, die bei ihm zur Therapie war, konnte bisher keine Verbesserungen hinsichtlich ihrer Long-Covid-Symptome feststellen. "Dafür ist aber ihre Lebensmittelallergie gegen Früchte weg", berichtet der Imker.

Genau das ist der große Schwachpunkt bei der Stocktherapie, der auch viele Kritiker auf den Plan ruft. Keiner weiß genau, was wirklich in der Luft liegt und wie sie wirkt.

Das möchte Dr. Karl Sperr herausfinden. Der Professor für Lebensmittelchemie an der Technischen Universität Dresden leitet derzeit eine Forschung am Gombsener Bienenstock. "Wir wollen die Zusammensetzung der Luft bestimmen und herausfinden, welche Faktoren Einfluss darauf haben." Außerdem möchte Speer genauer wissen, wie die einzelnen Komponenten der Bienenstockluft zusammenwirken.

Stockluft in einzelne Bestandteile zerlegen

Dafür kommt Karl Speer mit seinem kleinen Team in Abständen nach Gombsen, saugt die Luft aus dem Bienenstock und bringt sie auf ein Trägermaterial auf. Im Labor werden die Luftproben dann aufgetrennt und analysiert.

Die Forschung läuft noch, aber eines kann der Professor jetzt schon sagen: "Bestimmte Substanzen dominieren, zum Beispiel der Propolis." Auch ist die Zusammensetzung der Stockluft und demzufolge die Konzentration verschiedener Inhaltsstoffe unter anderem abhängig von der Jahreszeit, dem Blütenangebot und der Stärke der Völker.

Karl Speer schafft mit seiner Forschung erstmals eine solide Datengrundlage. Er weiß von keiner ähnlichen Studie. Wie die Stockluft letztendlich auf den menschlichen Körper wirkt, kann er aber nicht sagen. "Das müssen Mediziner beurteilen." Er gebe aber zu bedenken, dass die Luft direkt von der Lunge aufgenommen wird, barrierefrei sozusagen. "Da passiert schon etwas."

Am 24. Juli veranstaltet Dirk Jäger einen Tag der offenen Tür am Bienenhaus in Gombsen, Lockwitzer Straße 4 (neben Baumschule Kreiser). Geöffnet ist von 9 bis 13 Uhr.

www.bienenstocktherapie.de

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