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Darum reagiert jeder anders auf die Corona-Impfung

Einige haben nach der Corona-Impfung mit Symptomen zu kämpfen. Doch sind diejenigen, die nichts merken, schlechter geschützt? Das sagt ein Experte.

Warten auf Nachwirkungen: Unmittelbar nach der Impfung soll 15 Minuten im Impfzentrum gewartet werden, für mögliche Schwächeanfälle. Doch wirkt eine Impfung nur, wenn sie auch spürbar ist?
Warten auf Nachwirkungen: Unmittelbar nach der Impfung soll 15 Minuten im Impfzentrum gewartet werden, für mögliche Schwächeanfälle. Doch wirkt eine Impfung nur, wenn sie auch spürbar ist? © Christian Juppe

Corona macht Angst, die möglichen Reaktionen oder Komplikationen nach den Covid-Impfungen aber auch. So leiden nicht wenige nach der Spritze unter heftigen grippeähnlichen Symptomen. Manche sind sogar arbeitsunfähig. Andere wiederum spüren gar nichts. Keiner weiß vorher, wie er auf die Impfung reagiert. Deshalb sind immer noch viele Menschen unentschlossen, ob sie sich impfen lassen sollen. Warum es zu solchen Impfreaktionen kommt und ob man sie abmildern kann, wollte die SZ von Dr. Leif Erik Sander wissen. Er ist Infektiologe, Pneumologe und Impfstoffforscher an der Charité.

Wie kommt es, dass ein Teil der Geimpften nach der Spritze sehr heftig reagiert, andere wiederum gar nicht?

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Ein genaues Schema kennen wir noch nicht. Fakt ist, dass die Reaktionen auf eine Impfung sehr individuell sind. Genauso, wie manche Menschen bei einer Erkältung so krank sind, dass sie im Bett bleiben müssen, andere aber nur ein wenig Schnupfen haben.

  • Dr. Leif-Erik Sander ist 44 und leitet die Forschungsgruppe für Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Charité Berlin.

Der Impfstoff löst im Körper eine Entzündungsreaktion aus, ähnlich, wie das bei einer Virusinfektion der Fall ist. Das zeigt sich zum Beispiel durch Schüttelfrost, Fieber und Kopfschmerzen. Insgesamt haben Jüngere meist ein stärkeres Immunsystem als Ältere.

Aber würde das nicht auch bedeuten, dass Menschen mit einem starken Immunsystem eine Corona-Infektion dann auch besser überstehen, also vielleicht gar keine Impfung bräuchten?

Auf keinen Fall. Ein starkes Immunsystem erübrigt nicht die Impfung. Zwar ist es richtig, dass junge Menschen im Durchschnitt mit dem Virus besser klarkommen. Wir sehen aber jetzt vermehrt 20- und 30-Jährige auf Intensivstationen, die lebensbedrohlich erkrankt sind. Die Delta-Variante des Virus ist derartig ansteckend, dass das Risiko für Ungeimpfte einfach viel zu hoch ist.

Das Paul-Ehrlich-Institut listet gemeldete Reaktionen und Komplikationen nach der Corona-Impfung auf. Wenn junge Menschen an Herzmuskelentzündungen erkranken, es vereinzelt auch Todesfälle gibt, geht das nicht über eine normale Impfreaktion hinaus?

Das stimmt. Einzelne Komplikationen treten nach der Impfung häufiger auf, als im Vergleich zu Ungeimpften erwartet wird. Doch gerade Herzmuskelentzündungen kommen auch nach Virusinfektionen vor – bei Corona-Kranken sogar sechsmal häufiger als bei Geimpften. Meist heilen die Erkrankungen bei Geimpften aber problemlos wieder ab. Auch fehlgeleitete Immunreaktionen, bei denen der Körper eigene Strukturen angreift, kommen bei Infektionskrankheiten öfter vor als nach der Impfung. Es ist immer eine Frage der Abwägung, ob der Nutzen der Impfung die unerwünschten Reaktionen überwiegt. Das ist bei der Corona-Impfung klar zu bejahen. Zudem handelt es sich bei den Impfstoffen um die erste Generation mRNA-Impfstoff.

Heißt das, dass die Hersteller bemüht sind, solche Komplikationen oder Reaktionen zu minimieren?

Konkret müsste man das bei den Herstellern erfragen. Aber es liegt auf der Hand, dass Modifikationen erfolgen, die eine verbesserte Lagerbarkeit und Verträglichkeit zum Ziel haben.

Warum sind die Reaktionen bei der zweiten Impfung meist stärker als bei der ersten? Brauchen manche vielleicht nur eine Impfung?

Bei der hoch ansteckenden Delta-Variante reicht eine Impfung auf keinen Fall. Nach der ersten Impfung ist das Immunsystem praktisch scharf gestellt. Deshalb reagiert es bei der zweiten stärker, was auch notwendig ist, um einen sicheren Schutz vor dem Coronavirus aufzubauen.

Sind Menschen, die keinerlei Impfreaktionen haben, schlechter geschützt?

Nein, das ist sicher nicht so. Ich selbst habe nach beiden Impfungen kaum etwas gespürt. Da ich mich forschungsmäßig mit dem Thema befasse, habe ich meinen Impfschutz überprüft. Und der war sehr gut. Es braucht also keine heftigen Reaktionen, um eine gute Immunität aufzubauen.

Menschen, die stark auf die Impfung reagiert haben, fürchten eine eventuelle dritte Impfung. Gibt es einen Test, mit dem man herausfinden kann, ob diese überhaupt erforderlich ist?

Es gibt leider noch keinen gebräuchlichen Test, der verlässlich Auskunft über die Stärke des Impfschutzes gibt. Man kann zwar einen Antikörpertest beim Arzt machen lassen, aber dieser besagt nur, ob Antikörper da sind oder nicht. Wir haben aber keine Grenzwerte, wie hoch der Antikörpermesswert sein muss, um von einem ausreichenden Impfschutz zu sprechen.

Und welchen Test haben Sie gemacht?

Da wir auf dem Gebiet wissenschaftlich arbeiten, haben wir die Möglichkeit, Messergebnisse mit Studien zu vergleichen und einzuordnen. Dazu sind aber sehr aufwendige Untersuchungen in Speziallabors nötig, nichts, was ein Hausarzt routinemäßig machen kann. Aber hier wird es sicher bald geeignete Testmethoden geben.

Das Virus verändert sich doch ständig. Brauchen wir bald, wie bei der Grippe, eine jährliche Impfung?

Nein. Die dritte Impfung wird ja auch noch nicht für jeden empfohlen. Bislang sehen wir die Notwendigkeit nur bei Risikogruppen, zum Beispiel alten Menschen, oder Menschen, die in Pflegeeinrichtungen leben und ein hohes Ansteckungsrisiko haben. Wenn sich das Virus stark verändert, wird vielleicht eine dritte Impfung für weitere Personen, vielleicht auch eine vierte Impfung nötig. Aber eine jährliche Corona-Impfung wird nicht erforderlich sein.

Gibt es eine Möglichkeit, heftigen Impfreaktionen vorzubeugen? Ernährung und Stress sollen ja eine Rolle spielen.

Über die Rolle der Ernährung, also ob bestimmte Lebensmittel eine Reaktion verstärken oder abmildern, gibt es keine guten Studien. Auch zur Bedeutung des Stresslevels nicht. Am ehestern kann man vorbeugend Ibuprofen oder Paracetamol einnehmen. Damit lassen sich zumindest Fieber und Schmerzen gut abmildern. Aber man darf nicht vergessen, auch solche Schmerzmittel können Nebenwirkungen haben.

Sollte man Impfreaktionen an das Paul-Ehrlich-Institut melden?

Dazu gibt es zum Beispiel die Möglichkeit über eine Smartphone-App – die SafeVac 2.0-App –, die sich jeder herunterladen kann. Das Institut führt damit Erhebungen zur Verträglichkeit des Impfstoffes durch. Impfkomplikationen kann der Hausarzt melden. Eine Meldepflicht für Impfreaktionen gibt es nicht, wohl aber für die Komplikationen. Und hier schätze ich die Meldedisziplin der Ärzte auch als gut ein.

Das Gespräch führte Stephanie Wesely.

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Das Paul-Ehrlich-Institut hat rund 130.000 Krankheitsfälle nach Corona-Impfungen ausgewertet. Auch für Kinder und Jugendliche gibt es Daten.

  • Das Paul-Ehrlich-Institut hat die Smartphone-App SafeVac 2.0 entwickelt, mit der Geimpfte digital Auskunft darüber geben können, wie sie die Impfung vertragen haben. Teilnehmer werden intensiv drei bis vier Wochen nach der Covid-19-Impfung nach Beschwerden befragt.
  • Weitere Befragungen erfolgen sechs und zwölf Monate nach der letzten Impfung. Gegenstand der Befragung ist es aber auch, ob die Impfung vor einer Infektion oder erkrankung an Corona geschützt hat.
  • Ein Erklärvideo und den QR-Code finden Interessierte hier.

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