merken
PLUS Dresden

Das Dresdner Corona-Orchester

Aus Lockdown-Musik am offenen Fenster hat sich in Briesnitz ein einzigartiges Projekt entwickelt. Das will einen längeren Atem haben als das Virus.

Jeden Sonntagabend musizieren Christof Liskamm und seine neunjährige Tochter
Leonie gemeinsam mit zahlreichen Nachbarn in Dresden-Briesnitz.
Jeden Sonntagabend musizieren Christof Liskamm und seine neunjährige Tochter Leonie gemeinsam mit zahlreichen Nachbarn in Dresden-Briesnitz. © René Meinig

Dresden. Alles begann mit der „Ode an die Freude“. Eine Anwohnerin der Hammeraue in Dresden-Briesnitz hatte im ersten Lockdown im vergangenen März von der Aktion „Musik am Fenster“ erfahren und daraufhin kurzerhand Noten in der Nachbarschaft verteilt.

An einem Sonntagabend begannen einige musikalische Mitmenschen, von ihren Fenstern aus auf ihren Instrumenten die Melodie zu spielen und fanden Gefallen daran. So weit, so nett, so oft gehört in den vergangenen Monaten.

Anzeige
Wissen schlägt Krise
Wissen schlägt Krise

Unternehmen in Krisenzeiten erfolgreich managen, Risiken erkennen, notfalls klug umstrukturieren und sanieren: Kurse der Ellipsis GmbH zeigen, wie.

In Briesnitz sollte es aber nicht bei dieser einmaligen Symbolik bleiben. „Von da an gab es jede Woche neue Noten und wir spielten immer sonntags 18 Uhr unser Konzert“, erinnert sich Christof Liskamm, der seit 13 Jahren hier wohnt und große Stücke auf seine Nachbarschaft hält. „Vor allem die älteren Leute waren begeistert und dankbar.“

Als dann im Frühling die Regelungen gelockert wurden, habe man begonnen, sich zum gemeinsamen Musizieren auf der Straße zu verabreden. „Es kamen noch mehr Musiker dazu, auch aus benachbarten Straßenzügen, sodass wir inzwischen zu einem kleinen Orchester anwuchsen“, sagt der 41-Jährige. Auch das Repertoire sei erweitert worden. „Die Zuhörer wünschten sich bekannte Lieder zum Mitsingen und unser Anspruch stieg weiter, sodass wir auch Noten kauften.“

Da die Stücke irgendwann nicht mehr ohne Proben zu spielen waren, trafen sich die Musiker gelegentlich im Garten. Als eine Sommerpause einberufen wurde, war die Enttäuschung der Zuhörer groß. „Viele hatten sich an das sonntägliche Ritual gewöhnt und wollten es nicht mehr missen“, so Liskamm. Bei der musikalisch umrahmten Einweihung der Treppen im Zschonergrundbad bekam die Gruppe erstmals einen griffigen Namen verpasst: das Corona-Orchester von Briesnitz.

Auch Thomas Hohaus und seine Tochter Mathilda sind bei den Briesnitzer Corona-Konzerten auf dem Balkon dabei.
Auch Thomas Hohaus und seine Tochter Mathilda sind bei den Briesnitzer Corona-Konzerten auf dem Balkon dabei. © privat

Unter den Musikern sind Anfänger, Autodidakten und pensionierte Profimusiker. Sie spielen Trompete, Horn, Tuba, Klarinette, Saxofon, Blockflöte, Gitarre und Kontrabass. Gelegentlich wird auch gesungen. „Auch wenn der Spaß im Vordergrund steht, kann sich das musikalische Niveau mittlerweile sehen lassen“, sagt Liskamm, der selbst Horn im Dresdner Universitätsorchester spielt. Seine neunjährige Tochter begann im Frühjahr mit dem Blockflötenunterricht, und wirkt inzwischen schon selbst mit.

Vor dieser besonderen Zeit sei Liskamm gar nicht bewusst gewesen, wie viele Anwohner Musik machen. „Wir haben uns dadurch besser oder überhaupt erst kennengelernt.“

Seit dem Herbst gab es wieder regelmäßige Konzerte auf der Kreuzung Hammeraue/Max-Sachs-Straße. Immer mehr Menschen kamen, brachten Glühwein mit und blieben danach noch auf einen Plausch mit den Nachbarn.

Als sich die Corona-Lage zuspitzte, musste allerdings ein neuer Plan her. „Wir entschieden uns, dass vorerst jeder von seinem Grundstück aus spielen sollte“, sagt Liskamm. „Das ging natürlich nicht mehr gemeinsam, sondern nur nacheinander.“ Der genaue Ablauf wurde per Mail abgesprochen.

Zuletzt standen vor allem Weihnachts- und Winterlieder auf dem Programm. Sonderkonzerte gab es Heiligabend und zu Silvester. Eine Auflösung des Corona-Orchesters ist vorerst nicht in Sicht. „Wir wollen mehr Ausdauer als das Virus haben und einfach weitermachen.“

Schon jetzt würden alle Beteiligten dem Moment entgegenfiebern, wenn sie wieder gemeinsam auf der Straße musizieren können.

Nachrichten und Hintergründe zum Coronavirus bekommen Sie von uns auch per E-Mail. Hier können Sie sich für unseren Newsletter zum Coronavirus anmelden.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden