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Das Impfen ist keine Privatsache

Kreative Angebote für Impfmuffel sind gut und schön. Aber wenn deren Erfolg ausbleibt, sollten Geimpfte nicht die Folgen tragen müssen, meint Karin Schlottmann.

Je weniger sich impfen lassen, desto größer das Risiko von Einschränkungen, Schließungen und Verboten, die auch die Ungeimpften treffen können.
Je weniger sich impfen lassen, desto größer das Risiko von Einschränkungen, Schließungen und Verboten, die auch die Ungeimpften treffen können. © dpa

Manchmal genügt eine kleine Geste. Ein Einkaufszentrum in Chemnitz hat Zehn-Euro-Gutscheine an Impfwillige verschenkt. Dieses Angebot habe ihn überzeugt, sagte ein junger Mann. Wer weiß, ob er ohne diese kleine Zugabe den Weg zur Impfspritze jemals auf sich genommen hätte. Wenn es so einfach ist, die Zögerlichen und die Trägen zum Impfen zu bewegen, dann bitte mehr davon. Für Supermärkte, die besser als andere durch den Lockdown gekommen sind, wären solche Aktionen eine gute Gelegenheit, sich bei den Kunden zu bedanken.

Was aber tun, wenn das alles nicht hilft? Die Frage, ob Impfen gegen das Coronavirus Pflicht werden sollte, wird zu Recht rege diskutiert. Es gibt inzwischen genug Dosen, aber zu wenig Oberarme. Die Einführung einer Impfpflicht wenigstens für die Mitarbeiter in Pflege- und Erzieherberufen drängt sich geradezu auf.

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Die Impfbusse fahren auf Dorffeste und in große Wohngebiete, zu Sportvereinen und Gottesdiensten. Es gibt Aufklärungsmaterial in Hülle und Fülle. Trotzdem könnte die Impfkampagne ihr Ziel verfehlen. Stand jetzt sind rund 45 Prozent aller Sachsen vollständig gegen das Virus geimpft. 80 bis 85 Prozent müssen es sein, damit die Bevölkerung als Ganzes geschützt ist. Wenn kein Wunder geschieht, ist dies bis zum Herbst nicht mehr zu schaffen.

Nicht nur Schutz des Einzelnen

Noch vor drei Monaten schien es unvorstellbar, dass in den Impfzentren Tausende freie Termine zur Verfügung stehen, die kaum nachgefragt werden. Während die über 80-Jährigen vor dem Online-Buchungsportal schier verzweifelten, können die Jungen inzwischen zum Impfen kommen, wann sie wollen. Freie Impfstoffwahl gibt es obendrein. Was also, so möchte man den Ungeimpften entnervt zurufen, braucht Ihr eigentlich noch, um in die Gänge zu kommen?

Wer auf Eigenverantwortung pocht, hat Recht. Der Staat soll sich in das Leben der Bürger möglichst wenig einmischen. Ob jemand gesund lebt oder darauf pfeift, ist eine persönliche Angelegenheit. Die Corona-Impfungen schützen aber nicht nur den Einzelnen. Jede Spritze hilft auch denen, die diese Möglichkeit nicht bekommen, zum Beispiel Kindern unter zwölf Jahren.

Je weniger sich impfen lassen, desto größer das Risiko von Einschränkungen, Schließungen und Verboten, die auch die Ungeimpften treffen können. Deren wirtschaftliche Folgen sind gewaltig. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung schätzt den Schaden, den die Pandemie in Deutschland bis zum März angerichtet hat, auf 390 Milliarden Euro. Aber es geht natürlich nicht nur ums Geld. Eltern und Kinder verspüren wenig Lust auf Schulschließung, Fernunterricht und Isolation. Noch ein verlorenes Schuljahr ist wirklich keine Option.

Brisantes Thema: Impfpflicht

Wer meint, Impfen sei Privatsache, wird die Frage beantworten müssen, wie die nächste Corona-Welle verhindert werden soll. Die Bundesnotbremse kann es ja wohl nicht sein. Doch schon gelten in einigen Regionen wieder Beschränkungen bei Festen und Privatfeiern. Will es die Regierung dem geimpften Teil der Bevölkerung wirklich zumuten, wieder zu Hause bleiben zu müssen, weil sie es nicht schafft, die Menschen von den Vorteilen des Impfens zu überzeugen?

In den Hochzeiten der Corona-Pandemie mussten Gastronomen, Künstler, kleine Händler und Kurzarbeiter Opfer bringen im Interesse der Allgemeinheit. Die Regierung hat sie vertröstet. Wenn erst einmal genügend Impfstoff vorhanden sei, kehre das normale Leben zurück, versprach sie ein ums andere Mal. Nun ist es so weit. Wenn das Impfen der einzige Ausweg ist, dann muss er bitteschön konsequent gegangen werden. Doch die Bundesregierung wagt sich nicht an das brisante Thema „Impfpflicht“ heran – nicht einmal für die Beschäftigten im Gesundheitswesen, in der Pflege und in Schulen. Sie nimmt es hin, dass ungeimpftes Personal hochbetagte Senioren versorgt und immer wieder Erzieherinnen das Virus in die Kitas tragen. Das wird nicht lange gut gehen.

Vielleicht lassen sich diejenigen noch überzeugen, denen nur der letzte Anstoß gefehlt hat. Die Frage ist nur, wie viele noch ansteckendere Mutationen das Virus zu bieten hat, bis die Bitten und Appelle endlich erhört worden sind. Eines sollte klar sein: Schnelltests sind keine Alternative mehr. Sie waren eine Lösung für die Zeit bis zur Impfstoffproduktion. Die Zweifachimpfung können sie nicht ersetzen. Deshalb muss es künftig heißen, testen ist nicht wie impfen. Um die Ansteckungsgefahr wirksam zu verringern, darf nur noch der Impfausweis Zugang gewähren zu Innenräumen von Geschäften, Dienstleistungen, Gastronomie, Freizeit- und Kulturstätten, Bildungs- und Pflegeeinrichtungen. Länder wie Frankreich zeigen, wie das funktioniert.

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