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Das ist das Paar hinter dem Corona-Impfstoff

Die Einwandererkinder Uğur Şahin und Özlem Türeci gründeten Biontech. Was ihre Lebensgeschichte mit der Entwicklung des Impfstoffs zu tun hat.

Mit vier Jahren kommt Ugur Sahin aus der Türkei nach Köln. Als Mediziner gründet der Einwanderersohn mit seiner Frau Özlem Türeci schon 2001 sein erstes Biotech-Unternehmen.
Mit vier Jahren kommt Ugur Sahin aus der Türkei nach Köln. Als Mediziner gründet der Einwanderersohn mit seiner Frau Özlem Türeci schon 2001 sein erstes Biotech-Unternehmen. © Biontech/dpa

Von Sidney Gennies 

Der Mann, auf den sich neuerdings die Hoffnungen der ganzen Welt richten, arbeitet an der Goldgrube. An der Goldgrube 12, um genau zu sein, 55131 Mainz. An dieser Anschrift hat Biontech seinen Sitz. Ugur Sahin bekommt an einem Freitagabend Ende Januar 2020 eine E–Mail. Eine Studie, steht da drin, weise darauf hin, dass das gerade in China entdeckte sogenannte neue Coronavirus deutlich ansteckender sei als bisher angenommen.

Während die meisten Menschen vom Coronavirus, von der Wucht, mit der es das Leben aller verändern würde, noch nichts ahnen, ruft Unternehmenschef Sahin am folgenden Montag an der Goldgrube seinen Vorstand zusammen und verkündet, Biontech, das bisher an Krebstherapien forschte, werde ab sofort nach einem Covid-19-Impfstoff suchen, die ersten Tests am Menschen möglichst bereits im April. Die Mitarbeiter, so erzählte es Sahin dem „Wallstreet Journal“, waren dagegen. Viele in Gedanken bereits im Skiurlaub. Sahin bestand darauf.

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Plötzlich lastet die Hoffnung der Welt auf ihnen

Zehn Monate später kann das Unternehmen eine Sensation verkünden: Der von Biontech und Pfizer entwickelte Impfstoffkandidat BNT162b2 schützt mehr als 90 Prozent der Geimpften wirksam vor Covid-19. Das zumindest ergab die Analyse einer Studie mit fast 39.000 Teilnehmern. Und auf dem sturen Mann aus Mainz lastet plötzlich die Hoffnung der Welt.

Es ist ein Erfolg, der sich mindestens ebenso viel Sahins Ehefrau Özlem Türeci verdankt. Und der seinen Ursprung, wenn man so will, in der Türkei hat.

Mitarbeiter des Biotechnologie-Unternehmens Biontech beraten sich im Labor.
Mitarbeiter des Biotechnologie-Unternehmens Biontech beraten sich im Labor. © Stefan Albrecht/Biontech

Sahin wurde dort 1965 geboren, als er vier Jahre alt war, zog er mit seinem Vater nach Deutschland, der dort als Gastarbeiter bei Ford arbeitete. Özlem Türecis Vater war Arzt in Istanbul, bevor er in einem kleinen Krankenhaus im Landkreis Cloppenburg anfing. Die Besuche in der Klinik, so berichtete es Türeci später dem Portal „Heise“, hätten sie tief beeindruckt. Und Sahin erinnert sich, er habe schon als Jugendlicher den Plan gefasst, die Welt zu verändern. Zumindest nennt er niemand geringeren als die Forschergröße Paul Ehrlich als sein Vorbild.

Der nun in greifbare Nähe gerückte Erfolg ist Ergebnis der Teamarbeit eines besonderen Ehepaares. Sie lernten sich auf einer Krebsstation kennen.

Beide studierten Medizin, Sahin in Köln, sein praktisches Jahr verbringt er am Klinikum Homburg an der Saar. Dort trifft er Ende der 90er auf Özlem Türeci. Was beide antreibt, ist, wie sie sagen, dass sie ihren Krebspatienten nicht ausreichend helfen konnten. Chemotherapie, Operation, Bestrahlung – mehr stand nicht zur Verfügung.

Das Paar wechselte an die Uniklinik Mainz, um ein Forschungslabor aufzubauen. Die Idee: Irgendwie musste es möglich sein, das Immunsystem dazu zu bringen, selbst die Krebszellen anzugreifen.

„Das Konzept erschien der Industrie zu gewagt“, erzählte Türeci später in einem Interview mit „Heise“. „Also gründeten wir einfach unser eigenes Unternehmen.“ Rückblickend war es der Beginn einer beispiellosen Forscherkarriere.

Er denkt nicht daran, Biontech zu verkaufen

Ihre erste Firma, Ganymed, verkauften sie 2016 für 1,4 Milliarden Euro. Biontech könnte nun noch erfolgreicher werden. Das Vermögen des Paares ist innerhalb eines Jahres laut „Business Insider“ von 650 Millionen auf 2,4 Milliarden Euro gestiegen. Und Ugur Sahin ist plötzlich einer der reichsten 100 Deutschen.

Der Erfolg basiert auf der 25-jährigen Erfahrung mit sogenannter mRNA, die das Paar auch zur Bekämpfung von Krebszellen erforscht hatte. Nun erweist es sich als nützlich für die Impfstoffentwicklung. Und vor allem schneller

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Dass es nun wirklich klappen könnte, liegt an einer weiteren Partnerschaft. Für die Entwicklung des Impfstoffs arbeitet Biontech mit Pfizer zusammen. Den Deal mit dem 170 Jahre alten Pharmagiganten einzutüten, dauerte nur drei Tage. „Es gibt keinen Platz für Egos“, sagte Sahin dem „Wallstreet Journal“.

Allerdings: die Rechte am künftigen Impfstoff liegen hauptsächlich bei ihm. Er denke aber nicht daran, Biontech zu verkaufen. Und will weiter jeden Tag zur Goldgrube fahren. Mit dem Fahrrad.

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