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Das steckt hinter den Corona-Protesten in Meißen

Seit 12 Wochen trifft sich der Meißner Bürgerdialog. Wer kommt dort jeden Montag zusammen? Ein Stimmungsbild.

Etwa 200 Teilnehmer sind zum Meißner Bürgerdialog auf der Festwiese zusammengekommen.
Etwa 200 Teilnehmer sind zum Meißner Bürgerdialog auf der Festwiese zusammengekommen. © Claudia Hübschmann

Meißen. Die Musik-Anlage klingt deutlich blecherner als noch am Freitag und ist für ein so großes Publikum einfach nicht ausgelegt. Doch weder Polizei noch die Veranstalter haben mit diesem Andrang gerechnet. Die 12. Mahnwache gegen die Coronamaßnahmen muss kurzfristig vom Heinrichsplatz auf die Festwiese am Elbufer verlegt werden. Diesmal begleitet von ungewöhnlich viel Polizei, um die Demonstranten an die Mund-Nasenschutzpflicht und Abstandsregeln zu erinnern.

Während immer mehr Polizei-Vans auf dem Elbparkplatz vorfahren, hängt sich eine Teilnehmerin völlig unbeirrt ihr gelbes "Gratis-Umarmungen"-Schild um und beginnt mit ihrer ganz persönlichen Begrüßungsrunde.

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Trotz des verlegten Treffpunkts treibt es rund 200 Teilnehmer ans Elbufer. Nicht alle sind aus Meißen, einige aus Dresden und sogar Erfurt angereist. Unter den Montagsprotesten gilt der in Meißen als besonders entspannt und ausgelassen; wie der Mai-Tanz am Freitag noch einmal bestätigt hat. Damit das so bleibt, wird zu Beginn ein Liebesbrief vorgelesen, später ein Oswald Spengler-Zitat.

Schon das zeigt, wie schwer es ist, die Bewegung politisch einzuordnen. Bereits vor drei Wochen klagt ein Organisator im persönlichen Gespräch über die einseitige Berichterstattung. Von der tollen Dynamik sei wieder nichts zu lesen gewesen. Dabei würden dort Woche für Woche die unterschiedlichsten Menschen zusammenkommen; viele davon seien vor Corona politisch noch gar nicht Erscheinung getreten und würden deshalb in kein Raster passen.

"Wir müssen gut zur Polizei sein, die war auch gut zu uns"

An diesem Montag spricht eine Notärztin, die den Respekt vor der Polizei verloren hat, ein Vater, der Angst um die Entwicklung seiner vielen Kinder hat, ein Musiker, der zum Glück schon in Rente ist, ein gut angeheiterter Schüler und eine Frau, die extra aus Erfurt angereist ist, um vor "Knaben" zu warnen, die unter Drogen gesetzt würden, um die Bewegung zu spalten. So unterschiedlich die Ansichten und Ängste der Redner am offenen Mikrofon auch sind, allen ist es wichtig, sich von rechts abzugrenzen.

Einige Anhänger möchten das so nicht stehen lassen und deshalb kommt der lauteste – nicht der meiste – Applaus an einer Stelle, wo gar kein Beifall vorgesehen ist. Gerade geht es darum, ihr Bürgerbegehren für eine "lebendige Freiheit" vorzustellen: Als im euphorischen Applaus fast untergeht, dass der Satz, "das ist unser Land" nicht als stumpfe Parole daherkommt, sondern nur ansetzt, um Bürger und Bürgermeister an ihren tatsächlichen, viel größeren, gesellschaftlichen Gestaltungsspielraum zu erinnern; die Demokratie zu verteidigen.

Solange es noch möglich sei, solle die Zeit genutzt werden, um sich von den Folgen der Maßnahmen zu befreien, die viel schwerer wirken als die Krankheit selbst. Die Leidtragenden seien vor allem Kinder. Kinder, die in den Kitas nicht mehr singen dürfen und hinter verhüllten Gesichtern das Lachen verlernen. Wer dem entgegentritt, müsste schon jetzt mit Repressionen rechnen. Dem Veranstalter selbst sei bereits sein Therapieangebot gestrichen worden: "Das sind Dinge, die passieren, wenn man sich gegen das System stellt."

© Claudia Hübschmann

Trotz Ermahnung der Polizei hat kaum jemand eine Maske über den Mund, geschweige denn die Nase gezogen. Den Veranstaltern bereitet das sichtliches Unbehagen: Könnte die Polizei dieses Mal doch ernst machen und die Versammlung abblasen? Letztlich versucht es ein Veranstalter mit beschwichtigenden Worten: "Wir müssen gut zur Polizei sein, die war schließlich auch gut zu uns."

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Zur Entspannung – und gleichzeitigen Belustigung – trägt erst die Ergänzung bei, dass für diese Veranstaltung auch Schals und Tücher als Mundschutz ausreichen. Ein "na heute hilft's doch wieder" raunt durch die Menge.

Zurück zum "alten Leben" reicht den Veranstaltern nicht. Sie wünschen sich eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung. Wie die aussehen sollen, wird wohl in den nächsten Wochen geklärt werden müssen.

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