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Nicht alle Gaststätten werden überleben

Die Gastronomen kämpfen. Was bringen da "Kulinarische Wochen"? Mehr als man denkt, aber sie reichen nicht, um die Krisen zu überstehen.

Thomas Pfenniger betreut Gaststätten und Hotels in der Sächsischen Schweiz und sagt trotz allem: Das Glas ist immer halbvoll.
Thomas Pfenniger betreut Gaststätten und Hotels in der Sächsischen Schweiz und sagt trotz allem: Das Glas ist immer halbvoll. © Marko Förster

To go statt Gaststätte, abholen statt serviert bekommen, geschlossen statt reservieren: Die Gastronomen kämpfen zum zweiten Mal um jedes Essen, jeden Gast und die Zukunft. Und in dieser Zeit haben zum zwölften Mal "Kulinarische Wochen" in der Sächsischen Schweiz stattgefunden. Warum trotz geschlossener Gaststätten, was die davon haben, wie ihnen geholfen wird und wie viele von ihnen überleben werden? Darüber sprach Sächsische.de mit Thomas Pfenniger, Regionalbereichs-Geschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverband Sachsen (Dehoga).

Haben Sie in den vergangenen Wochen etwas von den Kulinarische-Wochen-Menüs bestellt, Herr Pfenniger?

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Aufgrund meines Wohnortes Dresden habe ich bisher zweimal über die Plattform Lokalhelden-Sachsen.de bestellt. Es hat wunderbar funktioniert und war sehr lecker.

Was haben Sie von wem gegessen?

Ente und Kalbsrückensteak, aber das ist reine Geschmackssache. Jedes teilnehmende Unternehmen hat ein wirklich tolles Menü kreiert, um Gäste zu verführen, da braucht es keine weitere Empfehlung meinerseits.

Die Kulinarischen Wochen in der Sächsischen Schweiz hatten weniger Teilnehmer, die Gäste konnten außer am ersten Wochenende nicht in die Gaststätten kommen, was haben diese so ganz anderen Wochen in einer so ganz anderen Zeit den beteiligten Gastronomen gebracht?

In jedem Fall Aufmerksamkeit. Auch ohne Touristen funktioniert ein tolles Speisen- und Getränkeangebot, denn auch die einheimische Kundschaft möchte gut versorgt werden und kulinarische Erlebnisse genießen.

Das mag sein, aber zum richtigen Erlebnis wird das ja erst, wenn man sich auf einen Besuch in einer Gaststätte freuen kann, mit allem Drum und Dran...

Das stimmt in jedem Fall. Deshalb bekommt man jetzt zusätzlich die Möglichkeit, kulinarische Highlights für zu Hause zum Beispiel für ein First Date oder das Menü zum Hochzeitstag usw. zu bestellen. Der Koch kommt quasi ins Haus. Und für unsere Gastronomen bietet diese Krise auch immer eine Chance und die sollten die Unternehmen nutzen z.B. mit verstärkten Abhol- und Lieferangeboten.

Wie stellen Sie sich das mit den Diensten konkret vor?

Unsere Unternehmen haben die Möglichkeit, auf unserer neuen Seite Lokalhelden-Sachsen.de ihre Abhol- und Lieferangebote zu präsentieren. Viele setzen das bereits sehr erfolgreich um und haben Flyer in Briefkästen in ihrer Umgebung verteilt oder bei Social Media Angebote zusätzlich beworben, was sehr gut ankam. Ich gehe davon aus, dass unsere Kundschaft die Abhol- und Lieferangebote verstärkt annehmen werden und sich dadurch zusätzliche Umsätze generieren lassen.

Reicht das den Gastronomen, die Krise zu überstehen?

Demnächst wird es auch möglich sein, auf dieser Seite Gutscheine für das jeweilige Restaurant zu erwerben. Und natürlich mit jeder Menge Beratungen durch uns, aktuell telefonisch und visuell für Chats und das auch am Wochenende seit Beginn der Krise.

Was sind die Themen, die jetzt bei den Beratungen im Vordergrund stehen und was können Sie raten?

Finanzielle Hilfen beantragen, Weiterbildungen der Mitarbeiter und Azubis durchführen, Investitionen und Modernisierung realisieren, digitalisieren und die Möglichkeiten des Programms Gemeinschaftsaufgabe “Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ nutzen. Unsere Beratungshotline ist in der Krise sehr stark gefragt und wir sind dabei, diese weiter auszubauen, um unserer Branche ganz gezielt den Rücken zu stärken.

Die Dehoga hatte erwogen, gegen die Gaststätten-Schließung zu klagen. Was ist daraus geworden?

Da wir als Verein nicht direkt betroffen sind, können wir auch nicht direkt klagen, aber wir haben uns verschiedenen Klagen angeschlossen. Wir werden aber für die Branche Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe einlegen gegen das neue Infektionsschutzgesetz, da dies einen erheblichen Eingriff in die Grundrechte der betroffenen Gastwirte und Hoteliers bedeuten würde. Und wenn die Bundesregierung in Rekordzeit ein neues Infektionsschutzgesetz auf den Weg bringt - konkret geht es um den Entwurf eines „Dritten Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ - in dem auch die Untersagung oder Beschränkung des Betriebs gastronomischer Einrichtungen sowie von Übernachtungen im Falle einer Pandemie geregelt werden, ohne die Unternehmen dafür zu entschädigen, dann wird es weitere Insolvenzen geben.

Gibt es schon Gaststätten, Hotels in der Region, die ihr Aus angekündigt haben?

Ja, die gibt es leider.

Können Sie sagen, wer bzw. wo?

Das verbietet mir auf der einen Seite der Datenschutz und auf der anderen möchte ich das Leid der Betroffenen nicht noch schüren. Aber ein kleines aktuelles Beispiel soll es verdeutlichen: Sie sind 63 mit über zehn Mitarbeitern und bekommen aus diesem Grund keine Hilfe aber können einen Kredit aufnehmen – was tun Sie?

Wie lange hält die Branche noch durch? Wenn nun auch noch das Weihnachtsgeschäft wegfällt...

Das ist eine Frage der Entschädigungsleistung und wann und in welcher Höhe diese fließen. Trotz enormer Investition in gut funktionierende Hygienekonzepte werden wir an der Ausübung unseres Berufes gehindert, ohne konkrete Nachweise für Infektion zu liefern. Eine ganze Branche wird dadurch quasi stigmatisiert und in Verruf gebracht. Jeder weiß aber, dass dadurch die „Infektionsorte“ nur in den privaten, ungeregelten Bereich verschoben werden.

Wie viele der Gastronomen in der Sächsischen Schweiz wird es in einem Jahr noch geben?​

Die Unternehmer in der Sächsischen Schweiz haben bereits viele Krisen gemeistert und sie werden auch diese meistern. Wenn der Inlandstourismus, wie im letzten Jahr weiter stabil bleibt, dann sollten wir als ansprechendes Reiseziel auch mit davon profitieren. Aber es müssen auch Konzepte für Veranstaltungen und Tagungen zugelassen werden, um gerade die Städte wieder zu beleben.

Sie schwanken also zwischen Untergangsszenario und verhaltenem Optimismus?

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Nein, das Glas ist immer halbvoll! Und bei unseren Unternehmern und Mitarbeitern ist das genauso. Es gibt auch ein Leben nach der Krise, und wir werden gestärkt aus dieser hervorgehen, da bin ich sicher.

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