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"Eine vergleichbare Krise gab's lange nicht"

Viele Menschen zwischen Löbau und Zittau leiden psychisch unter Corona-Einschränkungen. Wie stark die Pandemie die Seele krank macht, ist aber umstritten.

Corona und seine Folgen trifft alle - Familien mit Kindern oder Alleinerziehende spüren oft eine große Belastung.
Corona und seine Folgen trifft alle - Familien mit Kindern oder Alleinerziehende spüren oft eine große Belastung. © SZ-Archiv

Wenn Sabine Hiekisch, Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Fachkrankenhaus Großschweidnitz, manche ihrer kleinen Patienten beobachtet, kann sie die Folgen von Corona oft deutlich erkennen: "Ich habe Grundschulkinder erlebt, denen der Elementarunterricht so fehlt, dass sie trotz normaler Intelligenz weder lesen noch schreiben können", berichtet die Ärztin. Und sie fragt sich dann auch, wann die ausgefallenen Stunden aus zwei Schuljahren je wieder aufgeholt werden sollen.

Sie und ihre Kollegen sehen jetzt häufiger entmutigte Kinder oder erschöpfte Eltern, die mit monatelangem Homeschooling überfordert sind und denen der Alltag fehlt. Auf der Hand liegt, dass der Mangel an Tagesstrukturen, sozialen Kontakten und Bewegung depressive Symptome - bis hin zu Selbstmordgedanken fördert. "Suizidgedanken sind jetzt in der Tat häufiger der Grund, eine Notfallvorstellung bei uns zu veranlassen", schätzt die Kinder- und Jugendpsychologin des Fachkrankenhauses ein. Das seien durchaus Folgen von Vereinsamung und Ängsten durch Corona, die viele in unterschiedlichem Maße träfen. "Es kommt immer darauf an, welche Ausgangslage die Familien haben", betont die Ärztin.

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Experten vorsichtig mit Prognose

Dennoch: Die Experten aus dem Krankenhaus Großschweidnitz können wie viele andere Fachleute im Landkreis eben nicht sagen, wie stark diese seelischen Lockdown-Folgen wirklich werden oder bereits sind. Auch nach einem knappen Jahr Corona ist das nicht seriös möglich, denn die Konsequenzen kommen mit großer Verzögerung. "Ich glaube, Ängste, Depressionen, Suchtverhalten im Rahmen der Pandemie nehmen gerade wirklich zu", sagt Frau Dr. Hiekisch. Aber statistisch erfasst werde das am Krankenhaus nicht und eine Klinik biete ohnehin nur eine begrenztes Bild der Wirklichkeit. Nicht jede Verhaltensauffälligkeit in dieser Sondersituation führt zudem zu schwerwiegenden Erkrankungen. Und doch: "Eine vergleichbare Krise hat es die vergangenen Jahrzehnte nicht gegeben", konstatiert Frau Hiekisch. Notsituationen wie im oder nach dem Krieg seien zum Glück lange her: "Da waren wir zuletzt verwöhnt", sagt sie. Ein Lichtblick dennoch: Die Polizei hat aktuell keine erhöhte Suizidrate festgestellt.

Vielleicht ist der Furor vor den Auswirkungen auch deshalb so groß - und so schwer einzuschätzen. Denn auch bei der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer wüsste man nur zu gern, ob da wirklich noch "eine Riesenwelle vor uns her läuft" oder die Menschen die Kraft finden, diese Krise zu überstehen. "Unsere Mitglieder bestätigen jedoch generell, dass die Anfragen von Hilfesuchenden gestiegen sind", sagt Sprecherin Antje Orgass. Dass die Therapeuten förmlich überrollt werden würden, könne sie so nicht bestätigen. Aussagen für den Kreis Görlitz konnte die Sprecherin nicht treffen.

Wer schon Probleme hatte, leidet stärker

Viele Auswirkungen, so gibt man sich auch beim Gesundheitsamt des Landkreises Görlitz auf SZ-Anfrage überzeugt, werden erst mit zeitlicher Verzögerung von Monaten oder gar Jahren sichtbar werden. Auch hier verfügt man über keine Daten oder Statistiken, die einen Anstieg psychischer Erkrankungen durch die Corona-Folgen oder eine gestiegene Suizid-Neigung messbar belegen würden. Vielleicht liegt das auch daran, dass viele Leidende mit ihren Problemen noch gar nicht irgendwo angekommen sind oder nicht wissen, dass sie sich ohne Arztbesuch bei einem Psychotherapeuten einfach anmelden können, wenn sie Hilfe brauchen.

Kontakte in der Umgebung findet man über die Arzt- und Psychotherapeutensuche der Kassenärztlichen Vereinigung (KVS), betont Antje Ograss von der Psychotherapeutenkammer. "Wenn alles Kopf steht, wenn man schneller in Wut gerät, sich nicht mehr beherrschen kann, man die Kinder häufig anschreit oder einem gar die Hand ausrutscht, dann sollte und kann man sich Hilfe suchen", rät sie. Nicht selten reichen zunächst ein Beratungsgespräch oder wenige Sitzungen aus, um mit den Belastungen wieder besser klarzukommen.

Aber gibt es freie Termine? Eine Frage, die von der Kassenärztlichen Vereinigung auf die Schnelle nicht beantwortet werden kann. Erfahrungen vor Ort deuten eher darauf hin, dass es sowohl bei Fachärzten dieses Gebietes als auch bei Therapeuten schon immer schwierig war, einen Termin ohne lange Wartezeit zu bekommen - jetzt erst recht. Immerhin sind im 20-Kilometer-Radius rund um Löbau 43 Anlaufstellen verzeichnet und bei Zittau 17.

Einen Engpass bei den Klinik-Kapazitäten sieht das Fachkrankenhaus in Großschweidnitz nicht: "Die Behandlungskapazitäten reichen aus", heißt es. Es gebe Wartelisten, aber die gab es auch schon vor 2020, sie seien nicht wegen Corona länger geworden. Dass man in Großschweidnitz Betten für Corona-Patienten freihalte, sei nach wie vor so, denn es können ja auch Patienten mit psychischen Leiden das Virus in sich tragen. Momentan habe die Klinik noch acht "Corona"-Betten bei der Krankenhausleitstelle gemeldet. Zwischenzeitlich waren es auch schon einmal rund 20 von 500 Betten.

Lockdown im Winter schlägt mehr aufs Gemüt

Dass der aktuelle Lockdown schwerer zu ertragen ist als der im Frühjahr, hat Gründe: "Wir haben einen Winterlockdown mit dunklen Tagen, ohne Familientreffen zu Weihnachten, sehr viel mehr Infizierten und auch Toten", zählt die Sprecherin der Psychotherapeutenkammer auf. Nun kommen noch die Diskussionen um Mutationen und Impfstoffe hinzu, ohne dass für viele ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen wäre. Wer bereits psychisch labil ist, hat darunter verstärkt zu leiden, das sei sichtbar, betont auch die Pressesprecherin des Landkreises, Julia Bjar.

Auch in den Beratungsstellen des Kreises sei deutlich zu spüren, dass in der Pandemie Ängste jeglicher Art, depressive Verstimmungen und Suchtprobleme zunehmen. Auch bei Menschen, die bislang keine solchen Probleme kannten, denn viele kommen jetzt an Grenzen, weil sie Kinder oder Eltern pflegen oder ihre Existenz bedroht sehen. Bei der Oberlausitzer Telefonseelsorge war Corona im vergangenen Jahr zentrales Thema bei rund 12.000 Telefonkontakten und rund 2.000 längeren Gesprächen, die sich daraus ergeben haben. "Allein im letzten Jahr wurden zwölf Prozent mehr Seelsorgegespräche geführt", führt Kreissprecherin Bjar an.

Dass bei der Diskussion um die seelischen Folgen von Corona meist der Blick vor allem auf Familien mit Kindern oder alten, einsamen Menschen liegt, ist freilich zu kurz gegriffen: Auch Ärzte und Pflegekräfte, die derzeit über die Gebühr viel leisten, aber ebenso Menschen, die nach einer Corona-Infektion lange nicht genesen und an körperlichen Folgen leiden, können seelisch in die Bredouille kommen. Ob Menschen mit Demenz es jetzt besonders schwer haben, ist umstritten. Einige Heimleiter im Kreis Görlitz betonen, dass weniger Besuche diese Menschen mehr zur Ruhe kommen lasse, anderen vertraute Kontakte erst recht fehlen. Solche Widersprüche kennt auch Psychologin Hiekisch aus ihrem Alltag: "Natürlich gibt es jetzt auch Kinder und Jugendliche, die sonst unter Druck und sozialen Ängsten leiden, für sie bringt diese Zeit eine gewisse Erleichterung."

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