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"Der Druck auf die Eltern ist enorm"

Die Familienberatungsstelle der Diakonie Pirna hat derzeit besonders regen Zulauf. Diplomsozialarbeiterin Astrid Richter im Interview mit Sächsische.de.

Astrid Richter arbeitet in der der Erziehungs- und Familienberatungsstelle der Diakonie Pirna .
Astrid Richter arbeitet in der der Erziehungs- und Familienberatungsstelle der Diakonie Pirna . © Daniel Schäfer

Lockdown, Homeschooling, strikte Einschränkung der sozialen Kontakte. Frau Richter, vielen Familien fällt derzeit die Decke auf den Kopf. Türen fallen häufiger laut zu und Konflikte bleiben nicht aus. Merken Sie das auch in der Diakonie-Beratungsstelle?

Im Großen und Ganzen haben sich die Probleme nicht verschoben. Hauptsächlich beraten wir bei Scheidungen und Trennungen, bei Entwicklungs- und Erziehungsfragen und emotionalen Problemen. Aber in der Tat werden in diesen Zeiten auch immer häufiger spezifische Corona-Fragen an uns herangetragen. Zum Beispiel, wie gestalten wir die Umgangsregelung des Kindes, wenn eine Elternteil in Quarantäne ist, die Kinderbetreuung wegfällt oder durch Homeoffice die Arbeitszeiten abgedeckt werden müssen. Und wir merken auch, dass es aufgrund der Corona-Pandemie mehr Beziehungsprobleme und Auseinandersetzungen gibt, da in den meisten Familien die feste Alltagsstruktur wegbricht.

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Was genau für Probleme sind das?

Die Eltern erleben häufig eine Mehrfachbelastung. Sie müssen Eltern, aber ebenso Lehrer, Medienexperte und Motivator sein. Viele Väter und Mütter haben Ängste, dass ihr Kind den Schuljahresabschluss nicht schafft und erarbeiten sich den Lernstoff selber, um dann an die Kinder weiter zu vermitteln. Wer jetzt aber mehrere Kinder hat, kommt schnell an seine Grenzen. Der Druck auf die Eltern ist also enorm. In diesem Zusammenhang möchte ich nochmals betonen, dass wir im Team es absolut beachtlich finden, was die Eltern derzeit leisten. Da ziehen wir den Hut.

Und wie empfinden die Kinder? Wie erleben sie die Situation?

Auch für sie ist die Lage natürlich schwierig. Nicht alle schaffen es, sich zu strukturieren und möglichst selbstständig für die Schule zu arbeiten. Zumal ja auch die Plattform Lernsax nicht immer einwandfrei funktioniert. Das erschwert die Situation einmal mehr. Hinzu kommt, dass Freizeitangebote wie Sport und Treffen mit Gleichaltrigen größtenteils wegfallen.

Was raten Sie also in dieser angespannten Situation?

Eltern sollten sich nicht scheuen, bei Problemen den persönlichen Kontakt mit dem Lehrer ihrer Kinder zu suchen. Dann haben Sie eine direkte Rückmeldung und können die Situation besser einschätzen. Viele Lehrer sind sehr engagiert, haben wir festgestellt. Einige machen auch Einzelbetreuung und gehen Aufgaben mit den Schülern am Telefon durch. Das scheint besonders gut im Grundschulbereich zu funktionieren. Und Eltern sollten, statt sich selber unter Druck zu setzen, besser schauen, ob nicht Hilfe auch von außen kommen könnte. Ich meine jetzt zum Beispiel ein Mitglied in der Verwandtschaft, der mit dem Sohn oder der Tochter zum Beispiel nochmal die Redox-Reaktion in Chemie durchgeht. Vielleicht gibt es auch jemanden in der Nachbarschaft, der im schulische Bereich unterstützen kann, um somit die Eltern zu entlasten. Zudem ist es sinnvoll, gemeinsam mit den Kindern einen geeigneten Tagesplan mit Lern- und Pausenzeiten aufzustellen.

Halten Sie persönlich die Maßnahme Homeschooling für gerechtfertigt?

Dazu kann ich mich nicht äußern, da ich kein Virologe oder Arzt bin. Aber ich hätte mir gewünscht, dass man Unterricht in kleineren Gruppen zugelassen hätte. Eines dürfen wir nicht vergessen: Besonders Kinder, die zuhause keinen Ansprechpartner für Schulsachen, keine technischen Geräte oder Sprachschwierigkeiten haben, verlieren schnell Lust und Anschluss.

Die Diakonie-Familienberatungsstelle hat seit Sommer 2020 die Öffnungszeiten dauerhaft verlängert. Wie finden Beratungen überhaupt in Corona-Zeiten statt?

Unsere Telefonanlage haben wir bereits im vergangenen Jahr aufgerüstet. Wir bieten aber auch Beratungen per Videokonferenz an. Die Erstberatung erfolgt weiterhin meistens in einem persönlichen Gespräch bei uns vor Ort. Natürlich werden dabei die Hygieneregeln eingehalten.

Die Beratungen sind kostenlos, oder?

Richtig. Wir unterliegen außerdem der Schweigepflicht. Jeder kann sich bei einem Problem im Bereich Familie, Kinder und Erziehung bei uns anmelden. Das Erstgespräch findet in der Regel innerhalb der ersten zwei Wochen statt. Für manche ist es auch einfach nur wichtig, sich jemandem anzuvertrauen. In diesem Jahr werden wir auch weiterhin unsere Gruppenangebote für Eltern und Kinder durchführen.

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