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"Schockwellen": So ist die Corona-Doku im Ersten

Der Dokumentarfilm "Schockwellen" in der ARD erzählt chronologisch die Corona-Pandemie – ohne Kommentar, direkt und ungefiltert.

Covid-19 ist die erste Pandemie, die live von der Welt verfolgt wird. Der Film erzählt sie chronologisch.
Covid-19 ist die erste Pandemie, die live von der Welt verfolgt wird. Der Film erzählt sie chronologisch. © rbb Presse & Information

Von Andreas Körner

Grünkohl ist aus! Der Ton des Filialleiters ist leicht süffisant, überrascht von Realitäten, die er seit ein paar Tagen in seinem Supermarkt erlebt. „Grünkohl aus der Dose macht kein Mensch mehr! Zwei Jahre hatten wir den schon hinten, hält sich ja ewig. Hatten den mal aus Versehen für Weihnachten bestellt. Jetzt ist er weg.“

März 2020, irgendwo in Deutschland. Die Hamster sind los. Anderswo wird Desinfektionsmittel geklaut, verschenkt die Bevölkerung rare Masken an Krankenhauspersonal oder hortet Klopapier. Könnte ja sein, dass man mal mehr davon braucht – nach dem Grünkohlessen zum Beispiel. Es sind alles andere als neue Bilder und Töne, die man im Dokumentarfilm „Schockwellen“ zu sehen und zu hören bekommt. Im Gegenteil: Es sind die oft und zu oft gesehenen und gehörten. Die millionenfach versendeten Bilder und Töne, die verstört machten, satt und aggressiv, die berührten und bewegten, denen man glaubte und die man hinterfragte, die man vielleicht auch hochrechnete zu jenen, um die man sich selbst kümmern wollte.

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Die Gefahr ist zu hören

Regisseur Volker Heise und sein Stab wurden zu Chronisten einer Krise. Zeitig sammelten sie Nachrichten- und Reportagesplitter, um später dann beim Nachforsten zu prüfen, was hängengeblieben ist. Fortlaufend schauten sie Hunderte Berichte und Talkshows, checkten Blogs, kooperierten mit internationalen Agenturen und TV-Stationen. Ziel war eine „Collage, die sich zu einem großen Bild“ fügen sollte. Für den Herbst 2020, dann, wenn die „Nachrichten aus der Pandemie“, wie der Film jetzt im Untertitel heißt, viel leiser oder gar verschwunden sein würden. Heute verwundert es, dass, wie Volker Heise im Interview sagt, schon im Sommer eine erste Schnittversion existierte. Doch dann hätte es jeden Tag einen neuen Schlenker gegeben – und das Jagen und Sammeln ging weiter.

Das jetzt 90-minütige Fleiß-Stück beginnt mit Schrifttafeln: „Am 31. Dezember 2019“, ist zu lesen, „bereitet sich die Welt auf die Silvesterfeiern vor. In der chinesischen Stadt Wuhan häufen sich Fälle einer rätselhaften Lungenkrankheit. Das alte Jahr geht. Das neue Jahr kommt.“ Die Musik, die darunter liegt, hat das nervöse Pluckern einer in Noten gesetzten Gefahr. Komponistin Ulrike Haage findet durchgängig so fragile wie emotionalisierende Töne, ohne „Schockwellen“ aufdringlich zu forcieren. Stark! Auch der Verzicht auf Kommentar ist längst zwar gängig im Dok-Genre, hier aber essenziell. Weil sich allein über das Schnittkonzept Kontexte neu erschließen können, wenn man als Betrachter sich selbst noch einmal in Beziehung zu Fakten und Gefühlen bringen mag, zum eigenen Weg, den man hin zu Entscheidungen pro oder contra gegangen ist. Da braucht es keinen Leit-Text, gleich gar keinen bedeutungsschwanger eingesprochenen.

Die Eigenwerbung der ARD, die diese RBB- Produktion mit „direkt, unvermittelt, ungefiltert“ vorstellt, im Nachtprogramm bringt und sich von der Mediathek mehr Resonanz erwartet, täuscht. Filtern zum Beispiel war allein aufgrund der Masse an Material dringend geboten und völlig normal, also nicht per se ein Makel. Und Montage war immer schon ein künstlerisches Statement. Der 59-jährige Volker Heise ist ein erfahrener Teamfilmer, erprobt im porträtierenden Bereich, fit im Essayistischen, gern unterwegs in Sachen „living history“ („Das Schwarzwaldhaus“) und Echtzeitdokumentarischem („24 h Berlin/Bayern/Jerusalem/Europa“).

"Schockwellen" im Zeitraffer

Auch für „Schockwellen“ hat er zunächst Geschichten gesucht, die zu den Nachrichten zu packen wären, im Kern geleitet von Reaktionen bundesdeutscher Bürger auf Entscheidungen verantwortlicher Politiker. Heise wusste, dass es „anmaßend“ ist und er in eineinhalb Stunden extrem verdichten und bündeln muss, ganze Menschengruppen wenn schon nicht vergessen, dann aber nur knapp berühren würde. „Schockwellen“ ist als Zeitraffer keine systemische Analyse oder Obduktion, keine akribische Fehlersuche. Das sollten und müssten andere Filme leisten, die noch zu drehen sind.

Anfangs kommen Bilder und Töne noch von draußen. Aus China und den USA, aus Davos, wo Bundesgesundheitsminister Spahn selbst ein Glied der fortan gern benutzten Argumentationskette liefert: „Wir wissen, was zu tun ist. Wir sind vorbereitet. Wir sollten es aber auch nüchtern betrachten. In Deutschland sterben bis zu 20 000 Menschen an der Grippe.“ Die ersten Corona-Infizierten eines bayerischen Autozulieferers werden zwar stationär aufgenommen, sind aber, wie kolportiert wird, „pumperlgsund“. Erst der Karneval im Westen bringt etwas Nervosität unters „Helau und Alaaf!" Es ist nicht mehr lange hin bis Drama, Drosten, Grünkohl aus!

Nein, er werde keinen wegstoßen, der ihn anspricht, sagt ein Mann. Ein anderer fragt, was ein Leben ohne soziale Kontakte sei und antwortet selbst: „Traurig, scheiße, langweilig.“ Die Mikrofonstangen der Reporter werden bei Gesprächen auf der Straße länger, die Pressekonferenzen der Minister leerer. Voller wird es bei Demonstrationen auf den Straßen, eine sächsische Frau wird dort untertitelt, obwohl sie auch nicht undeutlicher spricht als andere. Homeschooling sei in Deutschland strengstens verboten, wettert eine Mutter, jetzt plötzlich hieße es: Macht das mal! Tönnies, Bergamo, trostlose Kulturstätten und Kneipen, sich stapelnde Särge im Krematorium Meißen, herzerweichende Berührungen eines hochbetagten Paares, das nicht weiß, wann es sich wiedersieht und ob die Eiserne Hochzeit noch zu feiern sein wird, frohe Biontech-Kunde aus der Firmenzentrale „An der Goldgrube 12“.

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Die Chronologie der Ereignisse und Verwerfungen bekommt in signalisierendem Rot nur Jahreszeiten als Kapitelnamen. Winter und Frühling sind zweimal dabei. „Schockwellen“ endet mit verbrennenden Leichen aus Indien und Zahlen aus dem Juni 2021. Für Volker Heise bleibt ein nüchternes Fazit: „Nach der Krise ist vor der Krise. Sie wird zum Dauerzustand. Wir als Bürger müssen damit besser umgehen. Wir müssen das aushalten."

  • „Schockwellen – Nachrichten aus der Pandemie“ läuft am 30. Juni, 22.50 Uhr in der ARD und steht dort bereits in der Mediathek

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